10.7.2017 im Lateinamerika-Forum Berlin:  Wie sich Jugendliche aus Favelas in Brasilien für eine Kultur der Gewaltfreiheit engagieren

Wir laden ein zur Veranstaltung mit unserem Projektpartner AdoleScER

Nordost-Brasilien: Mit Bildung gegen Gewalt

Ort: Lateinamerika-Forum Berlin e.V., Bismarckstr. 101, 10625 Berlin
5. Etage bei SEKIS, Eingang Weimarerstraße

Zeit: Montag, 10. Juli 2017, 19 Uhr

Die sozialen Errungenschaften und die Garantie von Bürgerrechten werden durch die Regierung Temer Schritt für Schritt zurückgefahren. Mit den Kürzungen im sozialen Sektor – vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich – geht die Zunahme alltäglicher Gewalt in ganz Brasilien einher. Betroffen sind dabei besonderes Jugendliche der Unterschicht.

Die Nicht-Regierungsorganisation AdoleScER wurde im Jahr 2000 in der im Nordosten Brasiliens gelegenen Metropole Recife gegründet. Unterstützt vom Weltfriedensdienst e.V., hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Teufelskreis von Armut, Gewalt und Drogen zu durchbrechen. Dazu befähigt sie Jugendliche, Subjekte und Akteure ihres eigenen Lebens zu werden. AdoleScER bildet Mädchen und Jungen zu MultiplikatorInnen aus, die ihr Wissen an Freunde, Familie, MitschülerInnen und Nachbarn weitergeben. Motto: Wer sein Schicksal verändern will, braucht Wissen, Courage und die Fähigkeit, die eigenen Interessen zu vertreten.
Einer der Schwerpunkte von AdoleScer ist die Umweltbildung – angesichts einer prekären sanitären Versorgung, verschmutzter Abwasserkanäle sowie einer insgesamt mangelhaften Gesundheits-infrastruktur ist Bildung und Teilhabe eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Leben in den Favelas. Die Jugendlichen lernen Schulgärten anzulegen, sie trennen Müll und demonstrieren in den Gemeinden für eine saubere Umwelt. Jede/r einzelne kann etwas beitragen, um sein Schicksal zu verändern. Von ihren Erfahrungen berichten Daniela Araujo, Geschäftsführerin, und André Luiz Fidelis de Azevedo, pädagogischer Koordinator. Über die aktuellen Rahmenbedingungen informiert Kurt Damm.

Bitte: Anmeldung@lateinamerikaforum-berlin.de

 

Eine Kooperationsveranstaltung mit Lateinamerika-Forum Berlin e.V. und Forum Brasil.
Wir bedanken uns für die Unterstützung bei der 

Gefördert von ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des  

 und vom Kirchlichen Entwicklungsdienst.

09.07.2017

Gepostet in: Aktuelles

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von LUTZ TAUFER, 2003-09 Kooperant des Weltfriedensdienst in Rio de Janeiro, seit 2010 im Vorstand

Mitten in der schönen Olympiastadt liegt ein großer See namens Lagoa Rodrigo de Freitas. Bis vor ein paar Jahren gab es einen inzwischen zugeschütteten Abfluss zum Meer, den die „Entdecker“ vor 500 Jahren für einen Fluss hielten und da es gerade Januar war, nannten sie die malerische Bucht Rio de Janeiro, Januarfluss. Die Lagoa ist ringsum gesäumt mit Flanier- und Joggingpisten, einem großen Fußballstadion, kleinen Freiluftrestaurants und jeder Menge Kinderspielplätze. Sie ist das Freizeitrevier der wohlhabenden Mittelschicht aus Ipanema und Jardim Botânico. Auch der Strand und die internationalen Touristen sind nicht weit.

