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von Dr. Alicia Rivero, Fachkraft des Weltfriedensdienstes für lokale Entwicklung bei ProSoCo, Argentinien

Claudia-prosoco-argentinien-indigenaFrüher kannten wir die Unterernährung nicht“, seufzt Claudia Pascual. Die 56-jährige gehört der Ethnie der Wichí an. Immer wieder wird Argentinien durch den Tod von indigenen Kindern erschüttert. Die Mehrzahl der Todesfälle ereignet sich immer noch bei den Wichí in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens. „Heute sind unsere größten Probleme der Verlust unserer traditionellen Kultur, der Verlust unserer Sprache und der Verlust unseres Landes.“

Ihre traditionelle indigene Kultur und Sprache konnten die Wichí lange erhalten. Sie lebten von der Jagd und der Subsistenzwirtschaft. Ihr Land bestand aus fruchtbarem Grasland und Wald, und versorgte sie mit allem Überlebensnotwendigen. Die Transformation der Agrarproduktion in den letzten 40 Jahren aber machte auch vor solch abgelegenen Regionen nicht Halt: durch den ungebremsten Sojaanbau der Konzerne verloren die Wichí immer mehr Land und so die Grundlage ihres Überlebens. Die Wichí leben in  extremer Armut. Vor allem Wichí-Kinder sterben an Unterernährung. Vereinfachende Erklärungen und Vorurteile sind weit verbreitet, nicht nur in der argentinischen Mehrheitsgesellschaft, leider auch bei FunktionärInnen der Provinzregierung und bei Politikerinnen.

Heute jedoch kommt die größte Bedrohung für das Kulturerbe und das Überleben der Wichí von innen, erkennt Claudia: im Wandel ihres eigenen Lebensstils und in der Anpassung an die Moderne droht die Kultur der Wichí zu verschwinden. „In den 70er Jahren haben die Wichí-Kinder angefangen, die Erwachsenen nicht mehr durch ihre eigene Sprache zu sehen“, klagt Claudia. Sie haben Spanisch in der Schule gelernt, dabei aber allmählich ihre eigene Sprache verloren. „Heute wollen die Kinder Limonade Claudias Töchter Argentinien Indigeneund nicht mehr den Saft von wilden Früchten trinken.“  Claudia ist Sprecherin ihres Dorfes. Sie hat neun Kinder und über 20 Enkelkinder. Claudia und ihre Töchter sind starke Frauen. Zwei ihrer Töchter absolvierten eine Ausbildung bei COAJ, einer ebenfalls vom Weltfriedensdienst unterstützen Indigenen-Organisation in der Nachbarprovinz Jujuy.
 

Das ProSoCo-Projekt

Der Weltfriedensdienst unterstützt in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens die Nichtregierungsorganisation ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios). ProSoCo kämpft für die Verbesserung der Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten der indigenen Bevölkerung. Junge Erwachsene werden im Rahmen des Projektes in der Gründung und Führung kleiner Betriebe ausgebildet und begleitet. Im November 2016 lud ProSoCo zu einer Tagung an der Universität von Salta ein. Indigene KleinstunternehmerInnen sollten sich über ihre Erfahrungen austauschen. Pflanzenfasern Kunsthandwerk Argentinien IndigeneViele KleinstunternehmerInnen, die z.B. als KunsthandwerkerInnen ihren kargen Lebensunterhalt verdienen, erfuhren von der Tagung durch Flugblätter, Plakatwerbung und Radiospots. Doch der Weg von den comunidades in die Provinzhauptstadt ist weit: Oft haben die Leute kein Geld für ein Busticket und die Straßen sind oft nicht asphaltiert, so dass bei Regen die Fahrzeuge im Schlamm stecken bleiben, bei Trockenheit im Sand. Umso überraschender war, dass selbst die Wichí-Frau Claudia mit vier Mitgliedern ihrer Familie zur Tagung kam. Am Ende der Tagung bestieg  sie spontan das Podium und hielt eine aufwühlende Rede über ihr Volk, ihre Kultur und den teilweisen Verlust ihrer Identität als Wichí. FunktionärInnen und TeilnehmerInnen hörten gebannt, aber auch sehr bewegt zu.

„Wir sind doch Künstler, wir haben unsere Lieder, Mythen und unsere Legenden. Mein Traum ist, dass es einen Raum für die Integration der Wichis in die Gesellschaft gäbe, damit wir ein würdevolles Einkommen haben und unsere Kinder nicht vor Hunger sterben.“Logo Prosoco Argentinien

Besuchen Sie hier die Webseite von ProSoCo: http://www.prosoco.org.ar/   

 

 

 

 

 

 

 

31.05.2017

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben