Die globale Ernährungskrise aus der Froschperspektive entwicklungspolitischer Basisarbeit

Von HANS JÖRG FRIEDRICH, Projektkoordinator (veröffentlicht im Querbrief 4/2008)

Im ersten Globalen Milleniums-Entwicklungsziel (MDG) wird gefordert, die Zahl der Armen und Hungernden bis 2015 zu halbieren. Dabei kommt der Landwirtschaft eine doppelte Bedeutung zu: Einerseits werden die Armutseinkommen überwiegend für Nahrungsmittel ausgegeben; es bedarf also eines Angebots, das für die Armen bezahlbar und zugänglich ist; Andererseits stammt auch ein erheblicher Teil der Armutseinkommen aus der Landwirtschaft, und zwar aus einer kleinbäuerlichen mit mehr oder minder großem Subsistenzanteil.

Dieser Zusammenhang gilt noch einmal in besonderem Maße für das ländliche Afrika, wo es kaum Alternativen zur kleinbäuerlichen Landwirtschaft gibt – sei es als Nahrungsmittellieferant, sei es als Einkommensquelle. Diesen Funktionen kann sie jedoch immer weniger gerecht werden. Globalen Szenarien zufolge könnte der Klimawandel dazu führen, dass der Regenfeldbau in seiner vorherrschenden Form schon in zwölf Jahren nur noch die Hälfte der heutigen Ernten hervorbringt. Dieses Schreckensszenario passt zu den Nachrichten aus den Projektregionen des WFD, in denen die Regenfälle insgesamt geringer und zeitlich unzuverlässiger werden. Besonders Letzteres macht die Wahl des richtigen Zeitpunktes für die Aussaat in WFD-Projektregionen wie Boé (Guinea-Bissau), Koussanar (Senegal) oder der Präfektur Mali (Guinea- Conakry) jedes Jahr aufs Neue zu einem Vabanquespiel.

Stärker marktintegrierte Betriebe (etwa in der Flusszone des Senegal, gleichfalls ein WFD-Projektgebiet) sind nicht im selben Maße dem örtlichen Wettergeschehen ausgeliefert. Dafür hängen sie jedoch von Düngemitteln, Pestiziden und Saatgutlieferungen ab, deren Preise langfristig steigen, während die Verkaufserlöse nicht nur auf Grund subventionierter Nahrungsmittelexporte aus Industrieländern stagnieren, sondern vor allem wegen der alternativlosen Vermarktungsstrukturen. In Frage kommen oft nur große Firmen, die den Zugang zu den Konsumenten in der entfernten Landeshauptstadt organisieren, oder wie in Boé einer der wenigen LKW-Besitzer, die sich trauen, ihre Fahrzeuge zur Erntezeit über erodierte Pisten in die abgelegene Region zu schicken.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass bäuerliche Haushalte mit Marktzugang gleichzeitig als Käufer und Verkäufer von Nahrungsmitteln auftreten. Vermarktet wird in den Wochen nach der Ernte, wenn dringend Geld benötigt wird. Durch das hohe Angebot befinden sich die Agrarpreise dann allerdings auf dem Tiefstand. In den Monaten vor der Ernte werden dann die Geld-, Saatgut- und Nahrungsreserven knapp, und die Haushalte kaufen gewissermaßen ihre eigene Produktion zurück – zu Höchstpreisen. Hier „auf Nummer sicher“ zu gehen und ausreichende Reserven zurückzulegen, erfordert nicht nur technisch perfekte Lagerhaltung, sondern vielleicht auch den Verzicht auf Schulbesuch, Malariabehandlung oder wichtige soziale Verpflichtungen. Wer ohnehin am Existenzminimum lebt, kann nicht zu Vorsorgezwecken vom worst case einer weiteren Missernte ausgehen, denn die Sicherheitsmarge fürs nächste Jahr gefährdet schon heute die Minimalstandards eines menschenwürdigen Lebens.

Was ist zu tun? Zu den derzeit häufig gehandelten Vorschlägen zählen die Intensivierung der Agrarforschung, die Hoffnung auf speziell gezüchtete oder gentechnisch veränderte, schädlings- und dürreresistente Pflanzen, Ausgleichsfonds zur Vermeidung von Angebotsschwankungen auf dem internationalen Nahrungsmittelmarkt, verbesserte Versorgung mit Düngemitteln und die Liberalisierung des Agrarhandels. Aus Sicht der ProduzentInnen im ländlichen Afrika ist vieles davon zwiespältig bis irrelevant. Vieles wird kurzschlüssig aus der Logik des Weltmarkts abgeleitet und die diversen Global Player aus Wirtschaft, Forschung und Politik werden als einzige Akteure angesehen. „Von unten“ betrachtet lassen sich den genannten Ideen freilich ganz andere Seiten abgewinnen.

• Internationale Agrarforschung resultiert leicht in neuen Produkten internationaler Konzerne, die sich diese teuer bezahlen lassen. Bestenfalls treten die Ergebnisse einen langen Marsch durch die Institutionen an, bis sie hoffentlich relativ unverfälscht und in akzeptabler Form durch einen landwirtschaftlichen Berater an eine kaum alphabetisierte Bauerngruppe vermittelt werden. Ob die Neuerungen dann tatsächlich zu den örtlichen Gegebenheiten passen, steht auf einem anderen Blatt. Die Alternative – oder zumindest die notwendige Ergänzung – besteht darin, die Bauern selbst forschen zu lassen. Diesen Ansatz praktiziert seit vielen Jahren der WFD-Partner ENDA Protection Naturelle mit Tausenden bäuerlicher Haushalte. Auch hier wird, wo nötig, mit etablierten Forschungsinstituten zusammengearbeitet. Aber der Prozess bleibt in den Händen der Bauern und Bäuerinnen.

