Einblick: Weltfriedensdienst e.V. im südlichen Afrika (erschienen im Querbrief 2/2017) 

Wann fängt der Film an? In der Grundschule Ngolowindo in Salima, Malawi, warten. Schülerinnen, Schüler und Erwachsenen in einem kahlen Klassenraum darauf, dass die Filmvorführung beginnt. Draußen haben sich jede Menge Kinder versammelt und hoffen, durch die Fenster einen Blick auf die Leinwand zu erhaschen.Kinder STEPS Südliches Afrika

Der Film „A Mother at 15“ – Eine Mutter mit 15 – beginnt jeden Moment. Es ist die Geschichte von Mariam, einer Teenager-Mutter, die sich gezwungen sieht, ihre Schulausbildung abzubrechen. Der Kindsvater machte sich aus dem Staub, als sie im dritten Monat schwanger war. Als junge Mutter kann sich Mariam nur darauf verlassen, dass ihre eigene Mutter sie und das Kind mit über die Runden bringt. Sie will auch arbeiten gehen. Der Schulabbruch ist für Mariam eine logische Konsequenz ihrer Schwangerschaft. Doch als das STEPS-Filmteam sie bittet, ihre Geschichte in einem Film zu erzählen, ändert sich alles. Sie befragt den Gemeindevorsteher, ihre eigene Mutter und andere minderjährige Mütter. Das stärkt ihr Selbstvertrauen. Sie beschließt, wieder zur Schule zu gehen. Und das ermutigt ihre Schicksalsgefährtinnen, es ihr nachzutun.

Das partizipative Filmprojekt, das von der Partnerorganisation des Weltfriedensdienst e.V. STEPS zusammen mit dem malawischen Partner SASO entwickelt wurde, verlieh Mariam eine Stimme. So konnte sie ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen, sie konnte Vorbild sein für viele.

Während des Films ist es still im Publikum, alle sind voll bei der Sache. Als der Abspann endet, beginnen junge Moderatorinnen von STEPS ein Gespräch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern über den Film. Es gibt viele Wortmeldungen. Fast alle möchten etwas kommentieren oder eine Frage stellen.

Ein Mädchen kennt MariSTEPS Schule Teenagermutteram noch aus ihrem Dorf. Sie reagiert sehr emotional denn der Film zeigt eine wahre Lebensgeschichte. Viele Mädchen werden schwanger und brechen die Schule ab. Heirat scheint der einzige Weg aus der Armut, doch die meisten Mädchen werden bitter enttäuscht. Die Kindsväter sind selbst noch jung, gehen oft noch zur Schule oder haben diese abgebrochen, um nach Jobs zu suchen. Wie Mariam stehen diese jungen Mütter am Ende ganz ohne finanzielle Unterstützung da.

Ein anderes Mädchen im Publikum erzählt ihre eigene Geschichte. Sie wurde mit 14 Jahren Mutter. Zum Glück ist auch ihre eigene Mutter bereit, sie zu unterstützen, und hat sie dazu gebracht, doch noch einen Schulabschluss zu machen.

Eine Mutter im Publikum erklärt, dass sie schlicht nicht wusste, dass jugendliche Mütter überhaupt zurück in die Schule gehen dürften. Der Film hat ihr die Augen geöffnet, sie wolle gleich anderen Müttern erzählen, dass sie ihre Töchter zurück zur Schule schicken können.

