von Dr. Alicia Rivero, Fachkraft des Weltfriedensdienstes für lokale Entwicklung bei ProSoCo, Argentinien

„Zusammenleben funktioniert nur, wenn man den anderen respektiert und sich gegenseitig hilft“, sagt Luis Ortega. Der aufgeweckte 20-Jährige besucht die Schule für die bäuerliche Familie (EFA). „Hier habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen“, fügt er an. „Wir betrachten uns als eine große Familie“. Das ist das Besondere an der Escuela de la Familia Agricola Nr. 8178, kurz EFA, der Schule für die bäuerliche Familie. Sie wurde 19XX von Padre Martearena gegründet und ist inzwischen staatlich anerkannt.

Blick auf die Schule für bäuerliche Familien in Argentinien

Schule für bäuerliche Familien in Argentinien

EFA ist ein Bildungsangebot für Kinder im ländlichen Raum. Dort leben die meisten Menschen von Landwirtschaft, die gerade genug für die eigenen Bedürfnisse abwirft. Sie gehören überwiegend den pueblos originarios an, den Ursprungsvölkern Argentiniens. Micaela und Luis sind zwei typische Jugendliche der Region, die das Glück hatten, die EFA besuchen zu können. Luis Ortega lebt eigentlich in Aguaray, einer ländlich geprägten Kleinstadt mit ca. 5.000 EinwohnerInnen. Micaela Ruiz wohnt in La Loma, ein paar Kilometer außerhalb von Aguaray, auf einer Anhöhe, auf der sich vor 20 Jahren eine Gemeinde der Wichi angesiedelt hat. Hier im Nordwesten Argentiniens leben die meisten Nachfahren der Ursprungsvölker des Landes.

„Früher saß ich zu Hause in meiner Kleinstadt und konnte nichts Vernünftiges tun“ sagt Luis, „Das ist heute ganz anders; ich kann daheim einbringen was ich in der Schule lerne. Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben“.

Auch für Micaela Ruiz sind das Zusammengehörigkeitsgefühl und der gegenseitige Respekt etwas, was die EFA von anderen Schulen in der Gegend unterscheidet. Zur Schule gehört eine eigene Landwirtschaft mit Kühen, Schafen und Geflügel. Was sie da in der Praxis lernt, trägt sie weiter in die indigene Gemeinde, in der sie lebt. Toll findet sie, dass die Lehrerinnen und Lehrer für alle Probleme der SchülerInnen ansprechbar sind. Und das nahezu rund um die Uhr. Denn zur Schule gehören Unterkünfte, in denen diejenigen wohnen, die sehr weit weg leben. Micaela hat ihr erstes Jahr in der Schulunterkunft verbracht. Dabei gefiel ihr besonders, dass die LehrerInnen denen bei den Hausaufgaben helfen, die unter der Woche in der Herberge der Schule leben und nur am Wochenende zu ihren Familien fahren.  Seit sie das Wohnheim verlassen musste, weil ihre Mutter zu Hause alleine war, vermisst sie das abendliche gemeinsame Brotbacken mit den anderen SchülerInnen.

Schüler leisten einen wirtschaftlichen Beitrag

Neben dem Schulbesuch tragen Micaela und Louis zum Einkommen der Familie bei. Micaela stellt zusammen mit drei weiteren Frauen aus der Gemeinde Kunsthandwerk her. Als Material verwendet sie eine Pflanzenfaser, die aber wegen fortschreitender Abholzung immer schwieriger zu finden ist. Luis verkauft zusammen mit einer Freundin gefüllte Teigtaschen, eine regionale Spezialität. Bei einem Ideenwettbewerb für MikrounternehmerInnen, der im Rahmen des Weltfriedensdienst-Projektes in der Schule veranstaltet wurde, gewann er mit der Vorstellung seines kleinen Unternehmens den ersten Preis. Sein Wunsch ist ein ökologischer Ofen zum Ausbacken der Teigtaschen. In der Schule haben sie einen Ofen, der durch seine besondere Konstruktion mit weniger Holz auskommt. Ein Vorteil für seinen Geldbeutel und die Umwelt. Auch kann er bislang nur eine geringe Menge der empanadas genannten Teigtaschen lagern und verkaufen, da er keinen Kühlschrank hat. Da ist das von einer Institution für Mikrokredite gestiftete Preisgeld sehr willkommen.

