Ein Global Generation Workshop in Österreich

IMG_2954-lowDer eisgrüne Inn fließt mitten durch die Stadt, links und rechts ragen schneebedeckte Berge in den Himmel – die Trainerin Juba Khetokule Khuzwayo von unserer Partner-Organisation SINANI in Südafrika ist begeistert: „Schaut nur, was der große Masterdesigner für uns geschaffen hat!“ Eine Superkulisse für unseren Workshop mit der Tiroler Global Generation Gruppe. Sie ist heterogener als gedacht: Insgesamt sind wir neun Personen: Aus Ungarn, Deutschland, Südafrika, Tirol und der Steiermark. Ob wir hier irgendwelche Gemeinsamkeiten herausfinden können? Auf Wandzeitungen stellen wir für uns wichtige geschichtliche Ereignisse der jeweiligen Länder zusammen. Hier wird ein Land von einer Mauer durchtrennt, dort wird mit Gewalt ein perfides System der Unterdrückung etabliert, Tirol wird in einen österreichischen und einen italienischen Teil getrennt, in Ungarn leiden die Menschen unter der ach so viel gepriesenen Freiheit nach dem Ende des Kalten Krieges. Zusammen kommt eine große Menge völlig unterschiedlicher, ja unvergleichlicher Erlebnisse.

Durch Gespräche Gemeinsamkeiten entdecken

Zumindest auf den ersten Blick. Wie sind wir damit umgegangen, auf individueller, zivilgesellschaftlicher und politischer Ebene? Hier wurden Sprachen verboten, dort auch. Hier die Schuldsprüche der Nürnberger Prozesse, dort die Bekenntnisse vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Hier waren es die Studenten, die auf die Straße gegangen sind. Dort auch. Hier gab es extreme Gewalt, dort auch. Hier wurden Menschen nach bestimmten Kriterien in überlegen und unterlegen sortiert. Dort auch. Hier wurde körperliche Züchtigung gesetzlich verboten, dort auch. Welche Rolle haben eigentlich Frauen gespielt? Und die Kirche(n)? Und die Musik? … Stundenlang haben wir uns gegenseitig erzählt, nachgefragt, Unterschiede, vor allem aber viele, viele Parallelen entdeckt. Es hat uns alle sehr nachdenklich gestimmt. Auf eine äußerst positive Weise. Es ist schon erstaunlich, wie nah und ähnlich wir uns doch in vielen Dingen sind, wenn wir genauer hinschauen.

KATRIN MIKETTA (Erstveröffentlichung im Querbrief 4/2010)

07.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

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WERA TRITSCHLER (Erstveröffentlichung im Querbrief 4/2010)


Ein Global Generation Workshop in Ungarn

Ringsherum erstrecken sich Felder ins Unendliche. Mittendrin wartet ein Betonklotz – ein neu hochgezogenes Hotel mit Therme – auf seine Gäste. Im Restaurant hängen Ölgemälde mit Elefanten, die Tische sind im kitschigsten Ethnolook dekoriert. „Hier soll der Workshop stattfinden?“ flüstert Denver Naidoo, der südafrikanische Trainer, etwas verzagt. Der Raum ist dunkel, viel zu klein. Von Tagungstechnik ist nichts zu sehen. Doch für Verzweiflung bleibt keine Zeit, die Teilnehmerinnen treffen ein: 20 Frauen, Angehörige der Volksgruppe der Roma, hatten sich für Stunden in einen Kleinbus gequetscht um am Workshop teilzunehmen. Auch fünf Nicht-Roma – oder soll man sagen: Ungarn – treffen ein.

Der düstere Raum wird plötzlich bunt. Tische werden zur Seite geschoben, er belebt sich, wird ergriffen. Schon eine Viertelstunde vor Beginn sitzen alle und warten gespannt darauf, was Denver ihnen aus Südafrika erzählen wird. Voller Spannung, wie in einem Krimi, lauschen die Teilnehmer der Geschichte der Apartheid. Mit Freude wird ihrer Überwindung beigewohnt und atemlos den Konflikten und den Schwierigkeiten der traumatisierten Menschen des jungen Südafrikas nachgefühlt. Die Romafrauen selbst gestalten den Workshop durch Lieder, Spiele und Massagen.

Die große Herzlichkeit und Solidarität, die die Roma für die Schwarzen Südafrikas zeigen, kommt nicht von ungefähr: Sie bezeichnen sich selbst als „Schwarze“, und so scheint es nur natürlich, dass sie Denver adoptieren und ihn „unseren Sohn“ nennen. Ihre Lebensbedingungen sind denen der Menschen rund um Johannesburg nicht unähnlich. Rassismus und Ausgrenzung erfahren die Frauen seit ihrer Geburt tagtäglich. Die Lebenssituation der Roma in Ungarn während des Sozialismus wurde als besser empfunden: Sie hatten Arbeit. Die Männer waren beschäftigt in einem der Bergwerke, man hatte eine Wohnung und genügend Lebensunterhalt. Nach der Wende aber will niemand mehr einen Roma einstellen. Zeitweise können sich einige der Männer als Wanderarbeiter verdingen, oft wird der Lohn vorenthalten. Die Männer verlieren ihre Würde, sie können die Familien nicht mehr ernähren, viele trinken zu viel. Die Schulen in den „Romadistrikten“ sind schlecht ausgestattet, es fehlt an Lehrern, pädagogischen Kräften und Material. Kaum ein Roma besucht eine Schule länger als bis zum Alter von 14 Jahren. In Zeitungen wird diskutiert, ob man nicht Mauern um die Romadörfer bauen solle. Die Kinder werden nachts wach, weil grölende junge Männer durch das Dorf ziehen, mit der Drohung alle zu ermorden. Es bleibt nicht bei der Drohung: sechs Roma, darunter zwei Kinder wurden seit 2008 in Ungarn erschossen. In Ungarn leben cirka 800.000 Roma. Die rechtsextreme Partei Jobbik erhielt mit romafeindlichen und antisemitischen Slogans 16,7 % der Stimmen bei den letzten Wahlen. Auch die konservative designierte Partei Fidesz schürt Ressentiments. Apartheid?

