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„Ich halte nichts vom Intelligenten Bajonett“

– mit diesen Worten empfing uns der für die Genehmigung unserer Arbeit mit den Soldaten zuständige General Aboubacar Sidiki Camara im guineischen Verteidigungsministerium. Trotz dieser entmutigenden Begrüßung, die seinem vielsagendem Spitznamen „Idi Amin“ (1971-79 Präsident von Uganda und grausamer Despot) alle Ehre machten, kamen wir doch gut ins Gespräch. Über eine Stunde blieben wir diskutierend zusammen. „Niemand ist gezwungen, einen Befehl auszuführen, der gegen geltendes Recht verstößt!“. Dieser Satz steht in Artikel 6 der guineischen Verfassung. Das Intelligente Bajonett soll den Soldaten Mut machen, diesem Satz Geltung zu verschaffen. Im Rahmen der seit 2011 angelaufenen Sicherheitssektorreform bieten wir an, Menschenrechts- Fortbildungen in die Kasernen zu bringen. Das weckte bei den höheren Dienstgraden die Sorge, die Soldaten würden zur Befehlsverweigerung und zur Revolte gegen ihre Vorgesetzten verleitet. Zweifel an Befehlen ist ein sehr heikles Thema, besonders beim Militär! Wir könnten mit unseren Fortbildungen doch erstmal bei der Polizei und der Gendarmerie anfangen, also bei denjenigen, die mit der Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung zu tun haben, lautete der väterliche Rat des Generals. Von 2008-2012 hatte der Weltfriedensdienst gemeinsam mit der guineischen Menschenrechtsorganisation die Vernetzung der Friedensakteure der Zivilgesellschaft und die Bildung einer Nationalen Friedenskoalition unterstützt.

Aufbauend auf den Ergebnissen dieser ersten Projektphase geht es in einer zweiten Phase der Zusammenarbeit schwerpunktmäßig um den Dialog zwischen Zivilbevölkerung und Sicherheitskräften (Militär, Gendarmerie und Polizei). Im Kampf um freie Wahlen und die Demokratisierung Guineas war es in der Vergangenheit immer wieder zu schweren Zusammenstößen zwischen der demonstrierenden Bevölkerung und den bewaffneten Sicherheitskräften gekommen. Sie forderten ungezählte Opfer und fanden einen unerträglichen Höhepunkt im Massaker vom 28. September 2009 im Stadion von Conakry. Letztendlich führten die Streiks und Friedensdialog zwischen Milität und Zivilgesellschaft in GuineaDemonstrationen der Zivilbevölkerung jedoch tatsächlich zu freien Wahlen und zur Bildung der ersten zivilen Regierung Guineas im Dezember 2010. Doch die ethnisch orientierte Politik der neuen Regierung sowie die massive Einschüchterung und Behinderung der Opposition provozierten neue Protestaktionen der Bevölkerung. Friedliche Demonstrationen werden weiterhin brutal niedergeschlagen, Frauen werden vergewaltigt, Wohnungen Oppositioneller überfallen, Jugendliche erschossen. Korruption, Misswirtschaft und schlechte Regierungsführung erschweren zusätzlich den Demokratisierungsprozess. Die Internetseite Guineepresseinfo veröffentlicht am 6. August 2013 eine Liste der Opfer der Repression des Regimes des demokratisch gewählten Präsidenten Alpha Condé mit 52 Toten und 188 Verletzten. Die Mehrheit von ihnen sind Angehörige der Volksgruppe der Fulbhe (frz.: Peuls) aus dem Stadtbezirk Ratoma der Hauptstadt Conakry, dem Zentrum der Oppositionsbewegung. Im Stadtteil Bambéto, mitten im Zentrum der Gewalteskalation, hat das Projekt „Das Intelligente Bajonett“ sein Hauptstadt-Büro. Die Jugendlichen des Viertels – berühmt und berüchtigt als die „Jugend der Achse Hamdallaye- Bambéto-Cosa“ – kämpfen hier seit Jahren um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Links und rechts der Hauptverbindungsstraße „Route le Prince“, die die Innenstadt mit den Außenbezirken verbindet, legen sie mit Straßenbarrikaden während ihrer Protestaktionen den Verkehr lahm und bedenken die anrückenden Sicherheitskräfte mit Steinwürfen.