Während die ModeratorInnen die Diskussion noch lange nach Ende des Films fortsetzen, sprechen wir mit einigen Erwachsenen im Publikum. Unter ihnen die Schulleiterin, ein Gesundheitshelfer und zahlreiche Mütter. Sie sind beeindruckt davon, wie die jungen ModeratorInnen das Publikum dazu bewegen, offen über diese sensiblen Themen zu sprechen. Im Raum herrscht eine Atmosphäre des Vertrauens und die Jugendlichen fühlen sich frei zu sprechen und teilen persönlichen Erfahrungen mit anderen wie es ist, stigmatisiert oder verurteilt zu werden. Der Gesundheitshelfer hat den Film auch im Gesundheitszentrum gezeigt. „Wir sehen, dass Jugendliche heute anders sind als noch vor 10 oder 20 Jahren. Wir können vor diesen Problemen nicht wegrennen. Wir müssen mit den jungen Menschen offen über die Realität sprechen, wie in Mariams Film. Wir ermutigen die Jugendlichen ins Gesundheitszentrum zu kommen – da bekommen sie Verhütungsmittel. Wir bieten aber auch HIV-Tests, Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten und Beratung bei der Familienplanung an.“

Die Schulleiterin erklärt: „Wir versuchen mit allen Mitteln die Mädchen dazu zu ermutigen, in der Schule zu bleiben oder bald ihren Abschluss nachzuholen. Aber das kann nur gelingen, wenn auch das Umfeld die Mädchen dabei unterstützt. Zusammen mit einem Mütter-Club hat die Schule begonnen, Damenbinden an die Mädchen zu verteilen, so dass die Mädchen, die kein Geld für Hygieneartikel haben, nicht der Schule fernbleiben müssen. Außerdem gibt die Schule Essen an alle Schülerinnen und Schüler aus, so dass sie mindestens eine Mahlzeit am Tag haben. Sie zeigt uns die aktuelle Liste der Jungen und Mädchen, die nicht mehr zur Schule kommen. Mit Hilfe der Mütter-Clubs und der Gemeindevorsteher versuchen sie, jedem Fall nachzugehen. Wenn die Eltern sich dagegen sträuben, ihre Kinder zurück in die Schule zu lassen werden sie gemeldet und sanktioniert. So haben sie es bereits geschafft, 48 verheiratete Mädchen zurück in die Schule zu holen und eine von ihnen hat sogar gerade die Prüfungen geschafft, so dass sie in die weiterführende Schule wechseln kann.

SASO Direktor Paul Duncan bestätigt: „Wir haben positive Veränderungen in den Schulen bemerkt, mit denen wir zusammenarbeiten.“ Eine Schule berichtet von 200 Mädchen, die der Schule fernblieben. Als die ModeratorInnen während einer Filmvorführung sagten, dass die hohe Schulabbruchrate meistens mit Druck vom Elternhaus zusammenhinge, organisiert SASO ein Treffen aller Beteiligten. Ein halbes Jahr später berichtet die Schule, dass über 100 Mädchen zum Unterricht zurückgekehrt sind.

Die Zusammenarbeit von wichtigen Meinungsführern – Dorfvorstehern, Lehrern, Jugendvertretern, Eltern, Vertretern des Gesundheitsministeriums, Jugendclubs und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen im Salima District – ist vorbildlich. Während eines Gemeindetreffens erleben wir den Willen Kinderehen zu beenden, Teenager-Schwangerschaften zu reduzieren und die Kinder wieder zurück in die Schule zu holen. Die Gemeinde benennt unter anderem tief verwurzelte Traditionen, die hohe Analphabetenrate und die extreme Armut, aber sie sind entschlossen weiterzukämpfen.STEPS Gemeindebesprechung südliches Afrika

Mariams Mutter und Großvater, ein Gemeindevorsteher, sind auch auf dem Treffen. Seit der Produktion des Films ist Mariams Mutter Aktivistin und mobilisiert andere Eltern, ihre Töchter dabei zu unterstützen, die Schule fortzuführen. Anfangs haben viele Nachbarn nicht verstanden, weshalb sie ihrer Tochter erlaubt hatte in dem Filmprojekt mitzumachen. Viele Eltern im Dorf haben selbst die Schule nicht beendet oder sie überhaupt besucht und können nicht verstehen weshalb sie so leidenschaftlich für Bildung kämpft. Um ihre Familien zu ernähren, verheiraten sie ihre Töchter früh und schicken ihre Söhne los, um Arbeit zu finden. Aber Mariams Mutter gibt nicht auf und sie ist stolz darauf, nach Filmaufführungen vor dem Publikum zu stehen und die Diskussion zu moderieren. Stipendien, die sie und Mariam durch die Filmvorführungen erhalten, haben geholfen ihr Leben zu verbessern. Sie hat auch einen Gemüsegarten mit Samen angelegt, die sie von SASO erhalten hat, um die Familie besser ernähren zu können.

