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Kurz lernen – lange arbeiten

Abfahrt in Vientiane um sechs Uhr morgens in Richtung Süden. Eine 800 km lange Fahrt durch Ziegen, Kühe und andere Verkehrsteilnehmer liegt vor uns.
Hoffentlich erreichen wir noch am Abend Thadäng, eine kleine Stadt in der Provinz Sekong.
Zwölf Tage in der Projektregion liegen vor mir. Das ist eigentlich eine lange Zeit. Aber da ich diese Touren immer nur alle acht Wochen unternehmen kann, sind sie mit vielen Aufgaben vollgepackt.
Schon die Vorbereitungen sind aufwändig und umfangreich. Wichtig ist, dass unsere kleine Delegation bei den offiziellen Distriktverwaltungen angemeldet ist, sie über unsere Aktivitäten informiert sind und die Termine mit ihnen abgestimmt werden. Ohne ihre Zustimmung können wir nicht in die Dörfer fahren, uns mit den Familien unterhalten oder offizielle Gespräche mit den Ortsvorstehern führen.
Leider hatte man bei der German Laos Association for Development (GLAD) zu Beginn des Projektes versäumt mit einer Regierungsorganisation, z. B. dem Büro für ländliche Entwicklung, eine Vereinbarung (MoU) abzuschließen. Das bereitet uns jetzt Probleme bei der Umsetzung in den Dörfern.
Im Grunde genommen bewegen wir uns halb illegal und sind stets auf den guten Willen der lokalen Abgeordneten angewiesen, die uns in den vergangenen zwei Jahren immer unterstützt und auch geschützt haben.

Landflucht verhindern durch (Aus-)Bildung

Nach etwa elf Stunden Fahrt sind wir froh, ohne Kollision mit Rindern, Ziegen, Schweinen und Mopedfahrern in der kleinen Distriktstadt Thadäng anzukommen. Für den nächsten Tag haben wir uns an der IVET Berufsschule in Sekong angemeldet. Diese Berufsschule, ebenso wie weitere 10 Schulen in den Provinzen, wurde und wird immer noch von der deutschen EZ gefördert und von GIZ -Development Advisoren beraten. Seit Projektbeginn arbeiten wir mit den Schulen in den Provinzen Sekong und Saravan eng zusammen. Diese Schulen bieten inzwischen, neben den mehrjährigen Berufsausbildungen, auch non-formale Ausbildungskurse an. Unterstützt werden diese Kurse durch das Programm VELA, Vocational Education in Laos, ein Entwicklungsprojekt der GIZ in Kooperation mit der Schweizer Entwicklungshilfe.

Bildung in LaosDie Zielgruppen und –dörfer von VELA und unserem Projekt sind die gleichen, die Zielsetzung aber ist unterschiedlich. Unser Projekt gibt den jungen Menschen die Chance auf ein eigenes Einkommen in ihren Dörfern und ermöglicht ihnen, im Dorf wohnen zu bleiben. Wir können junge Männer und Frauen in den Schulen anmelden und sie erfahren ein ca. vier monatiges handwerkliches Training in den Bereichen Schneider, Schreiner, Mopedreparatur, Elektriker, Maurer und im landwirtschaftlichen Bereich der Tierhaltung und des Pflanzenbaus. In dieser kurzen Zeit lassen sich nur Grundkenntnisse vermitteln, die aber nicht ausreichen, um anschließend selbstständig arbeiten zu können.
Deshalb organisieren wir für die jungen Handwerker zusätzliche Trainings, z. B. für die Schneiderinnen ein Hosentraining, für die Schreiner Bau von Stühlen und Tischen und evtl. auch noch Treppenbau.
In der Tierhaltung benötigen die unerfahrenen Landwirte weitere Detailberatung und Betreuung. Wir besuchen die Auszubildenden in ihren Kursen, sprechen mit den Lehrern, wollen wissen, ob die jungen Leute zuverlässig und interessiert an den Kursen teilnehmen. Des Weiteren sichten wir die Schülerlisten nach Anmeldungen aus Dörfern in denen wir schon einzelne Aktivitäten gestartet haben, aber von den Anmeldungen noch nichts erfahren haben. Wir informieren die in Frage kommenden Schüler über unsere Zusatzangebote und zeigen Beispiele aus anderen Dörfern zum besseren Verständnis.
Sie können dann nach Beendigung der Ausbildung mit uns weiter arbeiten, am Businesstraining teilnehmen und mit einer Starthilfe ein kleines Handwerk in ihrem Dorf beginnen.
Am Nachmittag besuchen wir das Dorf Ban Satheu. Drei Betriebe sind inzwischen entstanden, ein Schreiner, ein Mechaniker und ein Landwirt mit Fischzucht. Ein Maurer hat soeben die Ausbildung beendet, mit ihm wollen wir besprechen, wie er sich seine Zukunft vorstellt.
Leider ist er krank, so verschieben wir das Gespräch auf den nächsten Besuch. Im nächsten Jahr kommt wahrscheinlich noch ein Landwirt mit Ziegenhaltung hinzu. Erfreulich ist auch der Fortgang des Schulbaus. GLAD hat die Möglichkeit, durch andere Förderinstrumente Infrastrukturmaßnahmen wie Bau von Wassersystemen, Schulraumerweiterungen, Sanierungen oder auch Schulneubauten zu fördern. Mit dem Ortsvorsteher wird vereinbart, dass die Schulbänke und Tische von den zwei Schreinern im Dorf gefertigt werden. Da sie das in der Schule nicht gelernt haben, organisieren wir ein einwöchiges Zusatztraining im Dorf. Teilnehmen kann auch noch ein weiterer Schreiner aus dem Nachbardorf. Durch die Etablierung mehrerer Serviceangebote im Dorf haben sich Ban Satheu und zwei andere Dörfer, zu Beispielen entwickelt, an denen wir unser Projekt vorstellen.