03-Micaela Ruiz und Luis Ortega

Micaela Ruiz und Luis Ortega haben die Schule für bäuerliche Familien besucht – auch zum Nutzen ihrer Familien

Beide profitieren sehr von der Beratung durch die LehrerInnen. Finanziert vom Weltfriedensdienst konnten sie an Fortbildungen teilnehmen, die ihre Aufmerksamkeit auf wichtige Details richtete, die sie vorher nicht wahrgenommen hatten. Zum Beispiel was man schon alles bei der Planung bedenken muss oder wie sich ein Preis zusammensetzt. Micaela fällt es schwer, einen Preis für ihre Arbeit zu benennen, wenn sie Gemüse verkauft. Und so geht es auch Luis, wenn er Empanadas backt. Sie lernen, unternehmerisch zu denken, damit sie Perspektiven entwickeln können, die über die Selbstversorgung hinausgehen.

 

Das, was die LehrerInnen gelernt haben, haben sie inzwischen in einem ersten Kurszyklus an die SchülerInnen vermittelt. Inzwischen beginnt die Phase der Vertiefung. Um nicht die 20. Marmeladenproduktion zu beginnen oder das immer gleiche Kunsthandwerk anzubieten, wird gerade eine Marktstudie durchgeführt: Was hat Chancen, verkauft zu werden? Wo ist der beste Ort dafür? Aus den Ergebnissen wird dann ein Geschäftsplan entwickelt.

Vernetzung verschiedenster Institutionen und Personengruppen

Wichtig für den Erfolg des Ausbildungskonzepts ist die Vernetzung der Schule und ihres Anliegens mit NGOs der Indigenen, mit BürgermeisterInnen, Stadträten, Unternehmerverbänden sowie der Universität von Salta. Das geschieht über gemeinsame Treffen oder Radiointerviews mit SchülerInnen,

Die Interessen der indigenen Verbänden werden integriert, indem sie an der Wissensvermittlung teilnehmen können. So läuft derzeit mit der Unterstützung des Weltfriedensdienstes ein Kurs für KleinstunternehmerInnen in Ikira, einem Dorf der Ethnie Chane. PromotorenInnen unterrichten die Gemeinde in der indigenen Identität angepassten Formen des Emprendedurismo (Unternehmertum = Geschäftsplan, Organisation der Arbeit, Marketing). Das Projekt ist eines der Ergebnisse der Partnerschaft mit der Universität Salta. Sie unterstützt das Dorf bei der Entwicklung eines sanften Tourismus. Die DorfbewohnerInnen werden eine einfache Unterkunft, indigenes Essen und geführte Besichtigungstouren anbieten.

Ungewisse Zukunft

Viele Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden, gibt es nicht. Doch hier in der Gegend wollen Micaela und Luis auf alle Fälle bleiben, hier ist ihre Heimat, ihre Familie und die FreundInnen. Die Jugendlichen haben bereits erlebt, was es für eine Familie bedeutet, wenn der Anbau nicht genug Ernte bringt, um alle satt zu machen, oder wenn ein hoffnungsvoll gegründetes Kleinstunternehmen scheitert. Das prägt auch das Zukunftsgefühl von Micaela und Luis. In einem Jahr wird Luis die Schule mit dem Abitur beenden. Er ist noch unentschieden, was er dann machen wird. Bei Micaela ist es bereits Ende Dezember soweit. Für beide ist die Zukunft derzeit unsicher. Doch die LehrerInnen der EFA haben schon versprochen, auch nach dem Schulende AnsprechpartnerInnen für die SchülerInnen zu bleiben.

06.07.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

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von Magdalena Rodekirchen und Bela Allenberg

400 km liegen zwischen dem abgelegenen Department General San Martín und der Hauptstadt Salta der gleichnamigen Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens nahe der bolivianischen Grenze. Eine lange, beschwerliche Fahrt. Sie führt über Schotterpisten und Asphaltstraßen, die von der Hitze aufgeweicht und durch das hohe Verkehrsaufkommen mit Schlaglöchern durchzogen sind. Ein schwer beladener Pick-Up unserer Partnerorganisation ProSoCo bringt traditionelles Kunsthandwerk und Agrarprodukte zu den Märkten in Salta. Dort werden sie vermarktet und so neue Einkommensmöglichkeiten geschaffen.

