von HELGE SWARS, veröffentlicht in Querbrief 1/2012 – Frieden braucht Nahrung.

Das Projektgebiet von TSURO, der simbabwische Chimanimani-District, hat in etwa die Größe des Westerwaldes und umfasst fünf verschiedene Klimazonen. Im östlich gelegenen Hochland fallen in subtropischen Klima bis zu 1400 mm Regen. Die BäuerInnen im kargen, westlich gelegenen Lowvelt hingegen müssen manchmal mit nur 300 mm Jahresniederschlag zurecht kommen. Selbst die niederschlagsärmsten Gebiete in Deutschland haben die doppelte Jahresmenge.

Extreme Trockenheit und unregelmäßige, oft zu heftige Regenfälle haben hier in den vergangenen beiden Jahren zum Komplettausfall der Getreideernte geführt. Der Save-Fluss und seine Seitenarme, die das Lowvelt wie Lebensadern durchziehen, sind stellenweise nur noch ein Rinnsal oder ganz ausgetrocknet. In einigen Bezirken Chimanimanis sind die Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Für ihr ebenfalls hungerndes Vieh auf nahezu graslosen Weiden gibt es nichts.

Die Viehzucht spielt in den Lowvelts Chimanimanis, wie in allen Trockengebieten der Welt, eine herausragende Rolle. Wo kein oder kaum Ackerbau möglich ist, kann oft Weidewirtschaft die Menschen ernähren. Sie liefert nicht nur hochwertiges tierisches Eiweiß. Insbesondere Rinder sind wertvoll und so eine wichtige Geldanlage als Reserve für Notzeiten. Dazu haben sie in Form des Brautpreises eine wichtige kulturelle Funktion.

Bedroht wird diese Lebensgrundlage durch Überweidung. Das vollständige Abgrasen der Vegetation setzt eine negative Wirkungskette in Gang. Wasser- und Mineralstoffkreisläufe werden unterbrochen, Bodenorganismen wird die Lebensgrundlage entzogen. Auf dem nicht durch Pflanzen geschützten, von der Sonne steinhart ausgetrockneten Boden können keine Grassamen keimen. Regenwasser versickert nicht, sondern fließt ab. Dabei spült es den Oberboden mit fort. Die Bodenfruchtbarkeit nimmt rapide ab. Der Grundwasserspiegel sinkt, Wasserquellen versiegen. Fortschreitende Verwüstung ist die Folge. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die Versorgung der Menschen und der Kulturpflanzen benachbarter Felder und Gärten.

Die Antwort von TSURO darauf überrascht im ersten Moment. Sie empfehlen nicht, die Anzahl der weidenden Rinder zu verringern. Vielmehr orientiert man sich an einem seit Urzeiten funktionierenden Konzept: riesige, nicht domestizierte und frei wandernde Herden von Grasfressern nutzten und pflegten gleichzeitig des Weideland. In Kooperation mit dem Africa Center for Holistic Resource Management wird daran gearbeitet, das Konzept in die moderne landwirtschaftliche Praxis zu übertragen.

Der schwierigste Teil dabei ist, eine genügend große Zahl von Rinderhaltern zu überzeugen, ihre wenigen Tiere zu großen Herden zusammenzulegen. Als nächstes müssen Hirten gefunden, diese in Herdenmanagement ausgebildet und von den Besitzern der Rinder dafür angemessen entlohnt werden. Bisher ließen diese das Vieh von ihren Kindern hüten. „Würdet ihr eure kleinen Kinder mit eurem Auto fahren lassen?“ fragen die TSURO Mitarbeiter skeptische Bauern. „Eure Rinder sind im Zweifel sogar wertvoller!“

Derzeit bleiben die Rinder immer in der Nähe von Siedlungen und Flüssen, damit die Besitzer sie im Auge behalten können. Das verschärft jedoch die Schäden durch Überweidung. Die zusammengelegten, größeren Herden können in weiter entfernte Gebiete getrieben werden.

Eine weitere Sorge der BäuerInnen gilt Krankheiten, die bei eng zusammen grasenden Herden leichter übertragen werden können. An dieser Stelle hat das Livestock Department des Agrarministeriums die Unterstützung durch Veterinärmediziner und Medikamente zugesagt.

Gemessen an historischen Wildherden, die zum gegenseitigen Schutz vor Raubtieren eng zusammengedrängt zu hunderttausenden durch die Steppen unseres Planeten zogen, sind die angestrebten Herden winzig. Die Mindestgröße in Chimanimani wird ab 500 Tieren erreicht. Von den Hirten eng beieinander gehalten, beweiden Sie ein kleines markiertes Gebiet innerhalb von zwei bis drei Tagen und werden dann weiter getrieben.

Durch ihren Huftritt brechen sie den verhärteten Boden auf und erlauben so das Einsickern von Regenwasser. Grassamen, die entweder auf oder unter der Erdkruste verloren gewesen wären, können keimen. Nebenbei werden stehende, insbesondere auch vertrocknete Gräser und Unkräuter, niedergetrampelt. Diese bedecken den Boden und schützen so vor Erosion und Verdunstung. Rinder düngen den Weideabschnitt mit ihrem Kot und Urin. Durch die enge Beweidung werden alle Pflanzen in dem Gebiet gleichmäßig verbissen und nicht nur einige bevorzugte, wie bei unbegrenzt frei laufenden Rindern. Der Verbiss befördert die Bestockung der Gräser und das Wurzelwachstum. Das Prinzip ist jedem Hobbygärtner bekannt. Wichtig ist, dass die Weide nach all den Wohltaten durch weidende Rinderherden Zeit bekommt, sich zu erholen. Je nach Ausgangszustand der Weide und Witterungsbedingungen handelt es sich dabei um drei bis neun Monate. Die Lowvelts von Chimanimani sind natürliches Grasland, wie die meisten Trockengebiete der Erde. Um sie als Ökosystem zu erhalten, gehören Gras fressende Herden, wie die Verwandten unserer Rinder, seit Ewigkeiten dazu.

01.04.2012

Gepostet in: Simbabwe: Gemeinschaftlicher Ressourcenschutz und Ernährungssouveränität

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