Menschen sind seit jeher von Ort zu Ort gewandert. Ohne Migration gäbe es die Welt, wie wir sie heute kennen, nicht. Die „Beweg“gründe waren und sind dabei vielfältig. Von Afrika ausgehend besiedelte der Mensch, als JägerInnen und Sammle­rInnen, langsam über viele Jahrtausende hinweg alle Kontinente der Welt. Sie waren kontinuierlich auf der Suche nach neuen Nahrungsquellen und Jagdgebieten. Eine nachhaltige Landnut­zung durch Ackerbau war noch weit entfernt. Die nomadische Lebensweise hat sich auch heute noch in vie­len Teilen der Erde gehalten, beispielsweise im Norden Kenias. Angehörige verschiedener Ethnien wechseln immer wieder die Weidegründe, weil das Land zu karg ist, um dauerhaft bewirt­schaftet zu werden. Der so genannte Pastoralismus ist eine der diversen Formen von Migration, auf die der vorliegende KOMPASS aufmerksam macht. Denn Migration ist viel mehr als die nach Europa schwappende „Flüchtlingswelle“, von der ein nicht kleiner Teil im Mittelmeer verebbt.

Mit dem KOMPASS Migration anders denken regen wir zu einem Perspektiven­wechsel an.

Migration und Flucht: Zwei unterschiedliche Dinge

Zunächst einmal zum Begriff: Migration ist nach der Defini­tion von Wikipedia „eine auf Dauer angelegte räumliche Verän­derung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Perso­nen“. Werden dabei Staatsgrenzen überschritten, handelt es sich um internationale Migration. Wer im eigenen Land bleibt, ist BinnenmigrantIn. In bestimmten Fällen wird eine Migrantin oder ein Migrant zum anerkannten Flüchtling: Wer in der Hei­mat aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Nationalität, politischer Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimm­ten sozialen Gruppe verfolgt wird und flüchtet oder vertrieben wird, unterliegt dem Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Flüchtlinge genießen einen besonderen Schutzstatus in den weltweit 147 Ländern, die dieser Konvention beigetreten sind. Doch obwohl heutige Flüchtlingsbewegungen meistens durch religiöse oder ethnische Gewalt in Bürger – oder Stam­meskriegen ausgelöst werden, wird wer vor Krieg flieht, nicht überall als Flüchtling anerkannt.

Die Motive, die MigrantInnen dazu bewegen, sich einen neuen Lebensort zu suchen, sind sehr unterschiedlich. Das in den 1960er Jahren im Rahmen der Migrationstheorie entwickelte Push-Pull-Modell benennt verschiedene Faktoren, die Menschen „anziehen“ (pull) und „abstoßen“ (push). Push-Faktoren wie Krieg, Armut, Hunger, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Dis­kriminierung, soziale Ungleichheit und mangelnde Infrastruk­tur erzeugen demnach einen Migrationsdruck, der Menschen abwandern lässt. Ein Push-Faktor, der heutzutage enorm an Bedeutung gewonnen hat, ist der globale Klimawandel: Eine im November 2017 erschienene Oxfam-Studie belegt, dass zwischen 2008 und 2016, aufgrund der Folgen des Klimawandels, wie stei­gende Wasserpegel und zunehmende Dürre, knapp 22 Millionen Menschen migrieren mussten. Laut der Studie dürfte diese Zahl langfristig auf 280 Millionen Menschen ansteigen. Zu den Pull-Faktoren gehören Sicherheit, Frieden, gute ökonomische Bedingungen, gute Bildungsmöglichkeiten und eine Gesetzes­lage, die legale Einwanderung ermöglicht.

Die Realität der Migration ist jedoch weit komplexer als das Push-Pull-Modell: Die meisten Menschen, die ihre Heimat auf­geben, sind viel zu arm, um eine Reise in ihr Wunschland – falls es dieses überhaupt gibt – anzutreten. Viele verlassen ihren Wohnort nur ungern, sie hoffen, eines Tages zurückzukehren. Deshalb ziehen sie in einen Staat nicht fern ihres Heimatlandes, der ihnen vielleicht Frieden oder einen Job bietet. So brechen keineswegs die meisten MigrantInnen in den globalen Norden auf, sondern bleiben dem Teil der Welt, aus dem sie kommen, erhalten.

