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Karte und Infokasten Argentinien

Von Alejandra Castro de Klede (Veröffentlicht im KOMPASS #6 Migration anders denken)

Argentinien ist das beliebteste Einwanderungsland Südamerikas. Knapp 5 Prozent der Bevölkerung bzw. zwei Millionen Menschen haben eine Migrationsgeschichte. Der Weltfriedensdienst e.V. unterstützt Consejo de Organiza­ciones Aborígenes de Jujuy (COAJ). Der Rat der indigenen Organisationen Jujuys setzt sich bereits seit 1989 für die Rechte der indigenen Bevölkerung im nordwestlichen Argentinien ein. Alejandra Castro de Klede, WFD-Kooperantin im COAJ, berichtet, wie Argentinien zum Einwanderungsland wurde. 

Wie kein anderes südamerikanisches Land wurde Argen­tinien von den großen Migrationswellen des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt. Abertausende europäische Einwan­derInnen erreichten das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und in der als nueva migración bezeichneten Einwanderungswelle der 1980er und 1990er Jahre suchten vor allem asiatische MigrantInnen und Menschen aus den nörd­lichen Nachbarländern Bolivien und Paraguay ihr Glück in Argentinien. In vielerlei Hinsicht haben diese unterschiedli­chen Migrationsgruppen – neben der indigenen Bevölkerung – die ökonomische, demografische und kulturelle Entwick­lung des Landes stark mitbestimmt. Die nationale Identität Argentiniens gründete sich auf der Basis einer interkulturel­len Gesellschaft.

Nach aktuellen Daten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind 4,8 Prozent der argentinischen Bevölkerung, also etwa zwei Millionen Menschen, Migran­tInnen. Damit ist Argentinien das beliebteste Einwande­rungsland in der Region. Den größten Anteil haben Migran­tInnen aus Paraguay, Bolivien, Uruguay, Chile und Peru. Doch auch die Anzahl der afrikanischen, mittelamerikani­schen, kolumbianischen und venezolanischen EinwanderIn­nen steigt kontinuierlich.

Mittlerweile ist die bolivianische Einwanderungsgruppe mit mehr als 350.000 offiziellen Mitgliedern die zweitgrößte Migrationsgruppe Argentiniens. Dazu kommen Tausende Sans-Papiers bzw. Menschen mit irregulärem Aufent­haltsstatus sowie Wander- und SaisonarbeiterInnen. Über mehrere Migrationswellen hinweg machten sich bolivia­nische EinwanderInnen auf ihren Weg auf nach Argenti­nien und verteilten sich von den Grenzprovinzen Salta und Jujuy bis nach Feuerland, wobei die größte bolivianische Gemeinschaft zurzeit in Buenos Aires lebt. Heutzutage sind die bolivianisch geprägten Stadtteile und die traditionellen bolivianischen Märkte aus vielen Provinzen gar nicht mehr wegzudenken. Die BolivianerInnen verstehen sich als ein Volk in ständiger Bewegung: sie nehmen ihr kulturelles Gut, ihre Bräuche, ihre Feste und ihre Heiligen mit in ihre neue argentinische Heimat.

In Argentinien arbeiten zahlreiche MigrantInnen aus Bolivien als LohnarbeiterInnen im Baubereich, in der Land­wirtschaft, als GärtnerInnen, als MarktverkäuferInnen, in den Nähwerkstätten der Bekleidungsindustrie oder als Hausangestellte. Einige von ihnen haben die Chance ergriffen und sind selbstständig oder gar UnternehmerIn geworden. Als Arbeitskräfte sind bolivianische EinwanderInnen sehr geschätzt. Doch die meisten arbeiten schwarz, unter irregu­lären und oftmals ungerechten Arbeitsbedingungen oder im informellen Sektor. Als prekäre Arbeitskräfte sind sie mit ihrem Migrationshintergrund Ziel wachsender Diskriminie­rung und Stigmatisierung.

