Auch im zweiten Projektjahr von Global Generation fanden intensive Workshops mit Hilfe unserer Partnerorganisationen statt. Hier ein Artikel über einen sehr bewegenden Workshop  in Ungarn.

Bei allem Respekt!  Ein Workshop in Ungarn zu gesellschaftlichen Umbrüchen

Mittwoch, 21. Dezember 2011

WERA TRITSCHLER ist Koordinatorin von Global Generation.

Veröffentlicht in Querbrief 4/2011 -Umbrüche

Auch in Österreich und Ungarn organisiert Global Generation Workshops zum Globalen Lernen für Menschen ab 50 Jahren. Die Moderation eines Workshops übernimmt eine Trainerin von SINANI – unserer Partnerorganisation in Südafrika. Im September 2011 moderierte Berenice Meintjes ein bewegendes Treffen in Ungarn.

In einer Gaststätte am Rande der kleinen, aber alten und traditionsbewussten Königsstadt Szekesférhervar warteten 35 Teilnehmer, alle mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen zu Südafrika im Kopf. Schnell fiel die Heterogenität der Gruppe auf: Einige Frauen saßen abseits und für sich. Sie widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit dem Essen, dessen Reste sie für die Daheimgebliebenen einpackten. Es waren Roma, die von unserer ungarischen Partnerorganisation zu dem Workshop eingeladen wurden. Sie fühlten sich sichtlich unwohl. Berenice Meintjes erkannte auch gleich warum: Andere Teilnehmer erklärten mit Blick auf die Roma: „Sie sind wie die Afrikaner, vermehren sich wie die Kaninchen und bevölkern unsere Städte.“ Berenice überhörte einfach diese und weitere rassistische Äußerungen und sprach über Apartheid in Südafrika und ihre Überwindung. Sie stellte die Arbeit von SINANI für ein friedliches Zusammenleben in Kwa Zulu Natal vor und welche besondere Rolle der gegenseitige Respekt dabei spielt.

Die TeilnehmerInnen waren eingeladen, dies mit der Geschichte des sozialen Wandels in Ungarn zu vergleichen. Spätestens aber, als es um die eigene Rolle zur Heilung und Versöhnung ging und um ein besseres Miteinander – spätestens da wurden die bisherigen Vielredner der Runde leiser. Sie begannen zuzuhören. Die leise und bejahende Art von Berenice, ihr intensives Zuhören, schuf ein Klima der Aufmerksamkeit und Nähe. Ohne dass darüber gesprochen wurde, kamen die Roma von außerhalb in den Stuhlkreis hinein. Als es um Respekt als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander ging, waren sie diejenigen, die zu erzählen begannen: Die Geschichten ihrer Kindheit, ihres Zurückgewiesen- Werdens und Sich- Kleinfühlens nahm den Atem und berührte alle. Die TeilnehmerInnen haben sicher viel über Südafrika gelernt. Aber was eigentlich passiert ist auf dem Workshop, das Zusammenrücken zweier Gruppen in ihrem Heimatland Ungarn, ist noch viel wertvoller.

Das ist allein Berenices Verdienst. In nur zwei Tagen ist es ihr gelungen, gegenseitigen Respekt zu schaffen. Ihre jahrelange Erfahrung in der Arbeit unter schwierigsten Bedingungen und das Selbstverständnis von SINANI als Lernende trägt dazu bei. Auch wir wünschen uns noch viele Gelegenheiten, von unseren südafrikanischen Partnern lernen zu können.

06.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

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Juba Khuzwayo, Simanga Sithebe und Mdu Molefe von Sinani schildern ihre Erfahrungen

Wie sehen Sie das heutige Südafrika, fast 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid?

Molefe: Es gibt großen Fortschritt in vielen Bereichen. Apartheid und soziale Ungleichheit waren in diesem Land durch die alte Gesetzgebung tief verwurzelt. Diese wurde an den Wandel angepasst. Wir haben heute neue Gesetze. Außerdem gibt es politische Maßnahmen zur Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Diejenigen, die früher benachteiligt wurden, haben jetzt mehr Möglichkeiten. Trotzdem haben all diese Gesetze keinen Effekt, wenn große Teile der Bevölkerung nicht für den Arbeitsmarkt ausgebildet sind. Bildungsmöglichkeiten auch in ärmeren Gemeinden müssen angegangen werden, wenn wir tatsächlich Gleichheit schaffen möchten. Denn bis jetzt gilt noch immer: Wer Geld hat, kann seine Kinder auf bessere Schulen schicken. Darum werden diejenigen, die keinen Zugang zu hochwertiger Bildung haben, immer nur in der zweiten Reihe stehen. So können die Gesetze nicht greifen.
Aber insgesamt hat sich das Land stark zum Guten gewendet, gerade was unsere Verfassung und unser Rechtssystem angeht. Wir verfügen über Institutionen, die es uns ermöglichen, Streitfragen vor Gericht zu bringen und die Regierung anzuprangern. Das hilft, Unabhängigkeit zu bewahren.

Sithebe: Aus sozialer Perspektive sind wir viel integrierter als vorher und es herrscht ein breites Spektrum soziokultureller Interaktion. Wir haben nun die Möglichkeit, uns auszudrücken. Wir haben Bewegungsfreiheit und können an Orte ziehen, die anders sind, als das, was wir davor gewohnt waren.

Khuzwayo: Es gibt viele gute Ansätze in der Politik, um Menschen den Umgang mit sozialen Herausforderungen zu erleichtern. Beispiele sind die Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und das Sozialhilfesystem, von denen die Menschen direkt etwas haben. Außerdem werden interessante und kreative Gesetze eingeführt, so wie die Regelung, dass Krankenhäuser und Gefängnisse ihre Einkäufe bei lokalen Gemeindeorganisationen ausführen müssen.

Was trägt Sinani zur Gestaltung des Wandels bei?

Molefe: Sinani ermöglicht es den Menschen, mit der Regierung zusammen den sozialen Wandel zu gestalten, indem sie die Regierung auf die Bedürfnisse der Bevölkerung aufmerksam macht. An unserer jährlichen Generalversammlung laden wir normalerweise immer einen Regierungsvertreter ein, um sich mit unseren Mitgliedern auszutauschen.

Sithebe: Was ich sehr an unserer Organisation schätze, ist dass einige Mitarbeiter in der Führung von Sinani sehr gut zuhören können und sich in ihrer Meinungsäußerung zurücknehmen. Man kann einfach keine gute Gemeinschaftsordnung schaffen, ohne in die zwischenmenschlichen Beziehungen zu investieren und ohne den Menschen einen Ort zu bieten, wo sie sich näher kommen und in Gespräche treten können. Sinani führt Menschen zusammen, die sich davor gegenseitig den Tod wünschten. Jetzt legen wir ihnen ans Herz, zu verstehen, was für eine neue Gesellschaft nötig ist: der Aufbau von Beziehungen, die Zeit füreinander und eben die Fähigkeit, einander zuzuhören.

Khuzwayo: Wir verbinden Menschen. Sinani hilft, Kontakte zu Ressourcen zu verschaffen. Diese Art von Netzwerkarbeit hat großen Erfolg.

Was war für Sie persönlich das Schlimmste an der Apartheid?

Molefe: Für mich war das Schlimmste, dass die Menschenrechte mit Füßen getreten und den Menschen ihre Würde genommen wurde. Aber das Allerschlimmste war die Ermordung von wehrlosen Menschen: Menschen, die mit Steinen gegen Schwerbewaffnete antraten. Wir leben noch immer mit der Hinterlassenschaft der Apartheid. Unsere Gesellschaft hat sich noch nicht versöhnt.

Noch immer gibt es Personen, die sich das alte System zurückwünschen. Sie betrachten die ungleiche Gesellschaft als gottgegeben – eine Rasse sei der anderen nun mal überlegen. Es scheint, dass die Bemühungen um Versöhnung nur von einer Seite kommen, der Seite der damals Unterdrückten.

Sithebe: Stellen Sie sich vor, Sie belagern das Haus von jemandem, Sie wünschen die Kontrolle über diese Person und dass diese Ihnen den Haushalt führt – genau das ist es, was die Apartheid gemacht hat. Der „Hausneger“ steht seinem Herren so nahe, dass er, selbst wenn er könnte, nicht wegrennen würde. Er denkt, dass das, was ihm schadet, ok für ihn ist. Das ist traurig.

Khuzwayo: Die Apartheid zerstörte das Denken der Menschen. Sie kontrollierte ihre Bewegungen und Grundrechte und beeinträchtige ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.

Was ist für Sie das größte Geschenk der Nachapartheidszeit? Etwas, dass für Sie nicht selbstverständlich ist.

Molefe: Das Recht auf freie Meinungsäußerung, ohne dass man sich umschauen müsste, wer einen gleich einsperrt oder sogar umbringt. Man kann jetzt sagen, was man für richtig oder falsch hält. Während der Apartheid war das ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wurde.

Sithebe: Manchmal belebt sich der Schrecken der rassistisch motivierten Morde wieder. Aber wir haben nun die Möglichkeit, miteinander zu sprechen und zu verstehen, woher der andere kommt. Das Recht, aufgebracht zu sein, hat jeder, aber dennoch müssen wir weitergehen. Wir haben jetzt den Raum, uns auszusprechen.

Khuzwayo: Wir haben eine wundervolle Verfassung! Wenn Dinge angeprangert werden, berufen sich die Leute tatsächlich auf die Verfassung. Sie benutzen sie um zu sagen: Dafür haben wir gekämpft und deshalb ist dies und jenes nicht akzeptabel!

JUBA KHUZWAYO ist seit über 10 Jahren bei Sinani im Arbeitsbereich Konfliktbearbeitung tätig und arbeitet derzeit an ihrem PhD. Ihre politischen und religiösen Einstellungen lebt sie mit viel Engagement in sozialen Aktivitäten aus.

MDUDUZI MOLEFE ist Direktor von Sinani, der früh seine Bildung für den Kampf für die Freiheit opferte. Nach dem Ende der Apartheid holte er diese nach und erwirbt jetzt seinen Mastertitel.

SIMANGA SITHEBE, zuständig für Planung, Monitoring und Evaluation. Sein Anliegen ist es, den Menschen zu vermitteln, dass sie stolz darauf sein können, wer sie sind. Brücken zwischen verschiedenen Gruppen zu bauen, erscheint ihm fundamental.

Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Jeglitzka

06.07.2016

Gepostet in: Südafrika: Friedensarbeit und Gemeindeentwicklung

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Fortbildungsprogramm für indigene Frauen, Hüterinnen traditionellen Wissens

Die Anerkennung und Stärkung weiblicher Positionen ist das Hauptanliegen des von COAJ initiierten Fortbildungsprogramms. Die Rolle der Frauen für die Revalorisierung traditionellen indigenen Wissens wird dabei in den Vordergrund gestellt. Das Fortbildungsprogramm umfasst u.a. theoretische Kurseinheiten zu verschiedenen Gewaltformen und ihrem Bezug zu patriarchalischen Strukturen und dem Kolonialismus. Es werden multiple Diskriminierungsformen, denen Frauen oft in der Gemeinschaft ausgesetzt sind, thematisiert: familiäre Gewalt, Ungerechtigkeit im Arbeitsleben, etc. Gleichzeitig wird über die Rechte der Frauen, sich dagegen zu wehren informiert. Außerdem gibt es Einheiten zum „buen vivir“ Ansatz (dt.: Gutes Leben), zu kosmologischen Prinzipien wie der Dualität von Mann und Frau und ihrer Komplementarität. Das Programm wurde von COAJ und der lateinamerikanischen Organisation für Justiz und Gender (Equipo Latinoamericano de Justicia y Género – ELA) erarbeitet.

ProduzentInnen aus der Hochwüste Puna tauschen sich über traditionelles Wissen aus

Ein buntes Treiben begleitete die zweitägige Ausstellungsmesse: Es gab Veranstaltungen zu traditioneller Medizin und Wettbewerbe in traditionellen Handwerksdisziplinen wie spinnen, weben und verschiedenen Jagdmethoden. Die Menschen konnten ihr Können im  Entkörnen von Mais oder im Kochen regionaler Spezialitäten – z.B. Quinoa Eintopf oder der traditionellen Maissuppe, Kalapurca – beweisen. TierhalterInnen, LandwirtInnen und KunsthandwerkerInnen der Region La Intermedia kamen dazu zum 17. Mal im nördlichsten Zipfel Argentiniens zusammen. Das Gemeinschaftsleben soll dadurch gestärkt und der traditionelle Tauschhandel und andere damit verbundene indigene Traditionen belebt werden. Dabei wird von den OrganisatorInnen der Messe, einem Nachbarschaftskreis der teilnehmenden Gemeinden, die Wichtigkeit des kulturellen Erbes der Ahnen betont. Es geht ihnen darum, in Würde als Teil ihrer Erde und Umwelt zu leben.

