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Pragmatisch in der Krise

„Die Menschen in Myanmar sind unheimlich flexibel und passen sich super schnell an neue Umstände an“, berichtet Jella Fink, unsere Landeskoordinatorin in Myanmar. „Und sie handeln pragmatisch: sie organisieren sich in gemeinnützigen Organisationen und Freiwilligengruppen. Das „Geben“ ist tief in den sozialen und religiösen Strukturen verwurzelt.“

Fink beobachtet ein sehr solidarisches Verhalten. „Viele bleiben freiwillig zu Hause, fast jede*r trägt in der Öffentlichkeit einen Mund-Nase-Schutz und hält so gut es geht Abstand.“ Denn für alle hätte ein richtiger Ausbruch gravierende Konsequenzen. So entstanden in kürzester Zeit überall in der Öffentlichkeit improvisierte Waschmöglichkeiten – stets mit Seife ausgestattet.

Da die Trainings mit Jugendlichen ethnischer Minderheiten aktuell entfallen, hat unsere Partnerorganisation Mong Pang Youth Association (MPYA) im Shan-Staat Video-Anleitungen in mehreren lokalen Sprachen produziert, wie man selbst Handdesinfektionsmittel herstellt. https://www.facebook.com/pg/mongpanyouthassociation/videos/. In einer digitalen Arbeitsgruppe komponiert das von MPYA geförderte Alumni-Netzwerk gemeinsam ein Lied, das die Covid-19-Prävention unterstützen soll.

MPYA unterstützt die lokalen Gemeinschaften in ihrer Region durch Informationskampagnen und Sachmittelspenden für Familien in prekären Verhältnissen. Sie schließen damit eine wichtige Lücke, da die Informations- und Gesundheitsversorgung in Myanmar bereits vor COVID-19 in bedenklichem Zustand war.

Von Corona-bedingten Ausfällen am stärksten betroffen sind 18 Millionen Myanmarer*innen, die im informellen Sektor tätig sind. Das sind 83% der arbeitenden Bevölkerung.

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Auch unsere beiden anderen Partnerorganisationen engagieren sich in der Prävention und versuchen die Friedensarbeit so gut es geht online von zu Hause aus fortzusetzen. Trainings und Forschungsvorhaben sind erstmal verschoben.

Mon Women Organization (MWO) etwa hat die wichtigsten Fakten in die Mon-Sprache übersetzt und verteilt diese gerade. Die sozialen Medien sind in der Reaktion auf die Pandemie immer wichtiger geworden. Weitere Infos folgen in Kürze.

Westliche Einflüsse: Tendenz negativ

Nach anfänglichem Zögern und teilweise auch grob irreführender Kommunikation hat die Regierung in Myanmar auf die Lage reagiert. Erste Covid-19-Fälle waren allesamt „aus dem Westen“ importiert.

Gleichzeitig inszeniert sich China in Myanmar als freundlicher Helfer und entsendet Mediziner nach Yangon. Die Tendenz, westliche Einflüsse negativ zu charakterisieren, ist seit der Rakhine-Krise und der daraus folgenden öffentlichen Verurteilung sichtbar gestiegen.

Kämpfe teils ausgesetzt

Endlich hat das Militär einen Waffenstillstand bis Ende August beschlossen. Diesen erbaten ethnische bewaffnete Gruppen, um COVID-19-Vorsorge in ihren Gebieten betreiben zu können. Auch internationale Organisationen forderten ein Aussetzen der Kampfhandlungen. Der Waffenstillstand gilt allerdings nicht in Regionen, in denen terroristische Vereinigungen kämpfen, darunter Rakhine und Chin. Dort kommt es aktuell zu den stärksten Kampfhandlungen und den meisten zivilen Opfern.

Das Militär scheint sich durch die „Corona-Ablenkung“ in Sicherheit zu wähnen – die Anzahl ziviler Opfer hat im April stark zugenommen und es kam zu Attacken in den Staaten Rakhine, Karen, Shan und Chin. Gerade kam ein UN-Fahrzeug in Rakhine unter Beschuss, das COVID-19-Tests zum Labor in Yangon fahren sollte. Der lokale WHO-Mitarbeiter wurde getötet.

Das Militär gibt die Schuld an allen zivilen Opfern den ethnischen bewaffneten Gruppen gegen die es kämpft. Das entspricht oft nicht der Realität. Damit will es die Unterstützung der Zivilbevölkerung den ethnischen bewaffneten Gruppen gegenüber schwächen.

Pressefreiheit unter Druck

Eine Internetsperre – seit über 8 Monaten – verschärft die Situation in Rakhine. Zum einen unterbindet die Regierung so den Informationsfluss zu Kampfhandlungen und Menschenrechtsverletzungen in dieser Region, zum anderen können nun auch die COVID-19 Präventionsmaßnahmen nicht verbreitet werden.

Die Unterdrückung und Bekämpfung von Zivilisten findet außerdem nicht nur mit Waffengewalt, sondern auch durch Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit statt. Diese wurde unter der Regierung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi weiter beschränkt und nun durch COVID-19 verschärft.

Verhaftungen prominenter Redakteure, Website-Blockaden, abgeschaltetes Internet – im Wahljahr und in der Corona-Krise wird es für Myanmars Bevölkerung schwieriger, an wichtige Informationen zu kommen.

17.05.2020

Gepostet in: Aktuelles, Myanmar: Friedensprozesse auf Gemeindeebene fördern