Projekte wie Mom ku Mom (Hand in Hand) in Guinea-Bissau, die auf eine tiefgreifende Veränderung von Menschen, bewaffneten Gruppen und von Kriegen geprägten Gesellschaften abzielen, sind auf die Geduld ihrer Kooperationspartner und Geldgeber angewiesen.

 

Mit Theater in die Kasernen

Eine Organisation von Kriegsversehrten überzeugte 2004 den Weltfriedensdienst e.V. von der Notwendigkeit des Dialogs mit Uniformierten, um die Spirale von Rache und Gewalt zu beenden und sich nicht nur auf die Hilfe zur Selbsthilfe der Opfer zu beschränken. Damals galt Guinea-Bissau – auch heute noch eines der zehn Schlusslichter im Human Development Index – als gescheiterter Staat, fest im Griff des Drogenhandels. Die Bevölkerung ist geplagt von Armut, Korruption und Machtmissbrauch.

Teilnehmer melden sich für ein zivil-militärisch Dialogveranstaltungen in der Kaserne von Cachungo an

Teilnehmer melden sich für ein zivil-militärisch Dialogveranstaltungen in der Kaserne von Cachungo an

Mit finanzieller und pädagogisch-didaktischer Unterstützung des Weltfriedensdiensts entstand bis 2009 ein ambitioniertes Netzwerk namens „Ort der Diskussion“ (DDCC), das einen Lernprozess in Organisationen, Polizeirevieren und Kasernen anstieß. Es förderte die Dialoge von Militär- und PolizeiausbilderInnen mit VertreterInnen der Zivilgesellschaft und der Kriegsopfer. Das Projekt begleitete diesen Dialog auch theaterpädagogisch, indem es die aus Brasilien stammende Methode des „Theaters der Unterdrückten“ (Teatro do Oprimido) vermittelte. Hier setzt das Publikum nicht nur die thematischen Schwerpunkte, es wird in die Handlung einbezogen. Einfache Menschen, im Alltag oft diskriminiert und benachteiligt, werden von passiven Zuschauern selbst zu Akteuren. So erlernen sie (schau-) spielend, sich aus Alltagszwängen zu befreien und gesellschaftliche Unterdrückung infrage zu stellen. Wer sich beim Theaterspielen aus vorgegebenen Rollen befreit, der ist auch imstande, sich im Alltag in ähnlichen Situationen couragiert zu verhalten.

 

Gruppenbild vom Friedensforum

Delegierte aus allen Regionen Guinea-Bissaus beim 3. Treffen des Friedensrats

 

Debatte zum Zustand der Nation

Das Friedensforum “Hand in Hand” brachte ab 2010 die Debatte zum Zustand der Nation in die Kasernen und bezog die lokale Zivilgesellschaft ebenso ein wie die Nationalgarde. Innerhalb eines Jahres wussten landesweit alle Militärangehörigen in Guinea-Bissau von der Bewegung in und aus den eigenen Reihen. Ziel der Bewegung war es, interne Missstände wie Willkür, Intrigen, Bestechung sowie Entfremdung der Uniformierten von der Bevölkerung aufzudecken und zu beseitigen.

 

Ein Putsch verändert alles

Die höheren Offiziere, die dem Projekt die Tore der Kasernen geöffnet hatten, waren es auch, die als Erste dessen Wirkung zu spüren bekamen – und manchen von ihnen war das gar nicht so recht. Bei einem Putschversuch an Weihnachten 2011 standen sie ratlos vor den bereitgestellten Waffen, und mussten feststellen, dass ihre Untergebenen selbst über Mauern getürmt waren und sich durch die Mangroven abgesetzt hatten.

Der Putsch konnte nur aufgehalten, nicht jedoch verhindert werden. Er erreichte auch das Projekt und spaltete das Team; denn es gab unterschiedliche Auffassungen darüber, ob und, wenn ja, in welcher Form ein Friedensprojekt mit einer illegitimen Regierung zusammenarbeiten könne. Das gemeinsame Verständnis schmolz dahin. So musste die Projektplanung an die Entwicklungen im Land und im Projektteam angepasst werden. Aus einer Theatergruppe der Kriegsversehrten war inzwischen eine eigenständige Organisation namens Grupo de Teatro do Oprimido – Bissau (GTO – dt: Gruppe des Theaters der Unterdrückten) hervorgegangen, die schon Dialoge in den Kasernen mitgestaltet hatte. GTO-Bissau wurde in die Projektstruktur integriert, um den zivil-militärischen Dialog auf Augenhöhe fortzuführen.

Theatermethoden zivilisieren das Militär

Mit GTO-Bissau entstand unterdessen in weniger als drei Jahren ein Netzwerk von MediatorInnen, das insgesamt 300 AktivistInnen der zivilgesellschaftlichen Basis in elf lokalen Gruppen organisiert und eng mit den örtlichen Radiostationen zusammenarbeitet. Das Theater der Unterdrückten erweist sich als überaus wirksam. So konnte das Netzwerk 54 kommunale Konflikte – Streit um landwirtschaftliche Nutzflächen, religiöse Differenzen, Auseinandersetzungen zwischen BäuerInnen und ViehzüchterInnen, traditionellen und staatlichen Autoritäten, Dorfgemeinschaften und Naturschutzgebietsverwaltungen – bearbeiten und verhindern, dass aus einem Konflikt ein Flächenbrand wird.

Das Projekt kooperiert mit Gerichten und anderen staatlichen Institutionen sowie mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. In exemplarischer Form wird so an den strukturellen politischen Problemen gearbeitet, wie sie für das ganze Land kennzeichnend sind: Die fehlende oder fehlgeleitete staatliche Präsenz in der Fläche, von Willkür und unklaren Rollen geprägte Beziehungen zwischen Staat, Regierung und Bevölkerung, Mangel an Transparenz und staatsbürgerlichem Bewusstsein.

Guinea-Bissau ist vielleicht noch weit von politischer Stabilität entfernt, doch in den letzten zwei Jahren politischer Krise mit fünf Regierungen und blockiertem Parlament hat sich das Militär jeglicher Einmischung enthalten und ist sichtlich bemüht, seinen historischen Ruf als Armee des Volkes zurückzugewinnen. Dafür wurde es unlängst auch vom UN-Sicherheitsrat lobend erwähnt.

Ausbildung für die Friedensgruppe Übung zu Machtverhältnissen und Befreiung

Ausbildung für die Friedensgruppe: Übung zu Machtverhältnissen und Befreiung

 

 

 

10.05.2018

Gepostet in: Guinea-Bissau: Zivil-Militärischer Dialog