Erfahrungen aus der Praxis

von KAROLINE CAESAR (veröffentlicht im Querbrief 1/2016)

Das hatte niemand erwartet: Gewalttäter aus dem Bürgerkrieg hatten vor Gericht ihre nachweisbaren Verbrechen geleugnet und akzeptierten als Konsequenz lange Gefängnisstrafen. Als aber ein Mediationsverfahren eingeleitet wurde, begannen sie, offen über ihre Verbrechen zu sprechen und waren sogar bereit, lebenslange Reparationen an die Opfer zu zahlen. Das war das überraschende Ergebnis eines vom Weltfriedensdienst in Burundi geförderten Mediationsprojekts. Wie kann Mediation etwas ermöglichen, was eine Gerichtsverhandlung nicht zu leisten vermag?

MIPAREC

DorfbewohnerInnen in BurundiDie vom Weltfriedensdienst unterstützte Organisation MIPAREC (Ministry for Peace and Reconciliation Under the Cross) wendet sich in Burundi an Soldaten, Ex-Guerillas und rückkehrende Flüchtlinge und bezieht auch die traditionellen Friedensrichter mit ein. Ein Schwerpunkt der Arbeit sind mehrtägige Seminare und Fortbildungsveranstaltungen, bei denen über Hass und Misstrauen gesprochen werden kann und einstige Täter und Opfer erste Schritte aufeinander zu tun.
Neben dem Aufbau von Friedenskomitees kümmert sich MIPAREC um die Ausbildung von Multiplikatoren, die die Idee der gewaltfreien Konfliktbearbeitung in ihre Dörfer und Gemeinden tragen und somit einen wichtigen Beitrag zur Verständigung und zur Versöhnung leisten.
Mediation verläuft als Prozess, der von den Konfliktparteien kontrolliert wird. In angespannten Situationen oder im Krieg kann dies zu einem Gefühl größerer Sicherheit beitragen.
Die Opponenten werden als Experten ihres Konflikts angesehen und sind verantwortlich für seine Lösung. Gleichzeitig unterstützt ein Mediator das Gespräch, indem er eine Atmosphäre der Akzeptanz und des Vertrauens schafft, beiden Parteien einfühlsam zuhört und ihre Aussagen zusammenfasst.
Da Mediation zu individuellen Antworten führt, je nach den Bedürfnissen und Interessen der Konfliktparteien, ist ihr Ausgang offen. Der Mediator als Prozessexperte moderiert den Dialog zwischen den Parteien, und garantiert die Einhaltung der Kommunikationsregeln.

Bedürfnisse erkennen

Schließlich bietet Mediation ein Erfahrungslernen, bei dem das Bewusstsein über die eigenen und die Bedürfnisse des Gegners gestärkt wird. In Burundi, wo beinahe jede Familie von Gewaltkonflikten betroffen ist, kann diese Zielsetzung die Konfliktparteien und ganze Gemeinden motivieren, zu einem ganzheitlicheren Verständnis ihres Konflikts zu gelangen.
Das Aufrechterhalten von Vertraulichkeit, Überparteilichkeit und Integrität seitens des Mediators sind notwendige Vorbedingungen, vor allem in einem kleinen Land wie Burundi. Dennoch kann auch eine Anerkennung der Gemeinschaft positive Auswirkungen haben, da es den Gruppenzusammenhalt stärkt und ein gemeinsames Lernen über die Vergangenheit ermöglicht.
Darum ist in ländlichen Gegenden Burundis oft die Gemeinde während der Mediationssitzungen anwesend. Sie unterstützt den Prozess, indem sie zuhört und die Einhaltung der Lösungsvereinbarung beobachtet. Der Mediator muss die Gemeinde und auch die spezifisch burundische, subtile Kommunikation sehr gut kennen, denn oft werden Botschaften in einer kontextabhängigen Art und Weise kommuniziert. Harmonie und Ansehen werden als so wichtig erachtet, dass die Wahrheit zum Teil unausgesprochen bleibt, bis der gesamte Prozess vorbei ist; die Bedeutung einzelner Worte kann je nach regionalem Dialekt des Kirundi unterschiedlich sein.
Über eine bloße Kenntnis der Fakten und der nötigen Methoden hinaus, muss man, um die Gemeinde zu kennen, auf einer tiefen Ebene mit ihr verbunden sein. Kulturell lässt sich das Konzept in der Idee von „Ubuntu“ wiederfinden: „Ich bin, weil ihr seid.“