Konkurrenz durch ausländische Unternehmen

Werkzeuge zur Verfügung gestellt für (Aus-) Bildung

Übergabe von Werkzeug an junge Auszubildende in Laos

Das Einkommen einiger Familien hat sich verbessert, die Dorfleute können das Angebot annehmen und damit bleibt das Geld im Dorf; außerdem können wir durch zusätzliche Förderinstrumente weitere Infrastruktureinrichtungen verbessern. Natürlich ist es nicht überall so erfreulich. Im nächsten Dorf treffen wir einen Mechaniker, der von sich sagt „Die Ausbildung zum Handwerker hat mir Einkommen verschafft, wir konnten sogar einen kleinen Dorfladen eröffnen“. Aber leider hat er Konkurrenz bekommen. Ein Chinese hat sich an der Abzweigung zu seinem Dorf angesiedelt und fängt mit niedrigen Preisen die Kunden ab. Diese Erfahrung machen auch andere Kleingewerbetreibende. Vietnamesische und chinesische Firmen bestimmen die Märkte in den Provinzen, ihnen gehören die großen Kautschuk-, Kaffee- und Pfefferplantagen, sie besitzen die großen Mais-, Reis- und Maniok-Mühlen, und die Laoten gehen als schlecht bezahlte Tagelöhner in die Plantagen und Verarbeitungsbetriebe. Zahlreiche Dörfer mussten Land wegen langfristiger Konzessionsverträge an ausländische Firmen abgeben. Flächen gehen für den Reisanbau verloren. Vielen Familien reicht die verbliebene Anbaufläche für die Ernährung der Familie nicht mehr aus.

Tagelöhner – der einfachere Weg?