Die Frauen bewundern, was die Südafrikaner geschafft haben. Was diese in jahrzehntelangem Kampf eingefordert haben, müssten die Roma – die „Schwarzen Ungarns“ – doch auch schaffen? „Das waren die besten Tage meines Lebens“ verabschieden sich die Frauen nach den drei Tagen des Workshops. Sie haben gezeigt, dass es sich lohnt, zusammenzuhalten. Sich zu organisieren, Forderungen zu stellen, politisch aktiv zu sein. Und wie bei den Zulu sind es auch bei den Roma in Ungarn die Frauen, die solche Veränderungsprozesse anstoßen können.

Nach dem Workshop umringen mich einige Teilnehmende, die nicht zur Roma-Gemeinschaft gehören. Kann sich der Weltfriedensdienst nicht der Ungarn annehmen? „Wir schaffen das nicht mehr alleine, es wächst uns über den Kopf“. „Könntet ihr uns nicht Experten aus Südafrika vermitteln? Sie haben mehr Erfahrung und bessere Konzepte als wir“. Große Aufgaben warten auf den Weltfriedensdienst …

06.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

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Auch im zweiten Projektjahr von Global Generation fanden intensive Workshops mit Hilfe unserer Partnerorganisationen statt. Hier ein Artikel über einen sehr bewegenden Workshop  in Ungarn.

Bei allem Respekt!  Ein Workshop in Ungarn zu gesellschaftlichen Umbrüchen

Mittwoch, 21. Dezember 2011

WERA TRITSCHLER ist Koordinatorin von Global Generation.

Veröffentlicht in Querbrief 4/2011 -Umbrüche

Auch in Österreich und Ungarn organisiert Global Generation Workshops zum Globalen Lernen für Menschen ab 50 Jahren. Die Moderation eines Workshops übernimmt eine Trainerin von SINANI – unserer Partnerorganisation in Südafrika. Im September 2011 moderierte Berenice Meintjes ein bewegendes Treffen in Ungarn.

In einer Gaststätte am Rande der kleinen, aber alten und traditionsbewussten Königsstadt Szekesférhervar warteten 35 Teilnehmer, alle mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen zu Südafrika im Kopf. Schnell fiel die Heterogenität der Gruppe auf: Einige Frauen saßen abseits und für sich. Sie widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit dem Essen, dessen Reste sie für die Daheimgebliebenen einpackten. Es waren Roma, die von unserer ungarischen Partnerorganisation zu dem Workshop eingeladen wurden. Sie fühlten sich sichtlich unwohl. Berenice Meintjes erkannte auch gleich warum: Andere Teilnehmer erklärten mit Blick auf die Roma: „Sie sind wie die Afrikaner, vermehren sich wie die Kaninchen und bevölkern unsere Städte.“ Berenice überhörte einfach diese und weitere rassistische Äußerungen und sprach über Apartheid in Südafrika und ihre Überwindung. Sie stellte die Arbeit von SINANI für ein friedliches Zusammenleben in Kwa Zulu Natal vor und welche besondere Rolle der gegenseitige Respekt dabei spielt.

Die TeilnehmerInnen waren eingeladen, dies mit der Geschichte des sozialen Wandels in Ungarn zu vergleichen. Spätestens aber, als es um die eigene Rolle zur Heilung und Versöhnung ging und um ein besseres Miteinander – spätestens da wurden die bisherigen Vielredner der Runde leiser. Sie begannen zuzuhören. Die leise und bejahende Art von Berenice, ihr intensives Zuhören, schuf ein Klima der Aufmerksamkeit und Nähe. Ohne dass darüber gesprochen wurde, kamen die Roma von außerhalb in den Stuhlkreis hinein. Als es um Respekt als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander ging, waren sie diejenigen, die zu erzählen begannen: Die Geschichten ihrer Kindheit, ihres Zurückgewiesen- Werdens und Sich- Kleinfühlens nahm den Atem und berührte alle. Die TeilnehmerInnen haben sicher viel über Südafrika gelernt. Aber was eigentlich passiert ist auf dem Workshop, das Zusammenrücken zweier Gruppen in ihrem Heimatland Ungarn, ist noch viel wertvoller.

Das ist allein Berenices Verdienst. In nur zwei Tagen ist es ihr gelungen, gegenseitigen Respekt zu schaffen. Ihre jahrelange Erfahrung in der Arbeit unter schwierigsten Bedingungen und das Selbstverständnis von SINANI als Lernende trägt dazu bei. Auch wir wünschen uns noch viele Gelegenheiten, von unseren südafrikanischen Partnern lernen zu können.

06.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

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