WERA TRITSCHLER (Erstveröffentlichung im Querbrief 4/2010)


Ein Global Generation Workshop in Ungarn

Ringsherum erstrecken sich Felder ins Unendliche. Mittendrin wartet ein Betonklotz – ein neu hochgezogenes Hotel mit Therme – auf seine Gäste. Im Restaurant hängen Ölgemälde mit Elefanten, die Tische sind im kitschigsten Ethnolook dekoriert. „Hier soll der Workshop stattfinden?“ flüstert Denver Naidoo, der südafrikanische Trainer, etwas verzagt. Der Raum ist dunkel, viel zu klein. Von Tagungstechnik ist nichts zu sehen. Doch für Verzweiflung bleibt keine Zeit, die Teilnehmerinnen treffen ein: 20 Frauen, Angehörige der Volksgruppe der Roma, hatten sich für Stunden in einen Kleinbus gequetscht um am Workshop teilzunehmen. Auch fünf Nicht-Roma – oder soll man sagen: Ungarn – treffen ein.

Der düstere Raum wird plötzlich bunt. Tische werden zur Seite geschoben, er belebt sich, wird ergriffen. Schon eine Viertelstunde vor Beginn sitzen alle und warten gespannt darauf, was Denver ihnen aus Südafrika erzählen wird. Voller Spannung, wie in einem Krimi, lauschen die Teilnehmer der Geschichte der Apartheid. Mit Freude wird ihrer Überwindung beigewohnt und atemlos den Konflikten und den Schwierigkeiten der traumatisierten Menschen des jungen Südafrikas nachgefühlt. Die Romafrauen selbst gestalten den Workshop durch Lieder, Spiele und Massagen.

Die große Herzlichkeit und Solidarität, die die Roma für die Schwarzen Südafrikas zeigen, kommt nicht von ungefähr: Sie bezeichnen sich selbst als „Schwarze“, und so scheint es nur natürlich, dass sie Denver adoptieren und ihn „unseren Sohn“ nennen. Ihre Lebensbedingungen sind denen der Menschen rund um Johannesburg nicht unähnlich. Rassismus und Ausgrenzung erfahren die Frauen seit ihrer Geburt tagtäglich. Die Lebenssituation der Roma in Ungarn während des Sozialismus wurde als besser empfunden: Sie hatten Arbeit. Die Männer waren beschäftigt in einem der Bergwerke, man hatte eine Wohnung und genügend Lebensunterhalt. Nach der Wende aber will niemand mehr einen Roma einstellen. Zeitweise können sich einige der Männer als Wanderarbeiter verdingen, oft wird der Lohn vorenthalten. Die Männer verlieren ihre Würde, sie können die Familien nicht mehr ernähren, viele trinken zu viel. Die Schulen in den „Romadistrikten“ sind schlecht ausgestattet, es fehlt an Lehrern, pädagogischen Kräften und Material. Kaum ein Roma besucht eine Schule länger als bis zum Alter von 14 Jahren. In Zeitungen wird diskutiert, ob man nicht Mauern um die Romadörfer bauen solle. Die Kinder werden nachts wach, weil grölende junge Männer durch das Dorf ziehen, mit der Drohung alle zu ermorden. Es bleibt nicht bei der Drohung: sechs Roma, darunter zwei Kinder wurden seit 2008 in Ungarn erschossen. In Ungarn leben cirka 800.000 Roma. Die rechtsextreme Partei Jobbik erhielt mit romafeindlichen und antisemitischen Slogans 16,7 % der Stimmen bei den letzten Wahlen. Auch die konservative designierte Partei Fidesz schürt Ressentiments. Apartheid?

Die Frauen bewundern, was die Südafrikaner geschafft haben. Was diese in jahrzehntelangem Kampf eingefordert haben, müssten die Roma – die „Schwarzen Ungarns“ – doch auch schaffen? „Das waren die besten Tage meines Lebens“ verabschieden sich die Frauen nach den drei Tagen des Workshops. Sie haben gezeigt, dass es sich lohnt, zusammenzuhalten. Sich zu organisieren, Forderungen zu stellen, politisch aktiv zu sein. Und wie bei den Zulu sind es auch bei den Roma in Ungarn die Frauen, die solche Veränderungsprozesse anstoßen können.

Nach dem Workshop umringen mich einige Teilnehmende, die nicht zur Roma-Gemeinschaft gehören. Kann sich der Weltfriedensdienst nicht der Ungarn annehmen? „Wir schaffen das nicht mehr alleine, es wächst uns über den Kopf“. „Könntet ihr uns nicht Experten aus Südafrika vermitteln? Sie haben mehr Erfahrung und bessere Konzepte als wir“. Große Aufgaben warten auf den Weltfriedensdienst …

06.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

Schlagwörter: , , , , , , ,

Spendenformular

FundraisingBox Logo

×
Spendenwidget

×

Newsletter abonnieren

Erhalten Sie die neuesten Informationen über die Arbeit des Weltfriedensdienst e.V.

Sie haben sich erfolgreich angemeldet.