Indigene in Argentinien beim Tanzen

Foto: Sergio Laguna

„Ich habe Vertraute kulturelle Werte gefunden“

Celia Rodriguez erzählt ihre ganz eigene Migrationsge­schichte. Sie ist Mitarbeiterin bei COAJ, in Bolivien geboren und lebt seit 25 Jahren in Argentiniens Provinz Jujuy, die an Bolivien grenzt.

„Als ich 15 Jahre alt war, wanderte ich gemeinsam mit meiner Oma nach Argentinien aus. Später haben sich uns fünf meiner Geschwister angeschlossen. Meine Eltern und vier weitere Geschwister blieben jedoch in Bolivien. Der Grund für meine Auswanderung nach Argentinien war meine Ausbildung. Meine Eltern leben auf dem Land, und schon als Kinder mussten wir einen dreistündigen Fuß­weg bis zur nächsten Schule auf uns nehmen. Ich habe in Argentinien die Grundschule beendet und abends die Sekundarstufe gemacht. Wir mussten uns aber auch selbst versorgen. Genau wie meine Schwestern – habe ich deswe­gen als Hausangestellte gearbeitet, mein Bruder arbeitete auf dem Bau. Allerdings hatten wir noch keine Papiere und konnten es nicht vermeiden ausgebeutet zu werden. Wir hatten ziemlich lange Arbeitstage. Manchmal haben sie uns einfach nicht bezahlt. In der Schule wurden wir diskri­miniert, als Bolivianer und als Indigene. Später dann, mit Evo Morales und seiner Regierung, verbesserte sich die Lage in Bolivien. Daraufhin beschlossen einige meiner Geschwister zurück zu gehen. Ich blieb aus familiären Gründen hier in Argentinien.

Mein Mann ist aus einer indi­genen Gemeinde. Durch ihn habe ich hier kulturelle Werte gefun­den, die ich in Bolivien zurück­gelassen glaubte. Ich fühle mich jetzt in der Gemeinde Tilquiza des Ocloya-Volkes integriert. Wir haben drei Kinder, sie sind argentinisch-bolivianisch und indigen. Für den COAJ arbeite ich seit etwa zehn Jahren. Im indi­genen Kontext werden wir respektiert, denn unsere bolivi­anische Kultur ist der hier einheimischen sehr ähnlich. Es ermöglicht uns einen andauernden Austausch im kulturellen und spirituellen Sinn. Dieser sozio-kulturelle Austausch hat dazu beigetragen, die indigenen Identität in den Gemein­den Jujuys wiederzuerlangen. Einige traditionelle Ärzte und spirituelle Führer kommen seit Jahren nach Jujuy, besuchen die Gemeinden und halten beispielsweise mit den Mitarbei­terInnen des COAJ traditionelle Zeremonien ab. Der COAJ möchte vor allem diesen grenzüberschreitenden Austausch fördern. Außerdem engagieren wir uns für Bildung und Berufsförderung. Wir bieten in La Quiaca [Grenzstadt zu Bolivien; Anm. d. Red.] und an fünf weiteren Standorten eine technische Ausbildung an, die sich speziell an die indigene Bevölkerung richtet. Die Ausbildung ist offen für Studen­tInnen von beiden Seiten der Grenze, denn im Zuge der Staatenbildung Bolivien-Argentinien wurden viele unserer indigenen Gemeinden durch die Grenzziehung getrennt, und dem wollen wir entgegenwirken.

Infografik Migration aus Südamerika nach Argentinien

 

 

Mit der diesjährigen Ausgabe unseres Themenmagazins KOMPASS „Migration anders denken“ begegnen wir mit „Perspektiven aus dem Globalen Süden“ den unterschiedlichen Facetten von Migration.

Laut der „Internationalen Organisation für Migration“ macht die Süd-Süd-Migration mit mittlerweile mehr als 92 Millionen MigrantInnen den größten Teil der weltweiten Migration aus. Im KOMPASS #6 werfen 12 Beiträge, die unsere SüdpartnerInnen in Afrika, Südamerika und Asien gesammelt und aufgeschrieben haben, ein neues Licht auf die Thematik.

 

 

15.05.2018

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land, Der KOMPASS - Das Themenheft des Weltfriedensdienst