Der Landkreis General San Martín ist wirtschaftlich schwach entwickelt. Rund 60% der Jugendlichen leben unterhalb der Armutsgrenze, über die Hälfte ist arbeitslos und viele verfügen nur über eine Grundschulbildung. Besonders prekär ist die Situation der indigenen Bevölkerung, den hier ansässigen Volksgruppen der Guaraní, Wichí und Chané. Sie sind überproportional stark von prekären Lebensbedingungen, Arbeit im informellen Sektor, mangelndem Zugang zu Trinkwasser, Strom und sanitären Anlagen betroffen. Viele indigene Jugendliche verlassen daher ihre Heimat und suchen ihr Glück andernorts. Die Region wird dadurch nur noch mehr geschwächt. Vertreter der lokalen Bevölkerung befürchten sowohl den Verlust der jungen, leistungsstarken Mitglieder ihrer Gesellschaft, als auch den Verlust ihrer Kultur und ihres Zusammenlebens als Gemeinschaft.

Förderung der lokalen Wirtschaft

Der Weltfriedensdienst unterstützt daher die argentinische Nichtregierungsorganisation ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios) bei der Verbesserung der Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten der indigenen Bevölkerung. Die gezielte Förderung des lokalen Unternehmertums spielt dabei die zentrale Rolle. Junge Erwachsene im Alter von 17 -25 Jahherrsren werden im Rahmen des Projektes in der Gründung und Führung kleiner Betriebe ausgebildet und begleitet. Hierfür wird an der lokal verankerten Schule für den ländlichen Raum EFA (Escuela de la Familia Agrícola) in Aguaray ein praxisorientierter Ausbildungskurs für Unternehmertum entwickelt.

Sowohl das Curriculum als auch die jeweiligen Lehrmaterialien werden eigens für die Zielgruppe entwickelt. Die Trainings umfassen vor allem unternehmerische Kompetenzen. Auch Themen der kulturellen Identität sowie der lokalen Entwicklung und Inklusion von kulturellen und ethnischen Minderheiten werden behandelt. Die Weitergabe von Wissen über traditionelle Handwerksfertigkeiten und deren Integration in eine industrialisierte Welt sind ein zentraler Bestandteil des Programms. Als Anreiz für die Entwicklung neuer Produkt- und Unternehmensideen werden Ideenwettbewerbe durchgeführt. Die Gewinner erhalten einen Preis, der sie bei der Umsetzung ihrer Idee unterstützen soll. Eine Marktstudie soll dabei flankierend sinnvolle Bereiche für Unternehmensgründungen identifizieren. Dadurch soll marktbedingt aussichtslosen Unternehmensgründungen vorgebeugt werden.

Die beiden Jugendlichen zeigen stolz Urkunde für ihr Unternehmerprojekt

Luis Ortege (links) gehört zu den Gewinnern eines mit 5.000 Pesos (500€) dotierten Ideenwettbewerbs

Vernetzung verschiedenster lokaler Akteure

Wenn die Jung-UnternehmerInnen eine Unternehmensidee entwickelt haben und an ihre Unternehmensgründung gehen, werden sie im Rahmen des Projektes auch bei der Vernetzung mit weiteren hilfreichen Akteuren unterstützt. Dazu gehören lokale Banken, staatliche Förderinstitutionen und Unternehmerverbände. Außerdem wird ihnen bei der Vermarktung ihrer Produkte zum Beispiel durch Produktmessen oder einer Ausstellung ihrer Produkte in der Hauptstadt Salta, geholfen. Diese Zugänge können sie selbst zu Beginn nur schwer herstellen.

Zur Vernetzung, Verbesserung der Rahmenbedingungen und zur Verbreitung des Ansatzes werden außerdem Runde Tische zur lokalen Wirtschaftsentwicklung mit lokalen Akteuren von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft veranstaltet. Dadurch wird ein gutes Umfeld für die Mikrounternehmen geschaffen. In der Nachbarprovinz Jujuy hat der Weltfriedendienst einen weiteren Partner: Der Rat der Indigenen Organisationen von Jujuy. Gemeinsam mit diesem gibt es einen Austausch zu Good Pratices und Lessons Learnt. Dieser ist beiden Seiten zuträglich und schafft neue Möglichkeiten der Vernetzung.