Blutiger Frieden

Am Dienstag nach Ostern stellte die brasilianische NGO Rio de Paz (Friedliches Rio) 25 Tafeln an der Lagoa auf. Die Tafeln waren den 25 Kindern gewidmet, die in den letzten neun Jahren von Kugeln, meist Polizeikugeln, getötet wurden, die meisten in den letzten beiden Jahren. Es ist ein Hilferuf, nicht zuletzt an ausländische BesucherInnen und um internationale Solidarität. Die 25. Tafel galt dem 4-jährigen Ryan, der am Ostersonntag bei einer Schießerei zwischen konkurrierenden Drogenbanden in Madureira, Vorstadtregion von Rio, starb. Empörte Jugendliche stürmten daraufhin eine BRT-Station und fackelten zwei der nagelneuen Schnellbusse ab. Das Protestziel war vermutlich nicht blindwütend gewählt – bei den Schnellbuslinien handelt es sich um eines der die Olympischen Spiele umrankenden Prestigeprojekte der öffentlichen Hand. Schicke Omnibusse ja, Sicherheit fürs Leben nein. Wer für die olympischen Spiele bezahlt, bisweilen auch mit dem Leben, sind die Armen. Nicht nur die Buspreise steigen, auch die Todesraten klettern. Der Kleber an den 25 Lagoa-Plakaten von Rio de Paz war noch nicht trocken als die nächste Nachricht für die 26. Tafel eintraf: Am Ostersamstag wurde der fünfjährige Matheus Santos Moraes in Magé beim Spielen an der Haustür von einer Polizeikugel durchbohrt. Die Mutter, eine arme Hausangestellte, bestreitet, dass die Polizei irgendeiner Bedrohung ausgesetzt war. Matheus hatte ein Tag vor seinem Tod seiner Mutter gesagt: “Ich habe hier Angst, lass uns fortgehen”. Man muss sich nur mal vorstellen, was diese Atmosphäre von Waffen, Schießereien und Gewalt mit den Kindern macht.

Berichterstattung? Fehlanzeige!

In derselben Nacht fackelten empörte BewohnerInnen von Magé 12 Omnibusse ab. Das Omnibusunternehmen teilte mit, dass in den letzten 12 Monaten 50 ihrer Busse in Brand gesteckt worden waren. Das sind Proteste aus Ohnmacht und Verzweiflung. Wären solche Entwicklungen vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi oder den Sommerspielen in Peking gelaufen – auf den deutschen TV-Kanälen hätte eine Talkshow die Nächste gejagt. Aber der Tod von brasilianischen Favelados? Schwamm drüber! Sowas kommt halt vor.
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26.08.2016

Gepostet in: Brasilien: Campo und Vida Ativa

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Von Christina Schug

Das Projekt PazAMIN – für eine Gemeinde ohne Gewalt! bietet viele Aktivitäten für die Schüler_innen öffentlicher Schulen Recifes, um ihren Protagonismus und ihre Selbstständigkeit zu stärken. Die Teilnahme an dem Projekt ermöglicht den Jugendlichen neue Sichtweisen auf ihr Leben und andere Berufsperspektiven. Gestärkt durch die Erfahrungen in der Gruppe und gewappnet mit neuen Fachkenntnissen, gelingt es den Schüler_innen, in ihren Schulen und Lebensfeldern proaktiv zu intervenieren. Das Ziel ist immer die Reduzierung von Gewalt und Friedensbildung.

In der ersten Hälfte des Jahres 2015 hatten die Teilnehmenden der vier Gemeinden, in denen AdoleScER arbeitet, die Möglichkeit eine künstlerische Ausdrucksform zu wählen. Diese konnten sie während eines Workshops erlernen. Dies stellt eine zusätzliche Bereicherung dar. Neben dem vielen Wissen, welches die Jugendlichen über die Methodik der Gemeindebehandlung (Tratamento Comunitário) erhalten  –  einer Methodik, die in ganz Lateinamerika verwendet werden, um Fälle von sozialen Leidens zu identifizieren und zusammen mit der  Bevölkerung zu reduzieren oder gar zu beseitigen.

Die Rolle von Musik und Kunst

Der Musiker Rostan Junior kombinierte in seinem Workshop auf spannende Art und Weise Gesang, Geschichten erzählen und Stimmbildungstechniken. Schüler_innen der Schule Pintor Lauro Villares in Roda de Fogo werden an neue Musikstile heran geführt und ihr Horizont erweitert. In der Schule Jose Maria, in Santo Amaro wurde Kunst mit Graffiti ausgedrückt. Der Graffitikünstler Sérgio Nascimento führte die Jugendlichen mit Theorie und Praxis an Farbe, Design und Kreativität heran. Als Abschlussprodukt bemalte die Gruppe eine Mauer der Schule, um gegen Gewalt aufzurufen.
Theaterunterricht war der Fokus in Caranguejo / Tabaiares und Santa Luzia. Der Schauspieler Marcone Bispo entwickelte Workshops, in denen er mit den Jugendlichen Masken anfertigte, an der Körpersprache arbeitete und sich auf die Stärkung der Identität fokussierte.

