Alumni der Jahrgänge 2016, 2017 und 2018 unserer Partnerorganisation demonstrieren und campieren für die Freilassung der im Kriegsgebiet gefangenen Zivilisten, 4.05.2018, gegen 12 Uhr nachtsAllein seit Anfang April fliehen laut UN fast 7.000 Menschen im Kachin-Staat im Norden Myanmars aus ihren Dörfern. Grund sind neue Kämpfe zwischen der Armee und der Kachin Independence Army (KIA), einer bewaffneten ethnischen Gruppe. Tausende sind gefangen zwischen den Fronten. Lebensmittel und medizinische Hilfe gelangen kaum in das Kampfgebiet. Dennoch bleiben die Proteste in der Provinzhauptstadt friedlich.

 

 

 

 

 

Myitkyina, 8. Mai 2018

Seit Anfang des Jahres sind bereits rund 15.000 Menschen geflohen. Bis zu 90.000 hausen in Flüchtlingscamps in den Regionen Kachin und Shan. Viele der seit April Vertriebenen sind in die Provinzhauptstadt Myitkyina gekommen, haben Zuflucht in Kirchen, bestehenden Lagern oder Gastfamilien gefunden. Sie hatten Glück. Laut der UN sind noch mindestens 5.000 Zivilisten im Krisenherd gefangen. Tausende haben ihre Häuser verlassen, Kinder, Schwangere, Ältere und Menschen mit Behinderung übernachten mitten im Wald. Internationale und nationale humanitäre Organisationen haben kaum Zugang zu den Vertriebenen. Die Sonderberichterstatterin über die Menschenrechtslage in Myanmar, Yanghee Lee, berichtet von Luftangriffen des Militärs. Auch werden schwere Waffen und Artilleriefeuer gegen Zivilisten eingesetzt. Die Zahl der Opfer ist noch nicht bekannt. Sie appelliert an alle Konfliktparteien, sich an ihre Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht zu halten. Jede vorsätzliche Behinderung von Hilfslieferungen sei inakzeptabel.

Friedliche Demonstranten fordern Frieden

Ein Mitarbeiter des Weltfriedensdienst ist gerade vor Ort. Aus Sicherheitsgründen verzichten wir hier auf die Nennung seines Namens. Unter den Demonstrierenden sind zahlreiche AbsolventInnen des Peace Building Programms unserer Partnerorganisation. Er berichtet uns:

Die Stimmung in Myitkyina ist angespannt. In der Hauptstadt des Kachin-Staates wächst der Widerstand in der Bevölkerung. Jeden Tag beteiligen sich mehr Menschen in der Stadt an den Demonstrationen. Sie protestieren friedlich für ein Ende der Kampfhandlungen und freies Geleit der im Krisenherd eingekesselten Zivilisten. Lebensmittelkonvois und medizinische Hilfe müssen zu den Eingeschlossenen gelangen. Sie fordern einen Dialog, um den Frieden wieder herzustellen.

Aktivistin bei einen friedlichen Protest in in MyitkyinSeit Tagen kommen immer mehr Soldaten nach Myitkyina. Zunächst waren während der Proteste kaum Polizei oder Militär präsent, zumindest nicht in Uniform. Jetzt werden die Protestierenden von Uniformierten mit vollautomatischen Waffen flankiert.

Mei Awng (Name geändert), eine 24-jährige Demonstrantin und Absolventin des Peace Building Programms unserer Partnerorganisation vor Ort, erklärt uns: „Eigentlich hat der Ministerpräsident des Kachin-Staates zugesagt, die Menschen zu evakuieren. Das Militär verweigert aber die Durchführung und lässt die Rettungsteams nicht durch. Im Grunde ist das hier keine politische Angelegenheit; denn es ist unsere Pflicht, unschuldige Menschen zu schützen. Es geht um Menschlichkeit.“

„Wir geben nicht auf!“

Die Demonstranten kampieren im Manau-Park, dem größten Park im Zentrum der Stadt. Hier und auf den Hauptstraßen stehen seit Tagen Hunderte, halten Schilder und Transparente. Nachts gegen 23 Uhr legt ein Großteil der friedlichen Demonstranten, vor allem die Älteren und die Kinder, ihre Schilder ab. Sie gehen nach Hause. Zurück bleiben die jungen AktivistInnen.

Alumni der Jahrgänge 2016, 2017 und 2018 unserer Partnerorganisation demonstrieren und campieren für die Freilassung der im Kriegsgebiet gefangenen Zivilisten

Die DemonstrantInnen erinnern an die Studierenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China 1989: Eingewickelt

in synthetische Decken mit Blumenmustern kauern sie auf dem Asphalt. Sie sind jung, kaum jemand ist älter als Mitte 20. Es

fällt auf, wie wenig gelacht wird – die Stimmung ist ernst und entschlossen. Als es später zu regnen anfängt, geben noch mehr auf und gehen. „Sie sollten uns nicht im Stich lassen“, flüstert eine Demonstrantin, „Wir werden schwach und sie werden stark“. „Sie“, das sind die bewaffneten Polizisten, die wenige Meter entfernt von den Protestierenden an kleinen Lagerfeuern und in ihren Autos sitzen und warten.

 

Hintergrund:

Bürgerkrieg seit 1961

Seit bald 60 Jahren kämpfen die Kachin für mehr kulturelle, religiöse, wirtschaftliche und politische Autonomie. Daher wird dieser Konflikt manchmal als der am längsten andauernde Bürgerkrieg der Welt bezeichnet. Die Kachin sind überwiegend christlich im mehrheitlich buddhistischen Myanmar. Sie sprechen eine eigene, lang schon verbotene Sprache und sind sehr stolz auf ihre eigenständige Kultur. Doch Krieg ist teuer und so geht es auch um die Kontrolle der reichen Jade-Vorkommen der Region. Im Jahr 2011 endete ein wackeliger, einige Jahre andauernder Waffenstillstand; seitdem gehört die Verletzung der Menschenrechte in den umkämpften Gebieten fast schon zur Tagesordnung: Amnesty International berichtet von Folter, Tötungen, Vergewaltigungen, Entführungen, Zwangsarbeit und Plünderungen durch Polizei und Militär.

„Befreit die gefangenen Zivilisten!“

Brang Awng (Name geändert) arbeitet im Forschungsinstitut der Partnerorganisation des Weltfriedensdienst eng mit unserer Friedensfachkraft zusammen. Er erzählt uns:

„Meine Frau hat als staatlich angestellte Krankenschwester in N’Jang Yang gearbeitet. Als die Kämpfe näher kamen, und mit ihnen die für Vergewaltigungen berüchtigte 23. Brigade, setzte sie alles daran, unsere Tochter und ihre Mutter doch noch irgendwie zu evakuieren. Das hat dann auch noch geklappt. Nachdem sie selbst dann einige Tage später die Erlaubnis vom Gesundheitsministerium bekam, ihren Posten zu verlassen, ließ das Militär sie als eine der letzten aus der Kampfzone heraus. Viele andere Zivilisten, Freunde, Kolleginnen wollten natürlich auch fliehen, aber das Militär hat sie nicht mehr gehen lassen…

Ich bin davon überzeugt, dass wir mit friedlichem Protest, mit Dialogbereitschaft, viel erreichen können. Unsere Protestbewegung ist groß. Sogar in Rangun halten sie Schilder mit Aufschriften wie „Befreit die gefangenen Zivilisten!“ hoch. Wir sind eine landesweite Bewegung!“

 

09.05.2018

Gepostet in: Aktuelles, Myanmar: Friedensprozesse auf Gemeindeebene fördern

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