Das Projektbüro hat seine Türen für diese gewaltbereiten Jugendlichen geöffnet und arbeitet mit den Anführern. Seit anderthalb Jahren geht es in regelmäßigen Treffen um das Thema der Gewaltprävention und Deeskalation. Im Mai dieses Jahres wurde ein fünftägiger Workshop über Strategien gewaltfreier Aktionen durchgeführt, der begeistert aufgenommen wurde. Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela und Stéphane Hessel wurden in Filmbeiträgen vorgestellt und diskutiert. Die 30 TeilnehmerInnen trugen die Anregungen des Gewaltfreiheit-Workshops sofort in ihre Organisationen. Dort werden jetzt neue Strategien diskutiert, z.B. die Idee eines Nachbarschaft-Projekts. Es gab in der Folge auch eine Radiosendung mit Teilnehmern von beiden Seiten, je zwei Militärs und zwei Vertreter der Zivilgesellschaft. Die Sprecherin der Jugendlichen von Bambéto lieferte sich ein offenes und mutiges Rede- Duell mit dem Sprecher der Gendarmerie. Nach anfänglichem Zögern brachte auch er sich engagiert in die Diskussion ein. Der Präsident des zivilmilitärischen Komitees, ein Colonel im Ruhestand, äußerte deutliche Kritik an den Übergriffen der Sicherheitskräfte im Anschluss an genehmigte Demonstrationen. Diese Sendung im beliebten, kritischen Radiosender „Lynx FM“ wurde von den betroffenen Jugendlichen heiß diskutiert. Sie trug wesentlich zur Vertrauensbildung in diesem sehr sensiblen und schwierigen Milieu bei. Medien spielen beim „Intelligenten Bajonett“ eine große Rolle, der Auftritt ist bunt und vielfältig. Neben Präsentationen in Zeitungen und Internet gibt es die Radio-Diskussionen und Fernsehauftritte. Große Stoffbanner an belebten Straßen und Plätzen verbreiten Botschaften wie „Frieden ist nicht erzwungene Stille!“, „Alle Volksgruppen sind Zweige des gleichen Baumes!“. Musikstücke wurden komponiert und es entstand in Kooperation mit populären Rappern das Album „Paroles de Paix“. Das Logo des Projekts: ein Friedensvogel mit roter Blume im Schnabel, der durch sein Gewicht das Bajonett vom Gewehr abknickt und damit unschädlich macht – wurde viel diskutiert und inzwischen in allen möglichen Größen und Formen verwendet: als Briefkopf, auf dem Info-Faltblatt, als Startbild eines Dokumentarfilms, als Aufkleber für Autos und Motorräder, als ansteckbarer Button und sogar im Chanson. In einem 6-minütigen Musiktitel improvisieren 6 Musiker in 6 verschiedenen Sprachen zu der Vision des Projekts: „Bürger von Guinea, mit und ohne Uniform, lasst uns gemeinsam ein neues Guinea aufbauen, befreit von Angst und Willkür!“ Wie wirksam intensive Öffentlichkeitsarbeit für die Bewusstmachung der Projektinhalte ist, haben wir nach einer mehrfach gesendeten Vorstellung unseres Projektes beim Staatssender RTG gemerkt. Bei einer Polizeikontrolle wurde der Projektberater, der im Fernsehen gesprochen hatte, von den Polizisten erkannt und überschwänglich beglückwünscht:

„Das Intelligente Bajonett finden wir toll! Sie haben ein sehr gutes Programm! Wir sind dabei!“.

Bei der Basis scheint es angekommen zu sein. 

19.04.2017

Gepostet in: Guinea: Stärken von Demokratie und Bürgerrechten für Frieden