Juba Khuzwayo, Simanga Sithebe und Mdu Molefe von Sinani schildern ihre Erfahrungen

Wie sehen Sie das heutige Südafrika, fast 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid?

Molefe: Es gibt großen Fortschritt in vielen Bereichen. Apartheid und soziale Ungleichheit waren in diesem Land durch die alte Gesetzgebung tief verwurzelt. Diese wurde an den Wandel angepasst. Wir haben heute neue Gesetze. Außerdem gibt es politische Maßnahmen zur Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Diejenigen, die früher benachteiligt wurden, haben jetzt mehr Möglichkeiten. Trotzdem haben all diese Gesetze keinen Effekt, wenn große Teile der Bevölkerung nicht für den Arbeitsmarkt ausgebildet sind. Bildungsmöglichkeiten auch in ärmeren Gemeinden müssen angegangen werden, wenn wir tatsächlich Gleichheit schaffen möchten. Denn bis jetzt gilt noch immer: Wer Geld hat, kann seine Kinder auf bessere Schulen schicken. Darum werden diejenigen, die keinen Zugang zu hochwertiger Bildung haben, immer nur in der zweiten Reihe stehen. So können die Gesetze nicht greifen.
Aber insgesamt hat sich das Land stark zum Guten gewendet, gerade was unsere Verfassung und unser Rechtssystem angeht. Wir verfügen über Institutionen, die es uns ermöglichen, Streitfragen vor Gericht zu bringen und die Regierung anzuprangern. Das hilft, Unabhängigkeit zu bewahren.

Sithebe: Aus sozialer Perspektive sind wir viel integrierter als vorher und es herrscht ein breites Spektrum soziokultureller Interaktion. Wir haben nun die Möglichkeit, uns auszudrücken. Wir haben Bewegungsfreiheit und können an Orte ziehen, die anders sind, als das, was wir davor gewohnt waren.

Khuzwayo: Es gibt viele gute Ansätze in der Politik, um Menschen den Umgang mit sozialen Herausforderungen zu erleichtern. Beispiele sind die Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und das Sozialhilfesystem, von denen die Menschen direkt etwas haben. Außerdem werden interessante und kreative Gesetze eingeführt, so wie die Regelung, dass Krankenhäuser und Gefängnisse ihre Einkäufe bei lokalen Gemeindeorganisationen ausführen müssen.

Was trägt Sinani zur Gestaltung des Wandels bei?

Molefe: Sinani ermöglicht es den Menschen, mit der Regierung zusammen den sozialen Wandel zu gestalten, indem sie die Regierung auf die Bedürfnisse der Bevölkerung aufmerksam macht. An unserer jährlichen Generalversammlung laden wir normalerweise immer einen Regierungsvertreter ein, um sich mit unseren Mitgliedern auszutauschen.

Sithebe: Was ich sehr an unserer Organisation schätze, ist dass einige Mitarbeiter in der Führung von Sinani sehr gut zuhören können und sich in ihrer Meinungsäußerung zurücknehmen. Man kann einfach keine gute Gemeinschaftsordnung schaffen, ohne in die zwischenmenschlichen Beziehungen zu investieren und ohne den Menschen einen Ort zu bieten, wo sie sich näher kommen und in Gespräche treten können. Sinani führt Menschen zusammen, die sich davor gegenseitig den Tod wünschten. Jetzt legen wir ihnen ans Herz, zu verstehen, was für eine neue Gesellschaft nötig ist: der Aufbau von Beziehungen, die Zeit füreinander und eben die Fähigkeit, einander zuzuhören.

Khuzwayo: Wir verbinden Menschen. Sinani hilft, Kontakte zu Ressourcen zu verschaffen. Diese Art von Netzwerkarbeit hat großen Erfolg.

Was war für Sie persönlich das Schlimmste an der Apartheid?

Molefe: Für mich war das Schlimmste, dass die Menschenrechte mit Füßen getreten und den Menschen ihre Würde genommen wurde. Aber das Allerschlimmste war die Ermordung von wehrlosen Menschen: Menschen, die mit Steinen gegen Schwerbewaffnete antraten. Wir leben noch immer mit der Hinterlassenschaft der Apartheid. Unsere Gesellschaft hat sich noch nicht versöhnt.

Noch immer gibt es Personen, die sich das alte System zurückwünschen. Sie betrachten die ungleiche Gesellschaft als gottgegeben – eine Rasse sei der anderen nun mal überlegen. Es scheint, dass die Bemühungen um Versöhnung nur von einer Seite kommen, der Seite der damals Unterdrückten.

Sithebe: Stellen Sie sich vor, Sie belagern das Haus von jemandem, Sie wünschen die Kontrolle über diese Person und dass diese Ihnen den Haushalt führt – genau das ist es, was die Apartheid gemacht hat. Der „Hausneger“ steht seinem Herren so nahe, dass er, selbst wenn er könnte, nicht wegrennen würde. Er denkt, dass das, was ihm schadet, ok für ihn ist. Das ist traurig.

Khuzwayo: Die Apartheid zerstörte das Denken der Menschen. Sie kontrollierte ihre Bewegungen und Grundrechte und beeinträchtige ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.

Was ist für Sie das größte Geschenk der Nachapartheidszeit? Etwas, dass für Sie nicht selbstverständlich ist.

Molefe: Das Recht auf freie Meinungsäußerung, ohne dass man sich umschauen müsste, wer einen gleich einsperrt oder sogar umbringt. Man kann jetzt sagen, was man für richtig oder falsch hält. Während der Apartheid war das ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wurde.

Sithebe: Manchmal belebt sich der Schrecken der rassistisch motivierten Morde wieder. Aber wir haben nun die Möglichkeit, miteinander zu sprechen und zu verstehen, woher der andere kommt. Das Recht, aufgebracht zu sein, hat jeder, aber dennoch müssen wir weitergehen. Wir haben jetzt den Raum, uns auszusprechen.

Khuzwayo: Wir haben eine wundervolle Verfassung! Wenn Dinge angeprangert werden, berufen sich die Leute tatsächlich auf die Verfassung. Sie benutzen sie um zu sagen: Dafür haben wir gekämpft und deshalb ist dies und jenes nicht akzeptabel!

JUBA KHUZWAYO ist seit über 10 Jahren bei Sinani im Arbeitsbereich Konfliktbearbeitung tätig und arbeitet derzeit an ihrem PhD. Ihre politischen und religiösen Einstellungen lebt sie mit viel Engagement in sozialen Aktivitäten aus.

MDUDUZI MOLEFE ist Direktor von Sinani, der früh seine Bildung für den Kampf für die Freiheit opferte. Nach dem Ende der Apartheid holte er diese nach und erwirbt jetzt seinen Mastertitel.

SIMANGA SITHEBE, zuständig für Planung, Monitoring und Evaluation. Sein Anliegen ist es, den Menschen zu vermitteln, dass sie stolz darauf sein können, wer sie sind. Brücken zwischen verschiedenen Gruppen zu bauen, erscheint ihm fundamental.

Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Jeglitzka

06.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

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