Erst der Anfang

Das Projekt betritt mit seinem Ansatz in der Projektregion und mit der Zielgruppe Neuland. Nach der Aufbauphase ist für das kommende Jahr eine Evaluation geplant. Bei dieser wird der erreichte Stand, die Vorgehensweise und eine mögliche Anschlussphase reflektiert. Momentan müssen die ersten Produkte noch mit dem Projektauto die z.T. langen Wege zu Märkten und Messen unternehmen. Auch müssen erste Kontakte durch das Projektteam mit aufgebaut werden. Wenn nun Schritt für Schritt eigenständige Kontakte und Vermarktungswege entstehen, kommen wir dem Ziel näher, Einkommen und eine unabhängige, langfristige Tätigkeit zu schaffen. Damit ermöglichen wir gemeinsam mit der jungen indigenen Bevölkerung und ihren Familien neue Perspektiven jenseits von prekären Arbeitsverhältnissen, Armut und Migration.

Das Projekt ProSoCo

Projekttyp: Förderung nachhaltiger Mikrounternehmen durch Ausbildung, Begleitung und Vernetzung; Erhöhung selbstbestimmt generierter Haushaltseinkommen und Verringerung der Landflucht.

Projektbegünstigte: Direkt werden ca. 100 indigene JungunternehmerInnen des Departaments General José de San Martín gefördert, indirekt werden dadurch ca. 500 Personen in den familiären Haushalten der JungunternehmerInnen erreicht. Außerdem entstehen langfristig positive Beschäftigungs- und Einkommenseffekte bei Anstellung von MitarbeiterInnen sowie durch erhöhte Nachfrage auf den lokalen Märkten durch die neu gegründeten Unternehmen.

Lokaler Partner: Die NRO ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios) in Salta und deren lokale Partnerinstitution, die Schule für den ländlichen Raum EFA (Escuela de la Familia Agrícola) in Aguaray.

Zeitraum: 2013 – 2016

WFD-Kooperantin: Alicia Rivero

Finanzierung: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) + WFD-Spenden + Eigenbeitrag von ProSoCo.

06.07.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

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Indigene Gemeinden in Jujuy Demonstration für Landrecht

von: Elisabeth Jeglitzka (Erstveröffentlichung im Querbrief 3/2012)

6. Dezember 2011,
auf der Hochebene bei Ojo de Huancar zwischen den argentinischen Provinzen Jujuy und Salta haben sich rund 500 Indígenas aus 33 Gemeinden versammelt. Sie haben den langen Weg in die abgelegene Andensteppe auf sich genommen, weil sie gespannt auf hohen Besuch warten. James Anaya, der unabhängige UN-Sonderberichterstatter für Indigene Rechte, hat seinen Besuch angekündigt und sie setzen große Hoffnung darauf. Er wird sich über die Situation der Indígenas informieren und den Vereinten Nationen dazu Bericht erstatten. Nach Stunden des Wartens erscheint am Horizont endlich ein Hubschrauber. Unter ohrenbetäubendem Lärm nähert er sich. Die bunten Fahnen geraten mächtig ins Wehen und erst als der Motor langsam abstirbt, wird die Musik hörbar, die zur Begrüßung von James Anaya gespielt wird.

Trotz der fröhlichen Begrüßung ist der Besuch von tiefem Ernst gezeichnet. Anaya wurde eingeladen um sich über die Besorgnis erregende Menschenrechtssituation vor Ort zu informieren. Die indigene Bevölkerung ist in ganz besonderem Maße betroffen. Die Probleme reichen von Vertreibung über die Zerstörung der wirtschaftlichen und kulturellen Lebensgrundlagen bis zur ethnischen Diskriminierung. Die indigenen Frauen leiden besonders unter der Situation. Bei einem Treffen zwischen Anaya und der Leiterin des Rates der Indigenen Organisationen von Jujuy (COAJ) Natalia Sarapura und einigen Mitarbeiterinnen des Projekts „Rechtsprechung Indigene Frau“ (Jurisprudencia Mujer Indígena) wurde Anaya in die komplexe Problematik eingeführt.

