Im Herbst 2011 besuchte Helge Swars, Programmkoordinator beim WFD, Projekte in Simbabwe. Sabine Künzel sprach mit ihm über die Reise. (veröffentlicht im Querbrief 1/2012)

Welchem Zweck diente die Reise?

Es ging darum, Partner kennenzulernen und die Arbeit vor Ort zu begutachten, da ich neu in diesem Arbeitsbereich bin. Unsere Kommunikation mit Partnern ist geprägt von Berichten und Finanzabrechnungen. Der Projektinhalt erschließt nur aus dem Studium der Berichte. Durch die Reise bekommen die Zielgruppe und die Mitarbeiterinnen vor Ort Gesichter, genau wie der WFD ein Gesicht für die Menschen vor Ort bekommt. Dieser Kennenlernaspekt ist auch unseren Partnern sehr wichtig, weil sie mit jemandem aus Fleisch und Blut verhandeln können und nicht mit einer Adresse im fernen Deutschland. Und nicht zuletzt können die Partner ihre Arbeit sehr lebendig jenseits von Jahresberichten präsentieren.

Das konnte ich besonders gut bei dem Projekt TSURO im Osten des Landes, im Chimanimani-Distrikt, feststellen. Ich habe dort in vier verschiedenen Dörfern intensiv mit Bäuerinnen und TSURO Mitarbeiterinnen gesprochen. Während der Autofahrten über verstaubte Landstraßen bekam ich auch einen Eindruck davon, wie vielfältig die Landschaft in dem Distrikt ist und vor welche unvorstellbaren Herausforderungen dies die Bevölkerung stellt. Nach einer Woche bin ich dann mit einer Ladung leckerem Chimanimani-Honig auf dem Rücken nach Harare und zu weiteren WFD-Projekten in Südafrika gefahren.

Seit wann gibt es TSURO?

TSURO wurde um die Jahrtausendwende gegründet. Seit den 90er Jahren gab es in dem Ort Chikukwa eine Basis-Organisation, die im Ressourcenschutz sehr erfolgreich war, CELUCT. Der WFD hat von 1996 bis 2003 mit CELUCT in Chikukwa zwei spannende Projekte im Bereich Ernährungssicherung durchgeführt, die bis heute nachhaltig funktionieren. Aufbauend auf den positiven Erfahrungen, die dort gemacht wurden, wurde TSURO von einer kleinen, engagierten Gruppe gegründet, um das für den ganzen Distrikt zu wiederholen.

Welche Ziele verfolgt TSURO?

TSURO steht für „Towards Sustainable Use of Resources Organisation“ und das ist das Hauptziel: Durch nachhaltige Nutzung von Ressourcen soll die Ernährung der Bewohner im Distrikt gesichert werden. Konkret geht es um den Schutz von Wassereinzugsgebieten, Erosionsschutz, organischen Landbau und nachhaltige Weidewirtschaft. Welche Techniken lassen sich erlernen, um sich z.B. an den Klimawandel anzupassen und so viel aus dem Gemeindeland herauszuholen, dass sich die Leute langfristig davon ernähren können und auch in der Lage sind, ihren Lebensstandard zu erhöhen?

Wie werden die Ziele erreicht?

Ganz vorne steht der Schutz von Wasser und Boden, zum einen durch Aufklärungsarbeit und kleinere Aufforstungen in besonders sensiblen Regionen. Zur Sicherung der Ernährung fördert TSURO Verbesserungen im Acker-, bzw. Gartenbau auf oftmals relativ kleinen Landstücken. Mit Methoden aus der Permakultur wird die Produktivität der Flächen nachhaltig erhöht, z.B. durch Kompostierung, Mulchen und biologische Schädlingsbekämpfung. Nicht alles muss neu erfunden werden. Es gibt in Chimanimani ein sehr originelles traditionelles Verfahren, um den Boden für die Aussaat vorzubereiten. Reihum laden die Bauern zu Partys ein, zu denen die Nachbarn ihr Vieh mitbringen. Dieses wird dann auf dem Acker zusammengepfercht, wühlt den Boden mit seinen Hufen auf und düngt ihn mit seinen Ausscheidungen. Der Gastgeber ist für die Versorgung mit Bier verantwortlich. Abgesehen davon, dass der Boden davon profitiert, schweißt es auch die Nachbarschaft zusammen. So hilft man sich gegenseitig und verbindet dies mit einem schönen Erlebnis.

