Unsere Fachkraft Alicia Rivero und Marcela Roldán von unserer Partnerorganisation „ProSoCo“ erklären im Jahresbericht 2017, wie sie indigene Gemeinschaften durch die Förderung von KleinunternehmerInnen in ihrem Überlebenskampf und dem Erhalt ihrer Kulturen unterstützen.

Während in Argentinien insgesamt nur ca. 2 % der Gesamtbevölkerung Indigene sind, lebt in unserer Projektregion, dem Department General San Martín der Provinz Salta im Norden Argentiniens, eine relativ große indigene Bevölkerungsgruppe, insbesondere der Völker Guaraní, Chané und Wichí. Der Mangel an Arbeitsplätzen, die sich ausbreitende Plantagenwirtschaft (insbesondere Sojaanbau) und die damit einhergehende Landvertreibung, die Abholzung der Wälder und die Effekte des Klimawandels haben zu schwindenden Lebensgrundlagen dieser indigenen Gemeinschaften geführt und verschlimmern ihre Marginalisierung. Beträgt die Armutsrate in Argentinien insgesamt nur 12,5 % liegt sie bei den indigenen Gemeinschaften in der Projektregion bei 60-70 %.

Auf Erdöl sitzend und trotzdem arm

Riesige Erdgasrohre führen durch Campo Durán, einer indigenen Gemeinschaft, 20 km von der bolivianischen Grenze entfernt. Hier ist der wichtigste Verteilerknoten für alle fossilen Brennstoffe, die im Norden Argentiniens gefördert werden. Doch die BewohnerInnen selbst haben keinen Zugang zum dort geförderten Gas. Bis zu ihrer Privatisierung in den 1990er Jahren waren die Ölraffinerien der Region immerhin ein bedeutender Arbeitgeber. Seitdem nahm die Arbeitslosigkeit enorm zu. 55 % der Jugendlichen des Departements sind arbeitslos. Landflucht in die großen Städte Argentiniens ist für die junge indigene Bevölkerung daher oft der einzige Ausweg. Ihre Gemeinschaften verlieren damit ihren produktiven Nachwuchs, die Sorge um die Alten und das Land. Und sie verlieren die Fortexistenz ihrer Kultur. Viele Familien sprechen nicht mehr in ihrer Muttersprache mit den Kindern, sondern in Spanisch, da sie vor Ort keine Perspektiven mehr für sie sehen.

Ohne Job- und Ausbildungsmöglichkeiten ist für die jungen Leute hier, an der Drogenroute nach Bolivien, auch die Versuchung des schnellen Geldes durch Drogenschmuggel groß. Dazu trägt auch die gesellschaftliche Diskriminierung der indigenen Bevölkerung bei, die ihre soziale und berufliche Integration erschwert.

Vor diesem Hintergrund startete unser Projektpartner ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios) mit einem an die lokalen indigenen Kulturen angepassten Modul im Lehrplan der von ihr betriebenen Berufsfachschule „Escuela de la Familia Agrícola“ (EFA): Indigene Jugendliche lernen hier, wie sie mittels Kleinunternehmertum selbstbewusst und eigenständig Einkommen erwirtschaften können. Mittlerweile werden die Module auch an weiteren Schulen in der Projektregion unterrichtet.

Neben der Ausbildung der SchülerInnen und der Fortbildung der LehrerInnen baute ProSoCo auch ein BeraterInnenteam auf, das vom KleinunternehmerInnen-Zentrum an der EFA aus berät. Die BeraterInnen begleiten die jungen UnternehmerInnen bei der Entwicklung ihrer Unternehmensidee: Welche Kleinkreditprogramme und Möglichkeiten zur Vernetzung gibt es? Wie können Synergien untereinander bei Beschaffung, Produktion und Vermarktung genutzt werden, auch in Form kollektiver Unternehmen? Wie können wir unsere Produkte hochwertiger und auch jenseits unserer lokalen Märkte vermarkten? Neben den UnternehmerInnen-Kursen und Beratungen organisieren sie Ideenwettbewerbe, lokale Produktmessen, gemeinsame Besuche anderer Messen im Land und Treffen mit staatlichen Behörden oder Unternehmerverbänden für bereits aktive indigene UnternehmerInnen.

Stabileres Einkommen

In Campo Durán realisierte ProSoCo im Jahr 2015 ein erstes Entrepreneurship-Training. Bei dieser Fortbildung lernten die TeilnehmerInnen u.a. die Herstellungskosten einer rituellen Chané-Holzmaske abzuschätzen. Bis dahin hatten die Handwerker z.B. noch nie den Wert ihrer eigenen Arbeitskraft berücksichtigt. Auch andere Kosten der Herstellung lernten sie einzubeziehen. Am Ende konnten die HandwerkerInnen die Preise ihrer Produkte im Verhältnis zu den Herstellungskosten und Marktpreisen kalkulieren und sich in einem zweiten Schritt um eine entsprechende Vermarktung auch jenseits ihrer lokalen Märkte bemühen.

Um das indigene Unternehmertum in der Region nachhaltig zu stärken, hat das Projekt einen Runden Tisch etabliert. Dieser setzt sich zusammen aus den Gemeindeverwaltungen vor Ort, dem Ortsverband der KleinunternehmerInnen, dem Ministerium für Indigene Angelegenheiten der Provinz Salta und VertreterInnen der indigenen UnternehmerInnen. Er trifft sich mindestens vier Mal im Jahr. In diesem Rahmen werden gemeinsame Aktivitäten wie Produktmessen oder die Kooperation mit nicht indigenen UnternehmerInnen geplant und ein erweiterter Zugang zu staatlichen Dienstleistungen ermöglicht. Neben dieser verbesserten regionalen Zusammenarbeit werden die Interessen der indigenen UnternehmerInnen im Austausch mit verschiedenen Ministerien auch überregional eingebracht und vertreten.

Dr. Alicia Rivero, Argentinien – Unsere Mitarbeiterin im Projekt Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben
Marcela Roldán, Argentinien – Mitarbeiterin unserer Partnerorganisation ProSoCo

28.09.2018

Gepostet in: Aktuelles, Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

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