Interkultureller Workshop zum Thema „Revalorisierung indigenen Wissens“

Circa 50 ProduzentInnen verschiedener indigener Volksgruppen (Ocloya, Tilián, Quechua, Kolla  und Guaraní) reflektierten in verschiedenen Gesprächsgruppen über altes Wissen in der land- und tierwirtschaftlichen Produktion und setzten sich kritisch mit der Einführung moderner Technologien auseinander. Es gibt eine steigende Nachfrage nach natürlichen Produkten aus den Anbauregionen der indigenen Gemeinden. Dies wird sowohl als Chance, als auch als potentielle Gefahr wahrgenommen. Die gemeinschaftlichen natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen ist dabei wichtig, um die Lebensbedingungen in den indigenen Gemeinschaften zu verbessern: die Produktion soll Einkommen generieren und stabilisieren, ohne jedoch die eigene Versorgung mit Nahrungsmitteln zu bedrohen. Fragen rund um Ernährungssouveränität und die Position besonders der weiblichen Produzentinnen wurden im Rahmen dieses Workshops diskutiert.

26.05.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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Lithium ist eine Schlüsselkomponente für moderne Informationstechnologie. Eine Energiewende ist ohne Lithium nicht denkbar. Es ist Bestandteil von Solarzellen, Windrädern und wieder aufladbaren Batterien, wie sie beispielsweise in Elektroautos eingesetzt werden.

Ein großer Teil der weltweiten zugänglichen Lithiumvorkommen ist im Länderdreieck Chile, Bolivien und Argentinien zu finden.

Die Flaggen wehen im Wind. Ein großer Teil der weltweiten zugänglichen Lithiumvorkommen ist im Länderdreieck Chile, Bolivien und Argentinien zu finden. Doch wie steht es um die Energiewende?

Ein großer Teil der weltweiten zugänglichen Lithiumvorkommen ist im Länderdreieck Chile, Bolivien und Argentinien zu finden.

Hier liegt auch Jujuy. Mit einer explizit Unternehmer- und Bergbaufreundlichen Haltung ist Jujuy angesichts der Nationalisierungspolitik im Nachbarland Bolivien ein interessanter Wirtschaftsstandort. Mehrere, darunter auch internationale Unternehmen, haben inzwischen mit dem Lithiumabbau begonnen.

Indigene Gemeinden werden übergangen

Die indigenen Anrainergemeinden bleiben dabei außen vor. Sie befürchten eine Störung des empfindlichen Ökosystems und ein Ende der Möglichkeit nachhaltiger Salzproduktion und Landwirtschaft, eine Beeinträchtigung des Brunnenwassers wegen des erheblichen Süßwasserverbrauchs und nicht zuletzt die Zerstörung einer einzigartigen Landschaft mit ihrer touristischen, aber auch spirituellen und kulturellen Bedeutung. Ein Zusammenschluss von Gemeinden hat vor dem obersten Gericht eine einstweilige Verfügung zum Stopp sämtlicher Bergbauaktivitäten in ihrer Nachbarschaft beantragt.

Die Einbeziehung der Gemeinden und die Anfertigung von wissenschaftlichen Gutachten zu den ökologischen und ökonomischen Folgen sind ihre Minimalforderungen. Zahlreiche Netzwerke und Info-Webpages von Initiativen zur Überwachung und Aufklärung von Bergbau- und Ölförderungsaktivitäten begleiten Prozesse wie diese und geben dem Protest eine Plattform. Beispiele sind No A La Mina, Observatorio Petrolero Sur oder Observatorio de Conflictos Mineros de America Latina.

24.05.2011

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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