von Dr. ULRICH LUIG

Die Gründungsphase

Der Weltfriedensdienst wurde während einer Tagung im Dezember 1959 in der evangelischen Akademie Berlin gegründet. Die Gründergeneration war geprägt von den Erfahrungen der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges. Die meisten von ihnen waren politisch engagierte Christen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung mit den ehemaligen Feinden Deutschlands einsetzten.

Die Themen dieser Zeit waren bestimmt durch den Kalten Krieg und die atomare Aufrüstung zwischen Ost und West auf der einen Seite und die Notwendigkeit der Überwindung von Armut durch Entwicklung in den Ländern des Südens auf der anderen Seite. Frieden und Entwicklung bestimmten daher die Vision von einem „Weltfriedensdienst“ von Anfang an. Dabei wurde nicht nur Entwicklung, sondern auch Krieg und Frieden als dynamische Prozesse verstanden. Eugen Rosenstock-Huessy, der geistige Vater des Weltfriedensdienstes, formulierte daher: „Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, sondern Friedensdienst“.

Internationaler Freiwilligendienst für Entwicklung, Frieden und Versöhnung

Ursprünglich gedacht war der Weltfriedensdienst als ein Bündnis von Freiwilligendiensten aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, die in Kurzzeiteinsätzen (Workcamps) gemeinsame Aufbauarbeit in Krisen- und Notgebieten der Welt leisten sollten. Dabei würden sich die Freiwilligen untereinander und die jeweilige Bevölkerung kennen und respektieren lernen und so zu Entwicklung, Frieden und Versöhnung in der Welt beitragen. Das meinte der Name Welt-Friedens-Dienst.

Die Arbeit des Weltfriedensdienstes begann 1960 mit einem Aufbauprogramm für die nordgriechische Kleinstadt Servia, die im 2. Weltkrieg von deutschen und italienischen Truppen völlig zerstört worden war. Danach wurden Freiwillige in kleinere Projekte in Ägypten, Indien, Afghanistan und Kamerun entsandt. 1962 kam die Arbeit für einige Jahre zum Erliegen.

Fachdienst für Gemeinwesenarbeit (Community Development)

Einen Anlauf zur Neubelebung des Weltfriedensdienstes unternahm der evangelische Theologe Wilfried Warneck. Warneck war der Mitbegründer der ökumenischen Gemeinschaft Laurentiuskonvent, die das gemeinschaftliche Leben als Christen mit dem sozialen Einsatz in der Obdachlosenarbeit im Köln-Bonner Raum verband. Die Methode für diese Arbeit zielte darauf ab, gesellschaftliche Randgruppen zu befähigen, ihre eigenen Interessen zu erkennen, gemeinsam zu formulieren und diese dann selbstbestimmt, solidarisch und gewaltfrei wahrzunehmen. Für den Neubeginn der Arbeit des Weltfriedensdienstes verband Warneck diesen Ansatz der Gemeinwesenarbeit (community development) mit der Rosenstock-Huessyschen Idee eines Weltfriedensdienstes, der die Grenzen zwischen Nationen und Kulturen überwinden und weltweit Freunde gewinnen sollte. Inlands- und Auslandsarbeit waren dabei gleichberechtigt aufeinander bezogen.

Im Oktober 1967 wurde ein erstes Projekt dieser neuen Phase im Süden der Elfenbeinküste begonnen, das sich zu einem regionalen Programm der Gemeinwesenarbeit entwickelte. 1968 begann ein Team des Weltfriedensdienstes zusammen mit Frauen aus 2 palästinensischen Dörfern in den von Israel besetzten Gebieten mit dem Aufbau einer Handarbeitskooperative, die bis heute besteht. Im Laufe der 1970er Jahre wurden weitere Projekte der Gemeinwesenarbeit in Abstimmung mit den jeweiligen Regierungen in den Westafrikanischen Staaten Gambia, Senegal und Burkina Faso organisiert und jeweils nach ca. 10 Jahren übergeben.

Neben diesen Projekten der Gemeinwesenarbeit beteiligte sich der Weltfriedensdienst mit Entwicklungshelfern an mehreren Ausbildungsprojekten in Lateinamerika. So wurden in den Jahren 1969 bis 1973 Ausbildungsstätten in Brasilien, Ecuador und Bolivien unterstützt.