TeilnehmerInnen eines Workshops von Mi-Parec in BurundiDer Mediator sollte daher auch als Persönlichkeit hoher Moral, Überparteilichkeit und Integrität von der Gemeinde anerkannt sein. Eine weitere Möglichkeit, die Konfliktparteien zu ermutigen, in der Mediation die Wahrheit zu sagen, ist die Einhaltung des Prinzips der Freiwilligkeit während des gesamten Prozesses: Jedwede Partei – und dies schließt den Mediator mit ein – hat das Recht, jederzeit die Mediation auszusetzen, sie vollständig abzubrechen oder sich für andere Mittel der Lösungsfindung zu entscheiden. Mediationsprozesse wurden daher häufiger unterbrochen und später wieder aufgenommen – sie können von wenigen Monaten bis hin zu mehreren Jahren andauern.

Bedürfnisse erfüllen

Gemeinde-Mediatoren kooperieren auch mit lokalen Gerichten, den traditionellen Mediatoren „Bashingantahe“, der Lokalverwaltung und Menschenrechtsorganisationen. Eine notwendige Vorbedingung ist psychische Stabilität der Konfliktparteien. Sie müssen für sich selbst sprechen und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können. Da viele Menschen an Kriegstraumata leiden, kann eine individuelle Traumatherapie der Mediation vorausgehen. Ein weiteres Erfolgskriterium für Mediation ist, dass die zugrundeliegenden Bedürfnisse zutage kommen und für ihre Erfüllung eine Lösung gefunden wird. Somit geht es bei Mediation auf Graswurzelniveau auch um das Thema Armut.
Einige Mediationsprozesse beinhalten Teilnahme an einer Spargruppe oder an Gemeinschaftsfeldern, wo Einkommensbildung und der Aufbau von Vertrauen miteinander kombiniert werden.
Einige Spargruppen schafften es, kleine Geschäfte zu eröffnen, was ihnen eine Alternative zur Subsistenzwirtschaft bietet. In einer positiven Beziehung mit allen Interessengruppen vor Ort zu sein, ist ein weiteres Kriterium für den Mediator, um akzeptiert zu werden – dies schließt sowohl Menschenrechtslobbyisten als auch Regierungsinstitutionen mit ein. Mediatoren war es dadurch möglich, Gewalt in ihren Kommunen zu verhindern, sich zivilgesellschaftlichen Netzwerken anzuschließen und mit bewaffneten Gruppen zu verhandeln. Gerade beim Thema Landkonflikte spielten maßgeschneiderte Lösungen eine wichtige Rolle, um überhaupt zu einer gemeinsamen Basis zu finden.
Mediationen erzielten Lösungen wie z. B. die Aufteilung oder vollständige Rückgabe von Land oder die Vergrößerung der Parzellen durch Zukäufe umliegender Grundstücke und Neuverteilung nach aktueller Bedürfnislage der Familien. Gemeinde-Mediation stößt an ihre Grenzen, wenn die Zeit knapp ist und nicht ausreicht, um so gründlich und langsam zu arbeiten wie gewohnt. Außerdem stören externe Interventionen und die andauernde Armut immer wieder die insgesamt positiven Ergebnisse.
Um die Gewaltkreisläufe in Burundi zu beenden, sollten die Ratschläge von Burundern in Bezug auf kulturelle und wirtschaftliche Besonderheiten ihres Landes ernstgenommen werden. Mediation müsste eine aktivere Rolle bei der Übergangsjustiz spielen, und es könnte ebenfalls helfen, wenn ein noch viel größerer Anteil der burundischen Bevölkerung Mediationstechniken erlernen würde.

Karoline Caesar war von 2011-2015 als Beraterin für ein Gemeinde-Mediations-Projekt des Weltfriedensdienstes in Burundi tätig.

16.06.2016

Gepostet in: Burundi: Versöhnung unterstützen

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