Künstlerischen und kulturellen Ausdrucksformen haben schon an sich ein großes Potenzial um Gewalt zu reduzieren. Insbesondere die im Projekt PazAMIN entwickelten Ausdrucksformen, integrieren spezielle Elemente, um eine Kultur des Friedens zu verbreiten. Der Gesangsunterricht bietet eine Beherrschung von Stimme und Atmung, welche für Multiplikation und die Mobilisierung der Gemeinde wichtig sind. Theatertechniken reduzieren Schüchternheit und verfeinern die Körpersprache. Graffiti ist eine Kunstform, die in der Stadt und unter Jugendlichen großen Anklang findet. Sie ist plastisch, öffentlich, sichtbar und trägt zur Debatte über unterschiedliche Themen bei.

12.08.2015

Gepostet in: Brasilien: Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education

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Von Christina Schug

Mehr als 100 Jugendliche aus vier Armenvierteln Recifes (Santa Luzia im Viertel Torre, Ilha Santa Terezinha in Santo Amaro, Roda de Fogo in Torrões und Caranguejo Tabaiares in Afogados), trafen sich im historischen Olinda, um mehr über Netze sozialer Beziehungen in ihren Gemeinden zu lernen und sie zu identifizieren.

Die Methode des „Tratamento Comunitário“ (Gemeindebehandlung) ist ein „Bündel von Aktionen, Instrumenten und Praktiken, die einen Prozess organisieren, mit dem Ziel, die Lebensbedingungen im Einsatzgebiet zu verbessern”, wie es der Forscher und Entwickler der Methode Efrem Milanese (1999) formulierte. Die Interventionen in den Armenvierteln basieren auf einer komplexen Erforschung der lokalen Realität und bieten dem sozialen System Unterstützung.

Die Fortbildung über Netzwerke, war auch ein Prozess der Wissensmultiplikation über das „Tratamento Comunitário“, denn sie wurde von den Jugendgruppenleiter_innen und Erzieher_innen der Institution selbst konstruiert und durchgeführt. Zuvor hatte das gesamte Team an einer intensiven fortlaufenden Weiterbildung über diese Methode teilgenommen und schon praktische Erfahrung in sechs Interventionsschulen in vier Favelas der Stadt Recife gesammelt.

Mit interaktiven und dynamischen Methoden lernten die Jugendlichen das Konzept von Netzwerken. Laut dem „Tratamento Comunitário“ gibt es folgende Typen von Netzen: das individuelle Netzwerk, das operative Netzwerk, das Ressourcennetz und das Netz der Líderes de Opinião (Führungspersonen), die in der lokalen Realität jeweils bestimmte Bedeutungen für deren Veränderung haben. Unterteilt pro Gemeinde und mit den Konzepten im Kopf, war es möglich, die lokalen Netze zu identifizieren, was später die Interventionen der Schüler unterstützen wird.

Bei diesem Treffen ging es vor allem darum, das Wissen über die Methode zu vertiefen. Ziel dabei ist die Nachhaltigkeit des Programms: in der letzten Phase sollen die Jugendlichen selbst Aktionen entwickeln, die das soziale Leiden bekämpfen, denn sie sind auch Bewohner_innen der Gemeinden. Mit Hilfe der Netzwerke werden sie unabhängig von Grupo AdoleScER, jugendliche Protagonisten in der Lösung von sozialen Konflikten sein.

 

22.07.2015

Gepostet in: Brasilien: Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education

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Aline Alves erzählt aus dem Leben in einer Favela

Von Vanessa Silva und Christina Schug

Fotos: Grupo AdoleScER

Interview mit Aline Alves, 19 Jahre, Pädagogikstudentin, Erzieherin der Grupo AdoleScER . Sie lebt in der Armengemeinde (Favela) Santa Luzia im Stadtteil Torre in Recife/ Brasilien.