Der Globale Süden: Mittelpunkt von Migration

Weltweit beträgt die Zahl der internationalen MigrantInnen, also der Personen, die außerhalb des Staates leben, in dem sie geboren wurden, 244 Millionen. Laut der internationalen Organisation für Migration (IOM) migrierten die meisten von ihnen innerhalb des globalen Südens. Mittlerweile macht die Süd-Süd-Migration weit mehr als 90 Millionen MigrantInnen aus. Einige ihrer Geschichten erzählen wir in diesen KOMPASS. In der Region Casamance in Senegal wird seit 1982 um die Unabhängigkeit gekämpft; ganze Dörfer sind mit Landminen verseucht; Gewalt und bitterste Armut bringen viele Einwoh­nerInnen dazu ihre Heimat zu verlassen – um doch eines Tages in der Hoffnung auf einen Neuanfang zurückzukehren (S. 14). Das Migrationsziel Südafrika wurde zuletzt 2015 von einer Welle fremdenfeindlichen Hasses erschüttert; ein Filmprojekt in Kap­stadt ermutigt Jugendliche einen öffentlichen Dialog über das Thema in Gang zu bringen (S. 12). Argentinien ist das Ziel vieler Einwandernder– wie Celia Rodriguez aus Bolivien: Einst kam sie in das benachbarte Land, um die Chance zu ergreifen ihre Schulausbildung fortzuführen, und blieb, weil sie sich bei der indigenen Bevölkerung heimisch fühlt (S. 26).

Solche Perspektiven auf Migration sind wertvoll, denn sie erweitern unseren eurozentrischen Blick auf weltweite Wan­derungsbewegungen. Die Texte in diesem KOMPASS zeigen, dass Migration eine Umfeldbedingung in den Ländern des Südens ist. Bei der Planung und Durchführung von Vorhaben, die darauf abzielen, vor Ort Konflikte nachhaltig zu lösen und bessere Lebensbedingungen zu schaffen, verändert Migration Zielgruppen und deren Bedürfnisse. Die Berichte geben ganz unterschiedliche Facetten von Migration wieder; dadurch ergibt sich auch die Möglichkeit, Phasen von Wanderbewegungen zu erkennen: Aufbruch, Fortgang, Transit, Verweilen, Rückkehr. Nicht nur für MigrantInnen und RückkehrerInnen sind damit Herausforderungen und Schwierigkeiten verbunden, auch für die zurückgebliebenen oder aufnehmenden Gemeinden, wie z.B. für Mädchen und Frauen in Simbabwe (S. 18).

Die Mitverantwortung des Nordens

Nicht nur die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen zeigen, dass wir verlernt haben über den Teller­rand zu schauen. Auch die großen internationalen Organisati­onen verstehen sich vor allem als VertreterInnen des Nordens. So bietet die Website der Vereinten Nationen (UN) Daten zu Migration aus 45 ausgewählten Ländern – das sind ausnahmslos Staaten der Nordhalbkugel. Auch der International Migration Outlook 2017 der UN bezieht sich primär auf die Immigration in Länder der OECD, ein Zusammenschluss fast ausnahms­los entwickelter Ländern. Dieser KOMPASS soll eine Antwort darauf sein, dass Migrationspolitik zu sehr aus der Sicht des Nordens betrieben wird. So beklagt beispielweise der Direktor eines Migrationsforschungsinstituts in Kapstadt, afrikanische Migrationspolitik sei stark vom Norden beeinflusst und fordert eine eigene afrikanische Migrationspolitik (Interview auf S. 13).