Vor allem die Rechte der Frauen werden missachtet

Viele indigene Frauen leiden unter systematischen Verletzungen ihrer Rechte. Schon in der Bildung, die ihnen eigentlich Wege zur Selbstbestimmung und zu besseren Lebensbedingungen ebnen sollte, stoßen sie auf fast unüberwindbare Hindernisse. Die übermäßig hohe Analphabetenquote unter den indigenen Frauen spricht für sich. Viele indigene Gemeinden sind allenfalls mit einer schlecht besetzten Grundschule ausgestattet. Um eine weiterführende Schule zu besuchen, müssen weite Strecken zurückgelegt oder der Wohnort gewechselt werden. Für eine indigene Frau ist dies mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die Wege sind mühsam, vor allem mit Kindern, und nicht selten gefährlich. Finanzielle Mittel für Verkehrsmittel oder gar eine Wohnstätte in einem anderen Ort sind so gut wie nicht aufzubringen. Dazu kommt, dass die Lehrpläne der argentinischen Schulen nicht auf die Vielfalt der Ethnien des Landes abgestimmt. Auch die Städte, an denen weiterführende Bildung angeboten wird, erlauben es den Indígenas nicht, die traditionelle Lebensweise aufrecht zu erhalten. Häufig können sie nicht einmal ihre eigene Sprache beibehalten. Diese Bildungsstruktur des öffentlichen Sektors greift tief in das Leben der Indígenas ein: auf dem Spiel steht ihre Identität und die soziale Integrität der Gemeinden, denn die Frauen, viele von ihnen Mütter, fühlen sich verantwortlich für die Weitergabe der Kultur an ihre Kinder.

Indigene Frauen und ihre Rechte

Die Teilnehmenden des Projekts „Rechtsprechung Indigene Frau“ unter der Leitung von COAJ-Präsidentin Natalia Sarapura treten, unterstützt vom Weltfriedensdienst, gegen diesen grundlegenden Missstand an. Sie verbreiten Informationen über die Lage und ermutigen Frauen, sich in nicht-staatliche Bildungseinrichtungen zu integrieren. COAJ selbst hat hier einen wichtigen Schritt unternommen und den weiterführenden Studiengang „Indigene Entwicklung“ geschaffen. Aber vor allem hilft das Projekt den Frauen dabei, Gerichte anzurufen, wenn ihre Rechte verletzt werden.

Der Besuch von James Anaya ist für den Erfolg ihrer Arbeit von großer Bedeutung. Anaya verfügt über Mittel, die schwierige Situation der indigenen Frauen an die argentinische und internationale Öffentlichkeit zu bringen. Von seinen Empfehlungen an den argentinischen Staat erhofft sich das Projekt, dass die regionale Rechtsprechung endlich den nationalen Gesetzen und internationalen Abkommen entsprechen wird.

Der einzige Weg

Dies ist auch die Erwartung der versammelten Indígenas, die Anaya auf der Hochebene bei Ojo de Huancar begrüßen. Vor den Salzstätten Salinas Grandes möchten sie Anaya die Menschenrechtsverletzungen vor Ort schildern. Ein Bergbauunternehmen soll unter Einverständnis der argentinischen Regierung aus den Salzstätten den heiß begehrten Rohstoff Lithium abbauen. Lithium steht hoch im Kurs, z.B. weil man ihn für Handy-Akkus braucht. Durch die Lithiumproduzenten wird den Indígenas jedoch der Zugang zu den Salzablagerungen verboten. Auch droht durch die Produktionsweise das Grundwasser zu versalzen und wird so für die Bewässerung der kargen Landschaft unbrauchbar.

Die ortsansässigen Indígenas, die schon seit Generationen kollektiv Salz abbauen und das Land nachhaltig bewirtschaften, sind vor Gericht gegangen. Ihr Recht auf Informierung und Absprache wurde massiv verletzt. Jetzt sehen sie sich in ihrer Existenzgrundlage bedroht. Der einzige Ausweg aus dem Konflikt scheint der Rechtsweg zu sein, denn ziviler Widerstand, wie Straßenbesetzungen, wurde anderenorts durch Militäreinsätze im Keim erstickt. Die Indígenas von Salinas Grandes sind gezwungen, darauf zu warten, dass ihnen die Justiz Landtitel für die Salzstätten und die umliegenden Flächen zugesprochen werden. Bevor es zu spät ist.

Mit großen Hoffnungen beladen

James Anaya zeigt sich am Ende seines Besuches beeindruckt, er hat sich die Anliegen der Indígenas von Jujuy offenkundig zu Herzen genommen. Sein erstes Resümee macht Hoffnung. Es scheint, als habe er die Sorgen der Menschen verstanden. Dann steigt Anaya wieder in den Helikopter, beladen mit den großen Hoffnungen vieler Menschen. Seine Empfehlungen sollen die Erfahrungen der Indígenas von Jujuy und Salta aufgreifen und den argentinischen Staat zum Handeln bewegen. Die Indigenen kehren derweil in ihre Gemeinden zurück um den Kampf für ihre Rechte fortzusetzen.