Was bedeutet die Organisation Grupo AdoleScER für dich?

Nach so viel Zeit und der langen Geschichte, die ich mit der Grupo AdoleScER habe, bedeutet sie für mich quasi mein eigenes Leben. Ich glaube, wenn ich nicht die Fortbildung zum AMIN (Adolescente Multiplicadores de Informação – Jugendliche Informationsmultiplikatoren) mitgemacht hätte, hätte ich wahrscheinlich schon mindestens ein Kind und würde in irgendeinem Supermarkt arbeiten. Mit AdoleScER bin ich erwachsen geworden, gewachsen und hatte die Möglichkeit sehr viel für mein Leben zu lernen: über Themen wie Sexualität, jugendliche Schwangerschaft, Verhütung, Drogen, Hygiene, aber auch Politik, aktives Bürgertum, Religion, Arbeitsrecht und vieles mehr. In dieser Ausbildung hatten wir 24 Themen, deren Inhalte mich seit meiner Jugend bis ins Erwachsenenalter begleitet und mir geholfen haben, die Realität meines eigenen Lebens und das meiner Familie – vor allem meiner Mutter – ins Positive zu verändern.

Aline, wie hast du AdoleScER kennengelernt?

Mit elf Jahren habe ich AdoleScER kennengelernt. Ich erinnere mich, dass ein paar Freundinnen in der Schule darüber geredet haben. Sie nahmen damals schon an der AMIN-Ausbildung teil. Das habe ich meiner Mutter erzählt. Weil sie den ganzen Tag arbeitete, machte sie sich immer Sorgen um mich und meine jüngere Schwester. AdoleScER war dann am Anfang erst mal ein guter Ort uns zu beschäftigen, wenn sie weg war. Wir waren jeden Vormittag von 8 bis 12 Uhr dort und nahmen an dem Programm „Aprender brincando” – „Spielend lernen” (heute CriaPaz) teil. Es war interessant und hat mir total Spass gemacht. Danach konnte ich die dreijährigen AMIN-Ausbildung beginnen.

Wann wurdest du von der Ausgebildeten zur Ausbildenden für andere Jugendliche?

Mit 15 Jahren habe ich meine AMIN-Ausbildung abgeschlossen. Da kamen neue Verantwortlichkeiten auf mich zu: Aktivitäten begleiten, Workshop Pläne erarbeiten, weiter lernen und als Multiplikatorin in die Schule gehen. Diese Momente waren besonders wichtig, denn bei der Vorbereitung und Weitergabe habe ich noch mehr gelernt. „Monitora” (Hilfserzieherin) war dann der nächste Schritt in meiner Karriere bei AdoleScER.

Wie ist heute dein Aufgabenbereich als Erzieherin bei der Grupo AdoleScER?

Heute gibt es die Ausbildung zum AMIN nicht mehr. Wir haben festgestellt, dass die Ausbildung nicht mehr mit der Realität der Jugendlichen zusammenpasst. Die Regierung hat Ganztagsschulen eingeführt und wir bekamen nicht mehr so viel Feedback aus den Gemeinden. Deshalb haben wir ein neues Programm entwickelt, in dem ich als Erzieherin arbeite: Für „PazAMIN – für eine Gemeinde ohne Gewalt!” schlossen wir Partnerschaften mit den Schulen ab. Wir wählten Schülerinnen und Schüler aus, die auf ihr Umfeld einen Einfluss haben, dieser kann sowohl positiv als auch negativ sein. Zweimal pro Woche treffen sie sich in Gruppen und bekommen eine Ausbildung zur Reduzierung von Gewalt und Drogenmissbrauch in Gemeinde und Schule. Die Schüler_innen wiederum sollen ihr soziales Umfeld und die Schulgemeinde positiv beeinflussen.

Du hast jetzt schon der viel von Multiplikation gesprochen. Was genau bedeutet das für AdoleScER?

Es bedeutet einfach, dass wir die gelernten Inhalte weitergeben. Das kann in formalen Veranstaltungen in der Schule und den Jugendzentren von Adolescer stattfinden, aber auch informell zu Hause, im Freundeskreis und der Familie. Wenn wir multiplizieren geben wir gleichzeitig Wissen weiter und lernen selbst sehr viel. Diese Methode nennt sich auch „Peer- Education”, also lernen von und unter Gleichaltrigen.

