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Im argentinischen Juyjuy unterstützt der WFD Indigene im Kampf gegen Wasserraub. Ein Bericht zur Wassersituation in Lateinamerika

Der Bürgermeister erhebt die Stimme. Geschlossen protestiert eine argentinische Gemeinde gegen einen internationalen Agrarkonzern, der im ohnehin zu weiten Teilen wasserarmen Land große Anbauflächen für landwirtschaftliche und industrielle Produktion zu erschließen versucht. Das Unternehmen lässt sich von dem Protest nicht beeindrucken. Der Tenor lautet:
„Wir kommen. Wartet ab“.

In Lateinamerika haben immer mehr Regionen mit Wassermangel zu kämpfen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zur Situation in Lateinamerika diskutierten am vergangenen Donnerstag Lutz Philip Hecker von der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus (BTU) und WFD-Programmkoordinator Helge Swars im Lateinamerika-Forum-Berlin.

Der Wasserverbrauch in Mexiko-Stadt übersteigt die Wasserverfügbarkeit in der Region heutzutage um ein Vielfaches. Alle sieben Grundwasserreservoirs sind versiegt. Um den enormen Verbrauch der Bevölkerung zu decken, wird die Mega-City durch ein gigantisches Trinkwasser-Versorgungssystem mit Wasser aus den entferntesten Regionen Mexikos versorgt. Das hat gravierende Folgen für die Menschen in den ländlichen Gemeinden. Während der Verbrauch in der Hauptstadt stetig steigt, haben viele der Landbewohner noch immer keinen Zugang zu fließendem Wasser.

Diese ländliche Unterversorgung führt zu einer zunehmenden Ansiedlung in den ausufernden Armenvierteln rund um Mexiko-City – der Druck auf die urbane Wasserversorgung steigt.

Wer ist Schuld an dieser Entwicklung?

Die Suche nach den Ursachen für den Wassernotstand gestaltet sich kompliziert. Während die Bevölkerung der Global-City einerseits keine Ansätze eines nachhaltigeren Wasserkonsums zeigt, trägt auch die Politik nicht aktiv zu einer Lösung bei. Die kommunalen Wasserwerke in Mexiko arbeiten laut dem Forscher der BTU Cottbus bis heute ineffizient. Auch die bewässerte Landwirtschaft trägt ihren Teil zum Problem bei. Durch die staatliche Subventionierung intensiver und bewässerungsreicher Landwirtschaft (Agrobusiness) sinkt der Grundwasserspiegel in vielen Regionen rapide.

Zukünftig lässt sich das Problem nur lösen, wenn Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft in Mexiko an einem Strang ziehen. Sparsamkeit muss oberstes Ziel sein. Auch ein transparentes und abgestuftes Preissystem kann auf lange Sicht zu einem bedachteren Konsum anregen. Die Bereitstellung und der Zugang zu Wasser müsste in diesem Fall zwingend garantiert sein. Jeder Verbraucher könnte in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Menge Wasser kostenlos konsumieren. Überschreitet der Konsum die zur Verfügung stehende Menge, müsste proportional zum Mehrverbrauch eine Abgabe gezahlt werden, die wiederum direkt in nachhaltige Versorgungssysteme fließen würde.

Indigene wehren sich

Nach dem wissenschaftlichen Vortrag von Lutz Philip Hecker ergänzte WFD-Programmkoordinator Helge Swars den Vortrag um Beispiele aus der Praxis. Der Weltfriedensdienst unterstützt durch die Kooperation mit der Organisation COAJ Indigene im argentinischen Juyjuy im Kampf gegen internationale Lithium Bergbau-Unternehmen.

In den großen Salzseen der Region befinden sich die weltweit größten, leicht zugänglichen Lithium-Vorkommen. Es ist in der Informationstechnologie nicht zu ersetzen und auch für die Herstellung von Batterien für Hybrid-und Elektroautos unverzichtbar. Einige große internationale Konzerne haben bereits mit dem Abbau des wertvollen Rohstoffes begonnen. Die Fördermethode verbraucht dabei große Mengen an Wasser. Nach der ILO-Konvention 169 sind die Unternehmen zwar verpflichtet, Umweltverträglichkeitsstudien durchzuführen – die lokalen Gemeinden werden jedoch nur selten in die Planungen mit einbezogen. Wenn es um gravierende Eingriffe in die Natur geht, muss die ansässige Bevölkerung zwingend angehört werden. Der Weltfriedensdienst und COAJ ermöglichen der indigenen Bevölkerung, ihr Recht auf Anhörung durchzusetzen. Notfalls auf juristischem Weg.

Darüber hinaus hat COAJ mit Unterstützung des Weltfriedensdienst einen Studiengang entwickelt, der es Gemeindemitgliedern ermöglicht, wissenschaftlich fundierte Entwicklungsprozesse für ihre Region zu erarbeiten. Bildung spielt im Prozess der räumlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle. Teil des Studiums war unter anderem ein von Amnesty International in der Provinz Formosa organisierter Workshop zu Landrechten indigener Völker. Den juristischen Prozess gegen die Unternehmen begleitet eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit, die sich mit den lokalen Problemen inhaltlich auseinandersetzt.
Nur wer Alternativen aufzeigt, hat die Chance, etwas zu bewirken. In diesem Jahr wird erneut ein voller Jahrgang sein Studium erfolgreich beenden.

Kein Einzelfall

Nach dem Vortragsende äußerten viele Besucher ihre Erfahrungen aus anderen lateinamerikanischen Ländern wie Nicaragua, Kolumbien oder Brasilien. Derartige Probleme in der Region häufen sich. Die Kooperation des WFD mit COAJ zeigt eindrucksvoll, dass es sinnvoll ist, zivilgesellschaftlichen Protest durch finanzielle Unterstützung zu stärken. Hatte der Projektpartner in den vergangenen 20 Jahren in mühsamer Kleinarbeit versucht, die Interessen zahlloser abgelegener Gemeinden zu organisieren, kann der Protest nun gebündelt werden. Unser Engagement findet Gehör – 2011 besuchte gar der UN-Sonderberichterstatter für die Indigene Rechte die Region.

Der Bürgermeister weiß nun:
Er kann warten. Und sich wappnen. Unsere Unterstützung ist ihm sicher.

 

25.05.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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