Projektpartnerschaften mit Befreiungsbewegungen an der Macht

Ab Anfang der 1970er Jahre prägten die Rückkehrer aus den Projekten durch Mitarbeit im Vorstand, in Beiräten und bei Studientagen die Arbeit des Vereins. Ihre Erfahrungen hatten zunehmend Zweifel aufkommen lassen, ob im Rahmen von Community Development-Programmen der jeweiligen Regierungen selbstbestimmte Entwicklung der benachteiligten ländlichen Bevölkerung tatsächlich möglich sei. Gleichzeitig bestimmten sozialistische Gesellschaftsmodelle die entwicklungspolitische Diskussion in Deutschland. Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien in Afrika sowie in der Siedlerkolonie Südrhodesien (Simbabwe) wurden dabei zu Hoffnungsträgern für eine Vision von der Befreiung von kolonialer Herrschaft und dem Aufbau einer gerechten und solidarischen Gesellschaft. Diese Ziele teilte der Weltfriedensdienst und wollte zu deren Verwirklichung beitragen. Dazu wurden nun Projekte der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) mit dem Schwerpunkt der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der Bevölkerung zur bevorzugten Arbeitsweise.

Noch vor dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft wurden erste Kontakte geknüpft, die 1977 zu einem Projekt der Entwicklungszusammenarbeit auf den kapverdischen Inseln und zum Aufbau eines Programms für die Entsendung von Fachkräften nach Mozambique führten. Ebenso wurden bestehende Kontakte kurz nach dem Ende der weißen Herrschaft in Simbabwe im Jahre 1980 zu einem ländlichen Entwicklungsprojekt weiter entwickelt. Simbabwe ist bis heute das Land mit den meisten Partnerschaftsprojekten des Weltfriedensdienstes. 1984 wurde die Mitarbeit in einem ländlichen Entwicklungsprojekt in der ehemals portugiesischen Kolonie Guinea-Bissau begonnen, wo der Weltfriedensdienst ebenfalls bis heute mit Projektpartnern zusammenarbeitet.

Entwicklungspartnerschaft und Menschenrechte

Die Erfahrungen mit kolonialen rassistischen Unterdrückerregimen und das zunehmende Bewusstsein von globalen wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeitsverhältnissen auch in der Entwicklungspolitik führten zu einer zunehmenden Politisierung im Weltfriedensdienst. Mit der Abkehr von Projekten der Gemeinwesenarbeit zugunsten von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit war zugleich eine wichtige Umorientierung im Selbstverständnis und in der Arbeitsweise des Weltfriedensdienstes verbunden. Partnerschaft auf Augenhöhe bei klarer Aufgabenteilung und Hilfen bei der Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse der Menschen im Projektland, aber auch der gemeinsame Kampf um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten wurden nun zu den wichtigsten Leitlinien bei der Auswahl von Partnerorganisationen und Projekten des Weltfriedensdienstes. Bevorzugte Partner wurden nun bereits existierende Organisationen im ländlichen Raum, deren Arbeit personell und materiell durch den Weltfriedensdienst unterstützt wurde.

Nach dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft in Afrika und des Siedlerregimes in Simbabwe blieb jedoch der Apartheidstaat in Südafrika weiterhin ein System der Verweigerung von Menschenrechten für die schwarze Bevölkerungsmehrheit. Daher beschloss die Mitgliederversammlung 1979, Projekte zur Unterstützung von Flüchtlingen im südlichen Afrika zu fördern. Gemeinsam mit der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) WFD unterstützte der Weltfriedensdienst ab Anfang der 80er Jahre südafrikanische Flüchtlinge in Tansania, Botswana und in Simbabwe. Ab 1985 kooperierte der Weltfriedensdienst mit Aktionsgruppen gegen die Apartheids-Politik in Pietermaritzburg/Südafrika und begleitet dies mit einer entsprechenden Bewusstseinsbildenden Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland.

Von Nord und Süd zu einer Welt

Mit der wachsenden Kritik am Konzept der „nachholenden Entwicklung“ in der Entwicklungszusammenarbeit (mit Europa als Maßstab) veränderte sich auch die entwicklungspolitische Szene in Deutschland. Der Weltfriedensdienst beteiligte sich aktiv an der Gründung neuer Zusammenschlüsse der Nicht-Regierungsorganisationen (z.B. VENRO, BER), um die Interessen der Partner in den armen Ländern der Welt besser vertreten zu können. Mit der Beteiligung an Kampagnen gegen die Zusammenarbeit deutscher Firmen und Banken mit dem südafrikanischen Apartheidsregime Ende der 1980er Jahre gewann die politische Friedensarbeit in Deutschland für den Weltfriedensdienst einen eigenen Stellenwert. Ab April 1987 wurde die Quartalsschrift „Querbrief“ zu einem wichtigen Diskussionsforum aktueller Zeitfragen unter dem Motto „Für eine Veränderung des Bewusstseins und der Politik“.

Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Fall der Berliner Mauer 1989 erhielt das Bewusstsein, in einer gemeinsam zu gestaltenden Welt zu leben, eine neue Grundlage. Die auf mehrere Jahre angelegten Projekte zu den Themen „Antirassismus“ (ab 1992) und „Versöhnung“ (ab 1997) bezogen TeilnehmerInnen aus verschiedenen Teilen der Welt ein und verbanden so Inlands- und Auslandsarbeit zu Projekten der „Einen Welt“. Das Konzept der globalen Partnerschaft und internationalen Zivilgesellschaft wurde damit im persönlichen Miteinander erfahrbar. Auch durch die engagierte und professionelle Öffentlichkeitsarbeit gegen fremdenfeindliche Übergriffe in Deutschland zu Beginn der 1990er Jahre gewann der Weltfriedensdienst ein anerkanntes Profil als engagierter Friedensdienst.

Mit der Integration der Stiftung „Internationale Solidarität und Partnerschaft“ (SIS) im Jahr 2002 kamen die Betreuung und Vermittlung von Projektpartnerschaften sowie die finanzielle Förderung von Kleinprojekten als weitere Arbeitsschwerpunkte für den Weltfriedendienst hinzu. Die ca. 60 Partnerschaftsprojekte der SIS waren vor allem an deutschen Schulen angesiedelt und ermöglichten einen unmittelbaren Kontakt zu lokalen Initiativen insbesondere in Südamerika. Das Konzept der globalen Partnerschaft als Bestandteil der internationalen Zivilgesellschaft wurde damit um eine weitere Fassette erweitert.

Ziviler Friedensdienst in Krisengebieten

Mit dem Ende der atomaren Bedrohungen im Ost-West-Konflikt gewannen die regionalen Konflikte insbesondere in Afrika neue Bedeutung. Mit der Beteiligung an der Gründung des zivilen Friedensdienstes (ZFD) „zur Förderung von Friedenspotenzialen in der Zivilgesellschaft“ kehrte der Weltfriedensdienst gleichsam zu den Ideen seiner Gründerzeit zurück: Versöhnungs- und Entwicklungsarbeit in Post-Konflikt-Gesellschaften. An diesem Kooperationsprogramm zwischen Staat (Finanzierung durch das BMZ) und zivilgesellschaftlichen Akteuren (Ausführung durch NROs) beteiligte sich der Weltfriedensdienst zuerst 1999 als Partner der Menschenrechtsorganisation Zimrights (Zimbabwe Human Rights Association) bei der Versöhnungsarbeit in Matabeleland in Zimbabwe. Erste Friedensfachkraft des WFD wurde Alain Sitchet aus Kamerun. ZFD-Projekte in Krisenregionen insbesondere in Afrika und Palästina gehören seitdem zum festen Bestandteil der Arbeit des Weltfriedensdienstes.

Ausblick

Die Kontinuität in der Orientierung an Frieden, Entwicklung und Menschenrechten hat bis heute das Selbstverständnis und die Arbeitsweise des Weltfriedensdienstes bestimmt. Dies ist vor allem den Mitgliedern, Mitarbeitern und Unterstützern des Weltfriedensdienstes zu verdanken, die trotz unterschiedlicher weltanschaulicher oder religiöser Herkunft auf dieser Basis zusammenarbeiten. Die Reflexion der gemeinsam gemachten Erfahrungen und die Fähigkeit, das eigene Selbstverständnis und die Arbeitweise im Blick auf die aktuellen Herausforderungen kritisch zu hinterfragen und neu zu bestimmen, gehören ebenso zu den Stärken des Weltfriedensdienstes. Dem großen Namen Welt-Friedens-Dienst auch mit begrenzten Mitteln gerecht zu werden, bleibt eine Herausforderung, die den Verein lebendig hält.

Hier finden Sie eine Chronologie des Weltfriedensdienst

05.07.2016

Gepostet in: Mitgliedschaft und Vorstand

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