Hat die Grupo AdoleScER auch deine berufliche Wahl beeinflusst?

Während der Ausbildung war es immer mein größter Wunsch, Erzieherin bei der Grupo AdoleScER zu werden. Es hat mir Spaß gemacht zu lernen und ich hatte das Bedürfnis mein Wissen weiterzugeben. Ich habe mich so motiviert gefühlt, dass ich mich nach der Schule zu einem Studium entschlossen habe, mit dem ich später genau in diesem Feld arbeiten kann.

Ich bin die Erste in meiner Familie, die die Möglichkeit hat, an der Universität zu studieren. Viele meiner Freunde können noch nicht einmal die Schule beenden. Ich dagegen mache ein Pädagogikstudium. Ergänzt mit den vielen praktischen Erfahrungen bei AdoleScER glaube ich, später auch viel erreichen zu können. Schon im Studium merke ich, dass mir vieles leichter fällt als anderen – schließlich entwickele ich schon Unterrichtspläne seit ich 12 Jahre alt bin!

Vieles was ich dort gelernt habe, wird mich immer begleiten: partizipatives Arbeiten auf Augenhöhe, Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die Leichtigkeit vor einer Gruppe zu sprechen, usw.

Wie ist es in der Favela Santa Luzia zu leben?

Der Ort, an dem ich heute lebe, war früher ein Wald und wurde genutzt um Leichen zu verscharren. Einige Leute haben sich organisiert, um den Ort zu besetzen, und illegal eine Siedlung aufzubauen. Die Häuser hier sind aus Holz am Rand des Kanals gebaut, der in den Fluss Capibaribe führt. Einige stehen sogar auf Pfosten über dem Fluss. Dieses Problem gibt es in ganz Recife: Es gibt keinen günstigen Ort mehr zum Leben. Deshalb ist die einzige Möglichkeit für uns, in eine Favela zu ziehen.

In Santa Luzia gibt es schon viele soziale Projekte, auch staatliche oder von religiösen Institutionen, was ist an AdoleScER so speziell?

Für mich ist der große Unterschied, den die Arbeit von AdoleScER macht, dass allen, die teilnehmen, bewusst ist, dass das, was sie lernen nicht allein dem eigenen Nutzen dient. Alles soll weitergegeben werden und die gesamten Gemeinde verändern. Wer bei AdoleScER mitmacht wird zu nichts gezwungen und braucht keine Religion anzunehmen, um an den Aktivitäten teilzunehmen. Unser einziger Kompromiss ist die Stärkung einer aktiven Bürgerschaft.

Brasilien hat gerade eine historische Präsidentschaftswahl hinter sich. Wenn du die neue Präsidentin von Brasilien wärst – was würdest du verändern?

Wenn ich Präsidentin wäre, würde ich in Wohnungsbau, vor allem aber in Bildung investieren. Einen würdigen Wohnort zu haben, mit Wasseranschluss und sanitärer Grundversorgung ist sehr wichtig. Noch wichtiger aber finde ich, die Schule zu verändern. Für mich begründet sich alles Schlechte unserer Gesellschaft dort: Autorität, Gewalt, Faulheit. Die Schule bewahrt eine extreme hierarchische Struktur mit Machtgefälle. Die Schulleitung befiehl den Schülern zu gehorchen, wenn diese nicht gehorchen wollen, üben sie Gewalt aus.

Unsere heutige Welt bietet eine Vielfalt an attraktiven Orten, spannende Sachen zu lernen. Wenn wir in die Schule kommen, treffen wir jedoch auf eine sehr unattraktive Struktur: es ist heiß, laut und wegen der vielen Schlösser und Gitter fühlt man sich, wie in einem Gefängnis eingeschlossen. Die Lehrer beschweren sich über die niedrigen Löhne, sind müde, überfordert und verlieren ihre Lust zu lehren. Dieses große Chaos verhindert dann, dass wir richtig gebildet werden und unsere Rechte kennen.

09.12.2014

Gepostet in: Brasilien: Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education

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