Als Oberstleutnant der Luftwaffe gab Bigna Nafantcham-na Befehle. „Heute höre ich andere an.“  Der Offizier ist immer noch beim Militär von Guinea-Bissau – und arbeitet für das WFD-Partnerprojekt Mom ku Mom.

Das Interview führte JASMINA BARCKHAUSEN, Ethnologin und Pädagogin, seit 2009 als WFD-Kooperantin im Projekt Mom ku Mom in Guinea Bissau (veröffentlicht im KOMPASS #1, 2012)

WFD KOMPASS: Wie kommt es, dass du dich für den Frieden einsetzt?
BIGNA NAFANTCHAM-NA: Ich bin im Kontext eines bewaffneten Kampfes aufgewachsen und habe in meiner Kindheit die Gewalt und den Tod während des Krieges erlebt. Nach der Unabhängigkeit ging es mit den Konflikten weiter. Es ist also offensichtlich, dass wir die Probleme von Guinea-Bissau nicht mit Gewalt lösen können. Daraus folgt, dass wir miteinander reden müssen.

Ehemaliger Oberstleutnant der Luftwaffe von Guinea Bissau Bigna Nafantcham-na

WFD KOMPASS: Was bedeutet Gewaltfreiheit für dich?
BIGNA NAFANTCHAM-NA: Frieden verhindert den Tod von Menschen und beugt einer Zerstörung der Ökonomie vor, denn Gewalt zerstört alles. Wer sich für Gewalt entscheidet, kommt nie ans Ziel, denn Gewalt kann nur mit Gewalt gehalten werden, sie führt nie zu einem positiven Ergebnis. Im Frieden schläfst du gut, du wirst wach, isst, gehst deinem Tagwerk nach, ohne dass dich jemand tötet, verschleppt oder dir alles wegnimmt, weil er stärker ist. Frieden heißt auch, dass das Leben und die Menschenrechte nicht verletzt werden dürfen, dass jeder Mensch das Recht hat, wie ein Mensch zu leben und seine Meinung frei zu äußern. Im Frieden verbergen sich Würde und Reichtum des Menschen, im Frieden können sie zur Ruhe kommen und an die Zukunft denken.

WFD KOMPASS: Was hat sich für dich verändert, seit du für den Frieden arbeitest?
BIGNA NAFANTCHAM-NA: Du weißt ja, dass ich beim Militär bin. Das bedeutet, dass der Gedanke der Verteidigung allem meinem Denken zugrunde liegt. Oft denken die Leute der Verteidigung, dass sie supermächtig seien und über spezielle Mittel und Wege zu verfügen, um sich zu verteidigen. Ich habe in diesem Sinne viele militärische Denkgewohnheiten aufgegeben, wie zum Beispiel die, mich mächtig zu fühlen. Ich habe mich auch als Mensch verändert, auch in Beziehung zu meiner Familie: Militärs denken schnell an Gewalt. Doch Gewalt ist eigentlich eine Form jemandem zu sagen: Komm nicht näher! Denn wenn dir jemand zu nahe kommt, dann glaubst du, dass er dir etwas antun möchte, und du zeigst ihm dann, dass du mindestens genauso stark bist, wie er. Heute glaube ich, dass ich mich sehr verändert habe, denn ich denke gar nicht mehr so sehr wie ein Militär, vielmehr denke ich wie ein Staatsbürger, ich denke jetzt wie jemand, der sich für die Welt und die Gesellschaft verantwortlich fühlt. Daher hat sich mein Verhalten verändert, und meine Form, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Früher hielt ich mich mehr unter Militärangehörigen auf, weil ich dachte, das müsste eben so sein. Aber jetzt habe ich zu allen möglichen Menschen, Gruppen und Organisationen Kontakt, und spüre, dass ich ein Teil der gesamten Gesellschaft bin. Das hat mein ganzes Leben verändert, mein Verhalten, die Art, wie ich spreche. Früher gab ich Befehle, jetzt höre ich Andere an und sie hören dann auch mich an. Es hat meine geistige Einstellung zu mir als Person verändert, meine Kultur, meine Beziehungen und ich denke, es wird auch meine Zukunft verändern.

