veröffentlicht im Querbrief 3/2017

In Potosí, dem ärmsten Departmento Boliviens, arbeitet der Weltfriedensdienst e.V. mit der lokalen Partnerorganisation ISALP an der Stärkung der friedlichen Konfliktbearbeitung und einer Friedenskultur (Cultura de Paz). Durch Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung und unter Einbezug indigener Bräuche konnte in diesem Rahmen im zurückliegenden Jahr z. B. eine gerechtere Austragung des Konflikts indigener Gemeinschaften mit einem Energieversorger begünstigt werden.

traditionell gekleidete Autoritäten des Ayllu führen eine Zeremonie durch.

Jeder Workshop wird mit einer rituellen Zeremonie durch die Autoritäten des Ayllu eröffnet.

In Potosí kommt es immer wieder zu Konflikten, verbalen und physisch gewaltförmigen Übergriffen zwischen verschiedenen Akteursgruppen. Neben großen Ungleichheiten in der Bevölkerung, den Umweltfolgen des regionalen Bergbaus sowie Land- und Grenzkonflikten ist eine wichtige Ursache der fehlende gesellschaftliche Konsens: Wie regeln wir den Zugang zu den Ressourcen Wasser und Boden? Wie verteilen wir die Einnahmen? Die Cultura de Paz im Departamento Potosí stärken ist Ziel der Zusammenarbeit des Weltfriedensdienst e.V. mit der Partnerorganisation ISALP (Investigación Social y Asesoramiento Legal Potosí) in Potosí. Durch Anwendung von Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung unter Einbezug der Bräuche der lokalen indigenen Kultur wird zu einer friedlicheren Gesellschaft und zum bolivianischen Verfassungsziel des Vivir Bien beigetragen.

EIN KONFLIKT WÄCHST

Ein Beispiel für die Arbeit des Projekts war im vergangenen Jahr die Bearbeitung des Konflikts zwischen dem Ayllu von Jila und dem Energieversorger ENDE, der seit Jahrzehnten ein Wasserkraftwerk auf dem Territorium des Ayllu betreibt. Ayllu ist ein Wort aus der bolivianischen Landessprache Quechua. Es steht für einen Zusammenschluss von mehreren indigenen Gemeinden zu einer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Einheit. Für die Wassernutzung auf dem Gebiet leistete ENDE Kompensationszahlungen an die BewohnerInnen des Ayllu. Nachdem der Vertrag 2014 auslief, weigerte sich ENDE jedoch, die Gemeinden weiterhin durch Zahlungen zu entschädigen. Stattdessen bot ENDE die Finanzierung eines Bauvorhabens an: so sollte entweder eine Fischzuchtanlage, eine Abfüllanlage für Wasserflaschen oder ein Tourismusprojekt realisiert werden. Problematisch an diesem Angebot war, dass immer nur bestimmte Gemeinden innerhalb des Ayllu von den verschiedenen Projektvorschlägen profitierten, während andere leer ausgingen. Dies war wahrscheinlich das Kalkül des Energieversorgers Denn ein neuer Vertrag konnte nur mit der Zustimmung des gesamten Ayllu beschlossen werden.

Die einzelnen Gemeinden wurden gegeneinander ausgespielt, was dazu führte, dass sich bestehende Konflikte zwischen den Gemeinden verschärften. Einzelne Gemeinden verhandelten direkt mit ENDE, um die Umsetzung eines für sie vorteilhaften Projekts zu erreichen. Zusätzlich ersetzte ENDE einzelne Mitarbeiter aus den Gemeinden durch Bewohner, die sich für bestimmte angebotene „Lösungen“ aussprachen. Bei den Versammlungen des Ayllu, den Cabildos, kam es deswegen zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinden, woraufhin viele von ihnen nicht mehr an den Cabildos teilnahmen.

DIE INTERVENTION

Als unser Projekt “K`acha Kausakunapaq” (Quechua für „Damit wir alle in Harmonie leben“) Anfang 2016 seine Arbeit aufnahm, war die Situation äußerst angespannt. Nach einer Analyse des Konflikts war für das Projektteam klar, dass das wichtigste Ziel seiner Arbeit die Wiedervereinigung des Ayllu sein musste. Über die Wiederherstellung und Stärkung der althergebrachten Ordnung des Ayllu konnte nicht nur Gewalt verhindert und der Frieden innerhalb des Ayllu wiederhergestellt, sondern auch die gemeinsame Verhandlungsposition gegenüber ENDE wesentlich gestärkt werden.

Vertreter aller Gemeinden des Ayllus Jila haben sich zur Verabschiedung der neuen Aylluverfassung zusammengefunden.

In Bolivien arbeitet der Weltfriedensdienst mit dem lokalen Partner ISALP an der Stärkung friedlichen Vertreter aller Gemeinden des Ayllus Jila haben sich zur Verabschiedung der neuen Aylluverfassung zusammengefunden.

Um das zu erreichen, führte ISALP Workshops und Gespräche durch, die sowohl bei den Cabildos als auch in den Gemeinden stattfanden, die wegen der Auseinandersetzungen nicht mehr an den Versammlungen teilnahmen. Bei Fortbildungen und Beratungen galt dabei immer das Grundprinzip: ISALP wird Eure Konflikte nicht lösen, das könnt nur Ihr selbst, miteinander und im friedlichen Dialog!

GEMEINSCHAFT MACHT STARK

In den Workshops erkannten die TeilnehmerInnen zunächst, dass Konflikte etwas Notwendiges sind. Sie sind Teil aller sozialen Beziehungen und des Wandels. Nur wenn in ihrem Verlauf Gewalt angewandt wird, wirken sie zerstörerisch. Und: Für gewaltfreie Konfliktbearbeitung ist es wichtig, Probleme zu erkennen, offen anzugehen und auch über unterschwellige Aspekte zu sprechen. Durch die partizipative Analyse des Konflikts und durch den konstruktiven Dialog nahmen die Spannungen im Ayllu nach und nach ab. Die verstrittenen Gemeinden begannen wieder miteinander zu reden und kamen zurück zu den Cabildos. Der größte Erfolg der Intervention des Projekts aber ist die neue, von allen Gemeinden gemeinsam erarbeitete Ayllu-Verfassung. Damit konnte für die Verhandlungen mit dem Energieversorger eine gemeinsame Vertretung bestimmt werden, die für das gesamte Ayllu sprechen kann. Die neuen Ayllu-VertreterInnen konnten sich schließlich mit ENDE über Kompensationsleistungen einigen, die jetzt allen Gemeinden des Ayllu zugute komen.

20.09.2017

Gepostet in: Bolivien: Prävention und Konflikttransformation