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Der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte, James Anaya, besuchte vom 27.11 bis 07.12. 2011 Argentinien und auch die WFD-Projektregion Jujuy. Sein Bericht gibt Einschätzungen zur Lage der indigenen Völker und Empfehlungen für die Regierung Argentiniens sowie die Provinzregierungen.


Der UN-Sonderberichterstatter erkennt Fortschritte Argentiniens im Bereich der indigenen Rechte an. Trotzdem konstatiert er eine Kluft zwischen dem normativen Rahmen und der realen Umsetzung der Gesetzgebung. Der Bericht weist besonders auf die Notwendigkeit hin, die Landrechte der Indigenen und die natürlichen Ressourcen in indigenen Territorien zu schützen. Konflikte gibt es im Bereich der Rohstoffgewinnung durch Bergbau, durch die Ausweitung der Agroindustrie sowie bei Vertreibung und Zwangsumsiedlungen.
Angesprochen wird die soziale und ökonomische Situation der indigenen Völker Argentiniens, ihr Zugang zu Bildung, Gesundheit und Justiz. Er äußert sich auch kritisch zur Kriminalisierung des sozialen Protestes bei Konflikten um indigenes Territorium. Der Bericht wird dem UN-Rat für Menschenrechte und in der UNO Generalversammlung vorgelegt.

COAJ schätzt den Besuch als wichtig ein, weil er der internationalen Öffentlichkeit die Belange der Indigenen näher gebracht hat. Die indigenen Gemeinden erhoffen sich, dass dadurch der Druck auf Regierung und Politik erhöht wird, um ihre Rechte durchzusetzen.

27.05.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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Die Stiftung die schwelle setzt sich mit ihren Partnern für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ein. Daher initiieren und unterstützen wir Projekte, die gesellschaftliche Veränderungen gewaltfrei gestalten und sich für soziale Gerechtigkeit, die Einhaltung und Verwirklichung von Menschenrechten sowie für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt einsetzen.

Die Stiftung verleiht den Bremer Friedenspreis. In der Kategorie “Unbekannte Friedensarbeiterin” wird in diesem Jahr Natalia Sarapura, die Präsidentin von COAJ, ausgezeichnet. Vorgeschlagen wurde sie von der ai-Gruppe Bergisch Gladbach. Der Preis wird ihr am 29. November überreicht. Zur Begründung der Stiftung die schwelle >>

26.05.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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Im argentinischen Juyjuy unterstützt der WFD Indigene im Kampf gegen Wasserraub. Ein Bericht zur Wassersituation in Lateinamerika

Der Bürgermeister erhebt die Stimme. Geschlossen protestiert eine argentinische Gemeinde gegen einen internationalen Agrarkonzern, der im ohnehin zu weiten Teilen wasserarmen Land große Anbauflächen für landwirtschaftliche und industrielle Produktion zu erschließen versucht. Das Unternehmen lässt sich von dem Protest nicht beeindrucken. Der Tenor lautet:
„Wir kommen. Wartet ab“.

In Lateinamerika haben immer mehr Regionen mit Wassermangel zu kämpfen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zur Situation in Lateinamerika diskutierten am vergangenen Donnerstag Lutz Philip Hecker von der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus (BTU) und WFD-Programmkoordinator Helge Swars im Lateinamerika-Forum-Berlin.

Der Wasserverbrauch in Mexiko-Stadt übersteigt die Wasserverfügbarkeit in der Region heutzutage um ein Vielfaches. Alle sieben Grundwasserreservoirs sind versiegt. Um den enormen Verbrauch der Bevölkerung zu decken, wird die Mega-City durch ein gigantisches Trinkwasser-Versorgungssystem mit Wasser aus den entferntesten Regionen Mexikos versorgt. Das hat gravierende Folgen für die Menschen in den ländlichen Gemeinden. Während der Verbrauch in der Hauptstadt stetig steigt, haben viele der Landbewohner noch immer keinen Zugang zu fließendem Wasser.

Diese ländliche Unterversorgung führt zu einer zunehmenden Ansiedlung in den ausufernden Armenvierteln rund um Mexiko-City – der Druck auf die urbane Wasserversorgung steigt.

Wer ist Schuld an dieser Entwicklung?