WFD KOMPASS: Gab es ein Schlüsselerlebnis, ein Ereignis wdas dich besonders geprägt hat?
BIGNA NAFANTCHAM-NA: Alle Ereignisse sind von Bedeutung, aber ich möchte den Putsch nennen, der kürzlich in Guinea-Bissau stattgefunden hat: am 12. April 2012. In Afrika verlaufen Staatsstreiche immer blutig, und es gibt viele Tote. Viele Menschen werden versehrt und geschädigt.Doch bei diesem Putsch – der dennoch ein richtiger Putsch war und keine Spielerei – gab es keine Toten. Für mich ist das ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass unsere Arbeit den Kopf und die Mentalität der Menschen erreicht hat. Denn die Befehle der Vorgesetzten und der Protagonisten des Putsches lauteten eindeutig, dass niemand getötet oder geschlagen werden soll. Das hat mich sehr beeindruckt.

WFD KOMPASS: Glaubst du, dass es ein sinnvoller Weg in der Friedensarbeit ist, auch mit bewaffneten Gruppen zu arbeiten?
BIGNA NAFANTCHAM-NA: Ja, natürlich. Ich glaube, dass die Auswahl unserer Zielgruppe sehr gut durchdacht war. Und ich finde auch, dass Friedensarbeit mit bewaffneten Akteuren von ihren eigenen Kollegen gemacht werden muss, also von denen, die ebenfalls Erfahrungen mit Waffen gemacht haben. Was Guinea-Bissau betrifft, denke ich, dass ein Engagement für den Frieden unbedingt beim Militär anfangen muss. Wenn der letzte kleine Soldat davon überzeugt ist, dass Gewalt langfristig nicht zum Ziel führt, dann wird er sie nicht mehr anwenden.
In früheren Zeiten wäre dieses Szenario anders verlaufen, denn es wären erfahrungsgemäß Tötungsbefehle erteilt und ausgeführt worden. Das führte mit der Zeit dazu, dass Militärangehörige als diejenigen angesehen wurden, die dem Land Schaden zufügen. Wir haben so mit ihnen gearbeitet, dass ihnen bewusst wurde, dass sie damit aufhören müssen.
Ich möchte nicht sagen, dass Militärangehörige böse oder schlechte Menschen seien. Doch sie sind es, die einen Verteidigungsauftrag haben und bei der Ausführung des Gegenteils sichtbar werden, sodass sie folgerichtig als Komplizen zu betrachten sind. Sie sind es, die sich bekriegen, die töten, die verhaften und foltern. Auch wenn sie es auf Befehl tun, so sind sie doch die Ausführenden.
Wenn es dir gelingt, ihnen einen neuen Weg zu zeigen, ihnen zu sagen, was sie nicht tun sollen, aber auch, was sie stattdessen tun sollen, werden sie morgen zweimal abwägen, was und warum sie es tun. Wenn es gelingt, ihre Mentalität zu verändern, sodass sie wissen, dass sie die Waffe nicht zum Töten, sondern zur Verteidigung haben, dann töten sie auch niemanden.

WFD KOMPASS: Wo siehst du diese Arbeit in zehn Jahren?
BIGNA NAFANTCHAM-NA: In zehn Jahren muss diese Arbeit bis auf die höchste Ebene gelangt sein, womit ich die Regierung meine. Es geht nicht darum, die eine oder andere Partei zu unterstützen. Wir sprechen sie alle gemeinsam an, als Personen, die auf gesellschaftlicher Ebene Verantwortung tragen, denn Veränderungen müssen auf allen Seiten stattfinden, auch ganz oben. In zehn Jahren möchte ich erreicht haben, dass sich die Welt ein neues Bild von Guinea-Bissau gemacht hat und von uns sagt, dass wir uns geändert haben, denn wir sind Teil der Welt und teilen internationale Konventionen. Wir sollten uns dem nicht entgegengesetzt verhalten. Mit unserer Arbeit können wir in den nächsten zehn Jahren sehr vieles verändern.

30.11.2012

Gepostet in: Guinea-Bissau: Zivil-Militärischer Dialog

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