Gemeindevorsteher wie Mariams Großvater spielen eine zentrale Rolle, um neue Gesetze durchzusetzen, die die sexuellen Rechte von Jugendlichen schützen und Zugang zu Bildung ermöglichen. Als 2015 ein neues Gesetz das Mindestalter für eine Heirat in Malawi auf 18 Jahre heraufsetzte, kamen die Gemeindevorsteher zusammen und entwickelten zusätzliche lokale Gesetze, die halfen, das neue Gesetz auf Gemeindeebene durchzusetzen.

Gemeindevorsteher Maganga erklärt: „Es ist unsere Aufgabe als Vorsteher, diesen Kinderehen nachzugehen, denn einige Eltern behaupten ihre Kinder wären über 18 Jahre. Wir müssen sicherstellen, dass das auch stimmt. Üblich war, schwangere Mädchen in die Familien des Bräutigams zu geben. Aber das haben wir abgeschafft, die Dinge haben sich geändert. Wir haben uns mit den Eltern der Mädchen und auch der Jungen zusammengesetzt und überlegt wie wir mit dem Thema am besten verfahren. Mädchen werden nun nicht mehr ins Haus des Jungen ausrangiert, sondern bleiben bei ihren eigenen Familien und erhalten Unterstützung. Da viele von ihnen noch so jung sind, arbeiten wir als Gemeinde zusammen um ihnen die Unterstützung zu geben, die sie brauchen. So können sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zur Schule gehen.“STEPS Südliches Afrika

Der Bezirksvorsteher, Gogo Chalo Kalonga, der im Film „A Mother at 15“ interviewt wurde, erklärte sich bereit uns in seinem Zuhause zu treffen. Auf der hügeligen Straße die zu seinem Dorf führt, geht das alte Auto von SASO kaputt. Zum Glück haben uns Fahrrad-Taxis mitgenommen, so dass wir noch pünktlich kamen.

Auf unserem Weg durch die Dörfer können wir nicht wegsehen bei der extremen Armut, die hier herrscht und der großen Zahl an Kindern und Jugendlichen, die auf den Straßen und nicht in der Schule sind. Der Bezirksvorsteher fühlt sich geehrt, Teil des Films gewesen zu sein. Er findet: „Es ist wichtig, dass ein Mann in meiner Position aufsteht und sich stark macht gegen das Problem von Eheschließungen Minderjähriger und Teenager-Schwangerschaften.“ Aber er unterstreicht auch die Wichtigkeit, die Jungen mit einzubeziehen. Nur mit Mädchen zu arbeiten verfehlt das Ziel, Teenager-Schwangerschaften zu verhindern. Er betont, dass sehr viele Jungen die Schule abbrechen und auf der Suche nach Arbeit die Grenze überqueren und in Südafrika als Tagelöhner arbeiten. Wenn sie zurückkommen sieht man sie mit Sonnenbrillen, Kopfhörern und neuen Fahrrädern. „Die Mädchen himmeln sie an, stürzen sich in flüchtige Beziehungen, die sie schwanger zurücklassen, während die Jungen wieder nach Südafrika gehen. Dieser Kreis muss durchbrochen werden! Die Jugend muss ihre Schulbildung beenden, sie muss lernen, ihren Lebensunterhalt selbst zu sichern und zu Vorbildern werden, die andere inspirieren. Das sind die persönlichen Geschichten die wir dokumentieren müssen.“ Der Bezirksvorsteher ist bereit, bei der nächsten Filmproduktion wieder mitzuarbeiten.