• In abgelegenen Regionen wie den Dörfern Boés, eine halbe Tagesreise auf Staubpisten vom nächsten städtischen Zentrum entfernt, spielen Weltmarktpreise keine große Rolle, und dies wird sich bis 2015 schwerlich ändern. Ausgleichsfonds sind auch hier wichtig. Aber nicht im großen Stil, sondern in Form lokaler Getreidebanken. In Kooperation mit dem örtlichen Bauernverband sind in Boè drei Lager in zentralen Dörfern entstanden, die Ernteüberschüsse zu besseren Preisen als die kommerziellen Händler aufkaufen und in der „schlechten Zeit“ zu günstigeren Preisen wieder abgeben. Gleichzeitig ermöglichen sie den kurzfristigen Ausgleich zwischen Überschuss- und Mangelgebieten – zwei Dörfer aus dem selben Landkreis können die selbe Regenzeit sehr unterschiedlich erleben. Das System funktioniert, weil die Transportwege und – risiken geringer sind als für die Händler, weil die nötigen Arbeitsleistungen weitgehend ehrenamtlich erfolgen (abgesehen von den Perioden der Feldvorbereitung und Ernte ist ausreichend Arbeitszeit verfügbar) und weil es auf Grund der bäuerlichen Kontrolle der Getreidebanken keine überhöhten Handelsspannen gibt.

• Grüne Revolutionen durch Designerpflanzen können unter bestimmten Bedingungen Ernten erhöhen. Dies funktioniert jedoch nicht überall; zudem macht es die ProduzentInnen abhängig von der Preispolitik weniger Lieferfirmen und kann vor allem in kürzester Zeit zum völligen Verschwinden einer Vielzahl traditioneller Sorten führen. ENDA Protection Naturelle hat daher ein Netzwerk bäuerlicher Saatgutproduzenten ins Leben gerufen, das den (auch traditionell üblichen) freien Austausch von Sorten mit verschiedensten Eigenschaften unterstützen soll. Gleichzeitig unterstützt man Bauernorganisationen aus dem Senegal und benachbarten Ländern beim Lobbying gegen eine weitgehend unkontrollierte Zulassung gentechnisch veränderter Organismen, wie sie z. B. durch die US-amerikanische Entwicklungsbehörde betrieben wird.

• Ähnliche Erfahrungen hat man im Senegal mit Düngemitteln und Pestiziden gemacht. Neben der Verschuldungsproblematik auf Grund einer sich öffnenden Preisschere (s. o.) führte die Einbindung bäuerlicher Betriebe als Rädchen im Getriebe von Inputlieferanten und Aufkauforganisationen innerhalb einer Generation zum Ersatz bäuerlichen Produktionswissens durch die Spritzpistole. Die Konsumenten wiederum sind mit Produkten konfrontiert, die haarsträubende Werte gesundheitsschädlicher Rückstände aufweisen. Die bäuerliche Aktionsforschung zu natürlicher Düngung und biologischer Schädlingsbekämpfung macht Produkte und Produktion gesünder, generiert Wissen und senkt die Produktionskosten erheblich. Dies wiederum ermöglicht den Haushalten größere Gewinnspannen, ohne arme Konsumenten durch höhere Preise zu belasten. In Teilen der senegalesischen Flusszone gerät die Agrarindustrie gegenüber den erstarkenden Öko-ProduzentInnen in die Defensive, und die FAO lässt ihre Vorschläge in den Feldschulen testen.

• Auch beim Stichwort Marktzugang assoziieren viele ländliche Haushalte Afrikas Näherliegendes als Schutzzölle oder Exportsubventionen. So weit in bescheidenem Umfang international vermarktet wird – ökologische Perlhirse und Baumwolle aus Koussanar oder getrocknete Mangoscheiben aus Mali – liegen die Probleme eher in der Logistik oder den kostspieligen Auflagen des ökologischen und fairen Handels. Ansonsten geht es zunächst um den physischen Zugang zum nächstgelegenen Kleinstadtmarkt. In Boé haben die Bauern lange für eine kleine Fähre über den Rio Corubal gekämpft und betreiben jetzt erstmals einen verbandseigenen LKW, der Produkte direkt vermarktet und kleine Läden mit Gütern des Grundbedarfs beliefert. Der Engpass liegt hier im Management, nicht in den Nettoeinnahmen – die sprudeln. Die Liste lokaler Lösungen ließe sich fortsetzen. Natürlich gibt es auch bei der Basisarbeit jede Menge Mühen, Fehler und Rückschläge. Aber das Feedback über Erfolg und Misserfolg erfolgt ziemlich direkt. Je ärmer das Land, je schwächer Institutionen und Infrastruktur, je unzuverlässiger die Demokratie, desto weniger Verlass ist auf das Trickle-down gut gemeinter Ideen von der globalen und nationalen Ebene zum einzelnen Haushalt. Das gilt noch immer.

21.12.2008

Gepostet in: Senegal: Umweltbildung und Ernährungssouveränität

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