Interview mit HEIKE KAMMER, Friedensfachkraft und Puppenspielerin zu ihrem Kurzzeiteinsatz für den Weltfriedensdienst in Hebron/Palästina. (veröffentlicht im Querbrief 2/2013)

Vom Hasen im Mond

Ich war in Hebron, Palästina und habe dort beim Yes-Theatre gearbeitet. Es ging darum das Team so fortzubilden, dass sie auch Puppentheater in ihrem Theater anbieten können.“

Bei Palästina denke ich an Gewalt, Raketen, Bomben. Was macht da eine Puppenspielerin?

Es gehört zum Konzept vom Yes-Theatre dass man Konflikte aufarbeitet. Nicht nur den großen Konflikt Israel/Palästina, sondern auch persönliche Konflikte. Mein Puppenspiel geschieht im Kontext vom Zivilen Friedensdienst und ich hatte ein Stück mitgebracht, die Geschichte vom Hasen im Mond. Da helfen die Kinder, den Konflikt zu lösen. Das haben wir in Schulen gespielt. Ich habe aber auch vermittelt, wie man Puppen bastelt und darüber spielerisch Konflikte reflektiert.

lachende Kinder bei einer Puppentheater-Vorführung des Yes-Theatre in Hebron/Palästina

Puppentheater macht Spaß – die Auszeit vom gewaltgeprägten Alltag in Palästina tut gut.

Der Hase im Mond klingt witzig, was ist das für ein Stück?

Das habe ich mitgebracht aus Mexiko. Zwei Hasen sind befreundet, aber sie streiten sich über die Ernte. Und während sie sich streiten frisst die Maus alles weg. Die Hasen streiten sich so sehr, dass der eine auf den Mond flieht und der andere traurig zurückbleibt. Dann sprechen wir darüber: was ist passiert? Was können die Hasen machen, dass es ihnen wieder gut geht? Die Kinder kommen dann recht schnell auf Ideen, wie man es macht, sich wieder zu vertragen. Miteinander reden, teilen, Küsschen geben und was der
Ideen mehr sind. Über die Maus heißt es meistens, dass man sie totschießt oder einsperrt. Ich rege dann eine gewaltfreie Lösung an, die die Maus einbezieht. Sie lernt zum Beispiel auch zu teilen und alle sind Freunde.

Hat das in diesem gewaltgeprägten Umfeld funktioniert?

Ja, es hat funktioniert. Nicht für den großen Konflikt natürlich, aber für die kleinen Alltagskonflikte in der Schule. Ich halte es für sehr wichtig überhaupt zu lernen, dass sich Konflikte ohne Gewalt lösen lassen. Die Kinder erleben ständig Gewalt in verschiedenen Weisen. Wir waren in einer Schule und haben das Stück
aufgeführt. Ich fragte dann, ob sie eine zweite Aufführung haben wollen – die Schule war sehr groß – und die Antwort war: „Nein, die Schule muss geräumt werden. Soldaten haben in einem oberen Stockwerk Tränengas geworfen“. Dann sah man nur noch Kindern mit Tüchern vor dem Mund ins Freie rennen. Auf der Straße tobten sie dann rum, begannen mir und meinen Gästen an die Rucksäcke zu gehen und Steine zu werfen. Der Alltag ist sehr gewaltgeprägt. Die Soldaten kommen in die Schulen, greifen sich Kinder und behaupten, sie hätten Steine geworfen.

Kurz vor meiner Abreise gab es in Hebron den Fall, dass 27 Kinder morgens vor dem Schultor aufgegriffen wurden. Sie wurden mitgenommen, verhört, geschlagen. In ihrer Angst sagen sie dann, ja ich habe Steine geworfen, auch wenn sie es nicht getan haben, oder sie beschuldigen andere.

Wie bist du mit dieser Situation persönlich fertig geworden?

Der große Konflikt war ja nicht mein eigentliches Thema. Aber ich hatte Kontakt zu EAPPI (Ökumenisches Beobachterprogramm, www.eappi-netzwerk.de, die Red.). Die halten sich an Orten auf an denen Schulkinder besonders häufig angegriffen werden und kommunizieren Menschenrechtsverletzungen an die
internationale Öffentlichkeit und die Vereinten Nationen, wenn Kinderrechte verletzt werden (Israel hat die Kinderrechtskonvention ratifiziert, die Red.). Da bin ich gelegentlich mitgegangen. Und dann hilft mir mein Theaterspiel.

Kinder streicheln die Handpuppen von Theaterpädagogin und Freidensfachkraft Heike Kammer

Die kuscheligen Handpuppen laden zum Spielen
ein und erlauben einen Abstand zur Wirklichkeit: Heike Kammer, Friedensfachkraft und Puppenspielerin nach einer Vorführung des Yes-Theatres.

Was war die größte Schwierigkeit, auf die du gestoßen bist?

Es waren zwei Hauptprobleme. Einmal die Sprache, ich spreche und verstehe kein Arabisch, war also vollständig auf Übersetzung angewiesen. Das andere Problem war die Tatsache, dass ich keinen hauptamtlichen Ansprechpartner hatte. Ich habe ausschließlich mit Ehrenamtlichen gearbeitet, deren Zeit begrenzt war. Sie mussten ja noch ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber ich sollte diese Leute ausbilden, das war sehr schwierig und anfangs war ich echt unterbeschäftigt. Das hat sich aber schnell erledigt.
Trotzdem, Sprachkenntnisse sind für diese Arbeit eigentlich sehr wichtig und für die Nachhaltigkeit wäre es gut, bezahlte Kräfte für diesen Arbeitsbereich zu haben. Nur dann ist auch die besonders wichtige Arbeit an den Schulen, also Vormittags, möglich.

Hast du auch Erfolge erlebt?

Als größten Erfolg nehme ich mit, dass das Yes-Theatre sein Angebot um die Arbeit an Grundschulen erweitert hat, Kinder im Alter von fünf bis zwölf erreicht. Wir haben das Programm an 20 Schulen erprobt, dort waren sie begeistert, wollen mehr davon. Jetzt fehlen noch die Mittel, diese Arbeit auch dauerhaft zu finanzieren.

24.11.2013

Gepostet in: Palästina: Theaterpädagogische Friedensarbeit

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