Die Suche nach den Ursachen für den Wassernotstand gestaltet sich kompliziert. Während die Bevölkerung der Global-City einerseits keine Ansätze eines nachhaltigeren Wasserkonsums zeigt, trägt auch die Politik nicht aktiv zu einer Lösung bei. Die kommunalen Wasserwerke in Mexiko arbeiten laut dem Forscher der BTU Cottbus bis heute ineffizient. Auch die bewässerte Landwirtschaft trägt ihren Teil zum Problem bei. Durch die staatliche Subventionierung intensiver und bewässerungsreicher Landwirtschaft (Agrobusiness) sinkt der Grundwasserspiegel in vielen Regionen rapide.

Zukünftig lässt sich das Problem nur lösen, wenn Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft in Mexiko an einem Strang ziehen. Sparsamkeit muss oberstes Ziel sein. Auch ein transparentes und abgestuftes Preissystem kann auf lange Sicht zu einem bedachteren Konsum anregen. Die Bereitstellung und der Zugang zu Wasser müsste in diesem Fall zwingend garantiert sein. Jeder Verbraucher könnte in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Menge Wasser kostenlos konsumieren. Überschreitet der Konsum die zur Verfügung stehende Menge, müsste proportional zum Mehrverbrauch eine Abgabe gezahlt werden, die wiederum direkt in nachhaltige Versorgungssysteme fließen würde.

Indigene wehren sich

Nach dem wissenschaftlichen Vortrag von Lutz Philip Hecker ergänzte WFD-Programmkoordinator Helge Swars den Vortrag um Beispiele aus der Praxis. Der Weltfriedensdienst unterstützt durch die Kooperation mit der Organisation COAJ Indigene im argentinischen Juyjuy im Kampf gegen internationale Lithium Bergbau-Unternehmen.

In den großen Salzseen der Region befinden sich die weltweit größten, leicht zugänglichen Lithium-Vorkommen. Es ist in der Informationstechnologie nicht zu ersetzen und auch für die Herstellung von Batterien für Hybrid-und Elektroautos unverzichtbar. Einige große internationale Konzerne haben bereits mit dem Abbau des wertvollen Rohstoffes begonnen. Die Fördermethode verbraucht dabei große Mengen an Wasser. Nach der ILO-Konvention 169 sind die Unternehmen zwar verpflichtet, Umweltverträglichkeitsstudien durchzuführen – die lokalen Gemeinden werden jedoch nur selten in die Planungen mit einbezogen. Wenn es um gravierende Eingriffe in die Natur geht, muss die ansässige Bevölkerung zwingend angehört werden. Der Weltfriedensdienst und COAJ ermöglichen der indigenen Bevölkerung, ihr Recht auf Anhörung durchzusetzen. Notfalls auf juristischem Weg.

Darüber hinaus hat COAJ mit Unterstützung des Weltfriedensdienst einen Studiengang entwickelt, der es Gemeindemitgliedern ermöglicht, wissenschaftlich fundierte Entwicklungsprozesse für ihre Region zu erarbeiten. Bildung spielt im Prozess der räumlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle. Teil des Studiums war unter anderem ein von Amnesty International in der Provinz Formosa organisierter Workshop zu Landrechten indigener Völker. Den juristischen Prozess gegen die Unternehmen begleitet eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit, die sich mit den lokalen Problemen inhaltlich auseinandersetzt.
Nur wer Alternativen aufzeigt, hat die Chance, etwas zu bewirken. In diesem Jahr wird erneut ein voller Jahrgang sein Studium erfolgreich beenden.

Kein Einzelfall

Nach dem Vortragsende äußerten viele Besucher ihre Erfahrungen aus anderen lateinamerikanischen Ländern wie Nicaragua, Kolumbien oder Brasilien. Derartige Probleme in der Region häufen sich. Die Kooperation des WFD mit COAJ zeigt eindrucksvoll, dass es sinnvoll ist, zivilgesellschaftlichen Protest durch finanzielle Unterstützung zu stärken. Hatte der Projektpartner in den vergangenen 20 Jahren in mühsamer Kleinarbeit versucht, die Interessen zahlloser abgelegener Gemeinden zu organisieren, kann der Protest nun gebündelt werden. Unser Engagement findet Gehör – 2011 besuchte gar der UN-Sonderberichterstatter für die Indigene Rechte die Region.

Der Bürgermeister weiß nun:
Er kann warten. Und sich wappnen. Unsere Unterstützung ist ihm sicher.

 

25.05.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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