von LUTZ TAUFER, 2003-09 Kooperant des Weltfriedensdienst in Rio de Janeiro, seit 2010 im Vorstand

Mitten in der schönen Olympiastadt liegt ein großer See namens Lagoa Rodrigo de Freitas. Bis vor ein paar Jahren gab es einen inzwischen zugeschütteten Abfluss zum Meer, den die „Entdecker“ vor 500 Jahren für einen Fluss hielten und da es gerade Januar war, nannten sie die malerische Bucht Rio de Janeiro, Januarfluss. Die Lagoa ist ringsum gesäumt mit Flanier- und Joggingpisten, einem großen Fußballstadion, kleinen Freiluftrestaurants und jeder Menge Kinderspielplätze. Sie ist das Freizeitrevier der wohlhabenden Mittelschicht aus Ipanema und Jardim Botânico. Auch der Strand und die internationalen Touristen sind nicht weit.

Blutiger Frieden

Am Dienstag nach Ostern stellte die brasilianische NGO Rio de Paz (Friedliches Rio) 25 Tafeln an der Lagoa auf. Die Tafeln waren den 25 Kindern gewidmet, die in den letzten neun Jahren von Kugeln, meist Polizeikugeln, getötet wurden, die meisten in den letzten beiden Jahren. Es ist ein Hilferuf, nicht zuletzt an ausländische BesucherInnen und um internationale Solidarität. Die 25. Tafel galt dem 4-jährigen Ryan, der am Ostersonntag bei einer Schießerei zwischen konkurrierenden Drogenbanden in Madureira, Vorstadtregion von Rio, starb. Empörte Jugendliche stürmten daraufhin eine BRT-Station und fackelten zwei der nagelneuen Schnellbusse ab. Das Protestziel war vermutlich nicht blindwütend gewählt – bei den Schnellbuslinien handelt es sich um eines der die Olympischen Spiele umrankenden Prestigeprojekte der öffentlichen Hand. Schicke Omnibusse ja, Sicherheit fürs Leben nein. Wer für die olympischen Spiele bezahlt, bisweilen auch mit dem Leben, sind die Armen. Nicht nur die Buspreise steigen, auch die Todesraten klettern. Der Kleber an den 25 Lagoa-Plakaten von Rio de Paz war noch nicht trocken als die nächste Nachricht für die 26. Tafel eintraf: Am Ostersamstag wurde der fünfjährige Matheus Santos Moraes in Magé beim Spielen an der Haustür von einer Polizeikugel durchbohrt. Die Mutter, eine arme Hausangestellte, bestreitet, dass die Polizei irgendeiner Bedrohung ausgesetzt war. Matheus hatte ein Tag vor seinem Tod seiner Mutter gesagt: “Ich habe hier Angst, lass uns fortgehen”. Man muss sich nur mal vorstellen, was diese Atmosphäre von Waffen, Schießereien und Gewalt mit den Kindern macht.

Berichterstattung? Fehlanzeige!

In derselben Nacht fackelten empörte BewohnerInnen von Magé 12 Omnibusse ab. Das Omnibusunternehmen teilte mit, dass in den letzten 12 Monaten 50 ihrer Busse in Brand gesteckt worden waren. Das sind Proteste aus Ohnmacht und Verzweiflung. Wären solche Entwicklungen vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi oder den Sommerspielen in Peking gelaufen – auf den deutschen TV-Kanälen hätte eine Talkshow die Nächste gejagt. Aber der Tod von brasilianischen Favelados? Schwamm drüber! Sowas kommt halt vor.
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26.08.2016

Gepostet in: Brasilien: Campo und Vida Ativa

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