Im Hinterhof des bescheidenen SASO-Büros treffen sich die ModeratorInnen, um über die Filmvorführung zu sprechen und sich auf die nächsten Vorführungen vorzubereiten.

Einige der Jugendlichen sind schon viele Jahre bei SASO, erst haben sie von SASO profitiert, nun sind sie aktiv in ihren eigenen Gemeinden. SASOs Ziel ist es, Unterstützung für betroffene oder gefährdete Kinder zu bereitzustellen, deren Familien direkt von HIV betroffen sind. Diese aktiven jungen Menschen entwickeln eine besondere Art Hingabe, sie sensibilisieren und klären über die Rechte von anderen gefährdeten Jugendlichen auf, z.B. durch ihr Engagement in Jugendclubs, traditionellen Tanzgruppen, Kirchengruppen, bei Filmvorführungen und in Gesprächen.

Ihre Geschichten zu hören und den Wandel in der Jugend zu beobachten ist herzerwärmend. Teil dieser Gruppe und dieses Projektes zu sein ist das Highlight in ihrem Leben. Mit den kleinen Spenden, die sie durch das Filmprojekt erhalten, können die meisten von ihnen ein eigenes kleines Unternehmen gründen: manche kaufen ein Fahrrad-Taxi, andere eine Digitalkamera, oder einfache Tischler-Werkzeuge, oder Pflanzensetzlinge, um so ihre Familien zu ernähren.

Mariam Teenagermutter Malawi

Mariam mit ihrem Kind auf dem Rücken

Mariam bindet sich ihr Baby auf den Rücken und nimmt an der Diskussion teil. Ihr breites Grinsen verrät, wie glücklich sie ist, zu dieser Gruppe zu gehören. Sie ist stolz, dass ihre Geschichte andere Teenager-Mütter motiviert, zurück in die Schule zu gehen. Sie kann ihrer Mutter nicht genug für ihre Unterstützung danken und ist glücklich über das Stipendium, durch das sie Essen für ihre Familie kaufen kann.

 

Chimwemwe erzählt: „Teil dieses Projekts zu sein, ist wie ein Neubeginn. Ich habe darüber nachgedacht, die Schule abzubrechen, aber nachdem wir diesen Film gemacht und gelernt haben, wie man Diskussionen moderiert, habe ich mir geschworen, meine Schulbildung fortzusetzen. Während dieser Filmvorführungen teile ich meine eigene persönliche Erfahrung mit anderen und ermutige sie nicht aufzugeben. Ich kann nun vor Leuten stehen, stark wie ein Baobab-Baum.“

Für Sherif was es als Muslim keine Frage mit 14 oder 16 zu heiraten. Das ist normal. Doch nachdem er nun Teil des Teams ist, haben sich seine Vorstellungen verändert. Er engagiert sich nun für junge Männer in seiner Gemeinschaft, damit diese nicht so jung heiraten wie er.

Harriet ist froh, dass sie nun genug Selbstbewusstsein gewonnen hat, um vor Publikum zu sprechen und ihre eigene Erfahrung als minderjährige Mutter mit anderen zu teilen. Jetzt ermutigt sie andere junge Mütter, wieder zur Schule zu gehen. Das Projekt unterstützt sie als Alleinerziehende außerdem dabei, über die Runden zu kommen.

SASO-Programm-Koordinator Chiyembekezo Chabvu ist stolz auf sein Team aus Video-Aktivisten. Alleine letztes Jahr wurden 20.000 Menschen durch 50 moderierte Filmvorführungen in Schulen, Gesundheitszentren, Gemeindezentren und in Dörfern unter freiem Himmel erreicht.

Die Jugend ist der gleichen Meinung wie der Bezirksvorsteher: Mehr Filme müssen her, um Mädchen und Jungen anzuleiten und zu inspirieren, BotschafterInnen des Wandels zu werden.

06.06.2017

Gepostet in: Südliches Afrika: Stärkung von Menschen- und Bürgerrechten

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