von Dr. ULRICH LUIG , Pfarrer i.R., 1968-69 Freiwilliger in Palästina, seit 1970 Mitglied des Weltfriedensdienstes, langjähriges Mitglied des Vorstands (veröffentlicht im Querbrief 2/2013)

Stacheldrahtzaun im besetzten palästinensichen Gebiet

Palästina wird durch Stacheldrahtzäune und Mauern in kleine Parzellen zerstückelt.

Den Anstoß für das Palästina-Engagement des Weltfriedensdienstes gab der „Sechs-Tage-Krieg“ von 1967. Während die Medien und öffentliche Meinung in West-Deutschland eindeutig für Israel Partei ergriffen, traf der Vorstand des Vereins Versöhnungsdienste e.V. eine bemerkenswerte Entscheidung. Parallel zu der Arbeit der Aktion Sühnezeichen, die als Zeichen des deutschen Willens zur Versöhnung mit den Juden seit 1961 Freiwillige nach Israel entsandte, sollten KooperantInnen des Weltfriedensdienst im gerade von Israel eroberten Westjordanland zur Stärkung der Zivilgesellschaft beitragen, gewaltfrei die Voraussetzungen für einen gerechten Frieden „auf Augenhöhe“ zu schaffen. Diese Entscheidung enthielt die Botschaft, dass Friedensdienst und Versöhnungsarbeit bei beiden Konfliktparteien nötig ist und Frieden ohne die Kenntnis und Berücksichtigung der Interessenlage der jeweils anderen Seite nicht zu erreichen ist.
Damit war auch ein Grundsatz vorgegeben, der die Arbeit des Weltfriedensdienstes in Palästina bis heute leitet: Frieden zwischen Israelis und Palästinensern muss von den Konfliktparteien selbst erarbeitet werden. Der Friedensdienst einer deutschen – d. h. ausländischen – Organisation kann nur darin bestehen, die jeweiligen Partnerorganisationen dabei zu unterstützen, deeskalierende und damit friedensfördernde Handlungsstrategien zu entwickeln, ohne dabei selbst zur Konfliktpartei zu werden. Was dies in der konkreten Situation praktisch bedeutet, ist ständig neu zu analysieren und in angemessene Arbeitsschritte umzusetzen.

Die Erfahrungen von mittlerweile 45 Jahren Friedensarbeit des Weltfriedensdienstes in Palästina zeigen sehr deutlich, dass in unterschiedlichen Situationen auch unterschiedliche Arbeitsansätze erforderlich sind.

Begonnen hat die Arbeit des Weltfriedensdienstes in Palästina zunächst in einem Pflegeheim für Kinder mit Behinderungen in ElAzariye bei Jerusalem. Dabei zeigte sich, dass schon die bloße Präsenz und Teilhabe an den Alltagsproblemen vor Ort für das deutsche Weltfriedensdienst-Team die Klärung der eigenen Rolle und Handlungsmöglichkeiten gegenüber den Partnern notwendig machte. Es musste einerseits der Verdacht ausgeräumt werden, dass der Weltfriedensdienst für Israel spioniert, andererseits der Erwartung widersprochen werden, dass er zum Unterstützer einer palästinensischen Befreiungsorganisation werden könnte. Zu vermitteln war vielmehr das Verständnis von Friedensarbeit, die in der Verbesserung der durch den Konflikt belasteten Lebensverhältnisse gemeinsam mit den lokalen Partnern besteht.

Israelischer Checkpoint in Hebron

Israelischer Checkpoint in Hebron

Ende 1968 begannen KooperantInnen des Weltfriedensdienstes in den palästinensischen Dörfern Kafr Na’ame und Bil’in westlich von Ramallah gemeinsam mit den Frauen aus beiden Dörfern eine Frauenkooperative aufzubauen. Durch die Herstellung und den Vertrieb von traditionell bestickten Textilien erhielten die Frauen auf diese Weise zum ersten Mal ein bescheidenes Einkommen. Friedensdienst bedeutete in dieser Phase vor allem Entwicklung im Sinne von Veränderung und Verbesserung bestehender Lebensbedingungen. In der streng patriarchalischen palästinensischen Gesellschaft war die Entwicklung einer selbstorganisierten Frauenkooperative auch ein wichtiger Schritt zu mehr Anerkennung und Unabhängigkeit der Frauen in diesen Dörfern. Als 2005 die Protest-Aktionen gegen die völkerrechtswidrige Enteignung großer Teile des Landes von Bil’in zugunsten einer nahen israelischen Siedlung begannen, gehörten die Frauen des Dorfes mit zu den ersten Unterstützern dieser Aktionen. Bis heute wird die Arbeit der Frauenkooperative durch den Weltfriedensdienst begleitet und von einem langjährigen Spenderkreis unterstützt.

Die Stagnation des Friedensprozesses und die deutliche Verschlechterung der Lebensverhältnisse der palästinensischen Zivilbevölkerung unter der andauernden israelischen Besatzung haben wesentlich dazu geführt, dass die Adressierung der Besatzungssituation und ihrer Folgen zunehmend als Aufgabe des Friedensdienstes verstanden wird. Neben Initiativen zur Traumaarbeit und sozialpsychologischen Beratung unterstützte bzw. unterstützt der Weltfriedensdienst durch seine Friedensfachkräfte auch Projekte von palästinensischen Partnern in den Bereichen Kunst- und Musiktherapie sowie theaterpädagogische Friedensarbeit. Auf diese Weise werden gewaltfrei arbeitende zivilgesellschaftliche Initiativen in Palästina gestärkt, die politische Lösungen zwar nicht ersetzen, aber mit die Voraussetzungen für einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern schaffen können.

Ergänzt wird der Weltfriedensdienst in Palästina durch eine Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit in Deutschland, die sich inhaltlich an der UN-Menschenrechtscharta und an internationalem Recht orientiert. Dazu gehören öffentliche Proteste gegen die Verletzung dieser Rechte ebenso wie Einladungen der palästinensischen Partner nach Deutschland, um sich und ihre Arbeit selbst vorzustellen.

23.11.2013

Gepostet in: Der Weltfriedensdienst in Palästina, Die kleine Geschichte des Weltfriedensdienst e.V.

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