Andererseits haben die Menschen nun die Möglichkeit, als Tagelöhner Geld zu verdienen, was vorher nicht möglich war. Die jungen Leute können sich ein Moped kaufen, ein Handy oder, falls es Strom gibt, sogar einen Fernseher. Was bedeutet das für unser Projekt? Haben die jungen Leute in den Dörfern überhaupt noch die Zeit für ein eigenes Handwerk, ist es nicht einfacher, sie gehen in die Plantage arbeiten, kommen abends nach Hause und haben ein bisschen was verdient? Wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe, warum es nicht so einfach ist, junge Menschen für eine Berufsausbildung zu interessieren. Anfangs hatten wir erwartet, dass unser Angebot, einen Beruf zu erlernen und auch noch Unterstützung für ein eigenes Handwerk zu erhalten, mit Begeisterung angenommen werden würde, aber das war nicht so. Für die Zurückhaltung bzw. das Desinteresse gibt es sicherlich auch noch andere Gründe. Was ist ein Beruf? Die Menschen im Dorf kennen die Bedeutung des Wortes gar nicht. Wenn jemand eine gute Schulbildung genossen hat (mindestens High School), dann kann er Lehrer werden, Polizist, Bankangestellter oder man sucht sich eine Beamtenanstellung. Dass man auch etwas Handwerkliches lernen kann, ist für die Leute im Dorf meistens unvorstellbar und ohne gehobene Schulbildung gar nicht möglich. Bei unseren Informationsveranstaltungen versuchen wir die Sinnhaftigkeit zu erklären: Wo lasst ihr eure Mopeds reparieren? Im Distriktort. Wem gebt ihr dann das Geld? Den Firmen im anderen Ort. Wer näht eure Kleidung? Außerhalb oftmals in einem vietnamesischen Laden oder bei fahrenden vietnamesischen Händlern. Wer bekommt euer Geld? Die vietnamesische Familie. Wenn es in euerem Dorf eine Schneiderin, eine Friseurin oder einen Mopedmechaniker gäbe, wer verdiente dann daran? Die eigenen Familien. Wenn die jungen Leute zuhause bleiben und kein eigenes Einkommen erwirtschaften, leben sie vom Einkommen der Familie. Sie heiraten, bekommen Kinder, die Familien werden größer. Aber wird das Reisfeld auch größer? Nein. Kein Reis, kein Geld. Folge: die jungen Leute ziehen weg. Die Frage an die jungen Männer und Frauen in den Dörfern, wo sie am liebsten arbeiten und ihr Einkommen erwirtschaften möchten, wird mit „in den Dörfern“ beantwortet.

Frauen haben es schwerer?

Es steht noch der Besuch von weiteren acht HandwerkerInnen an – darunter fünf Schneiderinnen, ein Schreiner, vier Mopedmechaniker, zwei Landwirte. Einerseits wollen wir natürlich sehen, wie es läuft, aber bei einigen müssen wir an die Kreditrückzahlung erinnern. Alle wissen, wieviel sie pro Monat zurückbezahlen müssen, bei sieben ist es auch kein Problem, sie sind gut im Zeitrahmen und werden in zwei bis drei Monaten ihre Kredite getilgt haben. Aber besonders bei den Schneiderinnen gibt es Schwierigkeiten. Eine hat gerade ihr drittes Kind bekommen und kann keine Aufträge annehmen. Eine junge Frau können wir schon seit einigen Wochen nicht mehr erreichen, angeblichFrauen und Kinder in Laos hat sie in einer Nachbarprovinz Arbeit gefunden. Zwei Schneiderinnen in einem Dorf ist die Ernsthaftigkeit einer Rückzahlung noch nicht ganz klar. Sie meinen, mit viel Lachen und Scherzen und dem üblichen „wir haben kein Geld“, kommen sie daran vorbei. Wir wissen natürlich, dass die Aufträge und die Einnahmen der Schneiderinnen nicht vergleichbar mit denen der Männer sind. Die Männer betreiben ihr Handwerk als Haupteinnahmequelle, investieren dafür auch einen großen Teil der Tagesarbeitszeit und erhalten eine angepasste Bezahlung. Bei den Frauenberufen ist das anders. Die Frauen erledigen erst die Hausarbeit, versorgen die Kinder, arbeiten auf dem Reisfeld und versorgen die Tiere. Nur in der restlichen Zeit, meistens abends, nehmen sie sich Zeit zum Nähen oder Haare pflegen und schneiden. Die Bezahlung ist relativ gering. Insbesondere nehmen sich Familienangehörige und Verwandte das Recht, nicht zu bezahlen. Was kann ein Mädchen dagegen tun? Wenn nicht der Ehemann oder der Vater für sie eintritt, hat sie meistens keine Möglichkeit zu ihrem Verdienst zu kommen. Wie können wir dann mit gutem Gewissen die Rückzahlung einfordern? Uns ist bewusst, dass wir keine Handhabe haben, die Zahlungen zu erzwingen. Wir können auch nicht einfach ein Schwein oder Rind vom Hof holen (so wie es die Banken machen würden), wir können nur erklären und notfalls die Geräte wieder zurückholen. Solange sie nicht bezahlt sind, bleiben sie laut Vertrag Eigentum von GLAD. Glücklicherweise ist das nicht oft der Fall.

Nach zwölf Tagen treten wir die Rückfahrt nach Vientiane an. Mit vielen Informationen, Eindrücken und natürlich Aufgaben im Rucksack, die nun abgearbeitet werden müssen – immer ein Schrittchen weiter.

19.12.2016

Gepostet in: Laos: Dorfentwicklung fördern

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