Tatsächlich trägt der Norden eine wesentliche Mitverant­wortung für die Migrationsbewegungen des Südens: Zum Beispiel, wenn Investoren Landgrabbing betreiben, also Land in Besitz nehmen, ohne dass menschenrechtliche Standards berücksichtigt werden. Dies geschieht derzeit etwa in Kenia (S. 16). Auch der Klimawandel, der viele arme Regionen der Welt ertrinken oder vertrocknen lässt, geht zu einem großen Teil auf das Konto der Industriestaaten. So müssen beispielsweise in Simbabwe immer mehr Menschen aus unfruchtbar gewor­denen, kargen Regionen in Gebiete, die eine bessere Ernte versprechen migrieren (S. 22).

Mangel an Recht, Mangel an Kommunikation

Vielerorts zwingt die bestehende nationale wie interna­tionale Gesetzgebung Menschen in die Migration. Das wohl eindrücklichste Beispiel hierfür ist Palästina, ein Land, das seit Jahrzehnten von Migrationsströmen sowohl innerhalb des Landes als auch aus dem Land heraus förmlich zerrissen wird. Hauptursache hierfür ist die heikle politische Situation, der nur eine konsequente Anwendung internationalen Rechts entge­genwirken könnte, wie der Autor des Beitrags auf S. 32 fordert. Im bereits erwähnten Kenia dagegen existieren Gesetze, die es der einheimischen Bevölkerung möglich machen, ihr Recht auf Land geltend zu machen – doch von diesen Gesetzen wissen die Betroffenen oft nichts.

Ein wichtiger „Player“ ist auch die Billiglohn-Industrie, die sich über den gesamten globalen Süden ausgebreitet hat: So zieht es beispielsweise Menschen aus dem ländlichen Boli­vien, die dort keine Perspektive haben, in die großen Städte des Landes, wo sie zwar Arbeit finden aber oftmals ausgebeu­tet werden (S. 28). Nepal dürfte inoffizieller „Arbeitsmigra­tionsweltmeister“ sein – jede/r fünfte EinwohnerIn verlässt das Land, um zumeist in Südostasien einen Job zu finden. Eine Arbeit unter lebensbedrohlichen Umständen ist hier Alltag (S. 30).

Migration ist ein Gradmesser für die einschneidenden globalen Veränderungen, die unsere Gegenwart und Zukunft bestimmen: Klimawandel, Globalisierung, Zunahme von Kriegen und Terror. Immer mehr Menschen setzen sich in Bewegung, um zu (über)leben. Nur wenigen gelingt es, tatsächlich ein menschenwürdiges Leben zu finden. Grund genug, die zahlrei­chen Formen von Migration des Südens, die sich weit weg von unserer Lebenswelt abspielen, besser zu verstehen, mehr über sie zu wissen und daraus zu lernen.

 

 

Mit der diesjährigen Ausgabe unseres Themenmagazins KOMPASS „Migration anders denken“ begegnen wir mit „Perspektiven aus dem Globalen Süden“ den unterschiedlichen Facetten von Migration.

Laut der „Internationalen Organisation für Migration“ macht die Süd-Süd-Migration mit mittlerweile mehr als 92 Millionen MigrantInnen den größten Teil der weltweiten Migration aus. Im KOMPASS #6 werfen 12 Beiträge, die unsere SüdpartnerInnen in Afrika, Südamerika und Asien gesammelt und aufgeschrieben haben, ein neues Licht auf die Thematik.

Mit Stories über Fremdenfeindlichkeit in Südafrika, Geschlechterrollen in Simbabwe, Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern in Kenias Norden versprechen wir uns, Migration auf Augenhöhe zu verstehen. Auch Migrationsgeschichten aus Bolivien oder nepalesischer WanderarbeiterInnen sind nur einige der Beispiele, mit denen wir unsere Blicke weiten. Hier ist einer dieser Artikel. (Zum Inhaltsverzeichnis)

 

15.05.2018

Gepostet in: Der KOMPASS - Das Fachmagazin des Weltfriedensdienst

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