Besonders in trockenen Regionen sind kleinere Ernährungsprojekte wie der Bau von Hühnerställen besonders wichtig. Kleintierhaltung ist für die Bevölkerung nicht nur deshalb bedeutsam, weil es ihnen eiweißreiche Mahlzeiten beschert. Aus dem Erlös vom Verkauf der Tiere können andere Nahrungsmittel gekauft oder Schulgeld bezahlt werden. Ganz neu hinzugekommen ist nun mit dem aktuellen Projekt auch nachhaltige Weidewirtschaft auf sehr stark degradiertem Gemeindeland.

Als ich dort war, waren etliche Weiden komplett kahl. Es wuchs nicht ein einziger Grashalm darauf. Um diese Weiden wieder erblühen zu lassen, muss man systematisch vorgehen. Wenn funktioniert, was TSURO anstrebt, wird die ganze Region, das ganze südliche Afrika ungemein davon profitieren.

Du hast die Kleintierhaltung in regenarmen Gebieten angesprochen. Wie sieht das konkret aus?

Ein ganz wichtiges Element von TSURO ist das „Community Based Planning, „gemeinschaftsbasiertes Planen“. Die einzelnen Dorfbewohner überlegen zusammen, wo ihre dringendsten Bedürfnisse liegen, welche Ressourcen sie zur Verfügung haben und welche Unterstützung sie benötigen. Auch hier ist wieder der vorbildliche Zusammenhalt aller die Erfolgsgarantie. In einem Dorf haben zwölf Familien mit Unterstützung von TSURO gemeinsam einen Hühnerstall gebaut. Jede Familie steuerte zu Beginn ein einziges Huhn bei. Das Material wurde gestellt. Ein Vierteljahr nach Fertigstellung war ich dort und konnte mir selbst ein Bild vom Erfolg des Kleinprojektes machen. 43 Hühner und Küken pickten eifrig zwischen Hütten. Alle zwölf Familien kümmern sich zusammen um Pflege und Erhaltung der Tiere und des Stalls und teilen sich die Erträge. Sie waren sehr stolz, mir zeigen zu können, was sie in der kurzen Zeit zusammen erreicht haben. Das selber zu erleben ist natürlich ganz etwas anderes, als im Projektbericht bei Unterziel 2.4.1.2 zu lesen „Hühnerstall gebaut“.

Inwieweit konnte TSURO bereits zur Ernährungssicherung in der Region beitragen?

Für einzelnen Bauern, die ich getroffen habe, hat sich auf jeden Fall etwas verändert. Zum Beispiel mit verbesserten Methoden zur Wasserernte. Der Begriff Wasserernte bezeichnet den Versuch, den in einem Gebiet fallenden Regen fest zu halten, im Erdreich versickern zu lassen und dadurch die Ernteerträge zu erhöhen. Mit Mulchen, dem Anlegen von Sickergräben quer zur Hangneigung und dem Anlegen von Pflanzlöchern ist TSURO auch uns in Deutschland um einige Jahre voraus. Hier erkennt man erst teilweise und langsam, dass Bodenschutzmaßnahmen und der Aufbau einer Humusschicht einen erheblichen Einfluss auf die Wasserspeicherkapazität von Böden haben. Das sind Erfahrungen, die unsere Partner vor Ort schon vor einiger Zeit gemacht haben und die sie auch sehr erfolgreich nutzen.

Kann man die Strategie von TSURO auch auf andere Länder übertragen?

Ich glaube prinzipiell ist der Ansatz übertragbar, weil TSURO nicht den Anspruch erhebt, genau zu wissen was richtig ist. Wichtiger ist, dezentral auszuprobieren, was für Einzelne Sinn macht und jede/n dazu zu ermutigen, selbst herauszufinden was funktioniert. Das unterscheidet den Ansatz TSUROs von den Fantasien großer Agrarkonzerne, die vorgeben die Weltbevölkerung durch Industrialisierung ernähren zu können.

Welchen Eindruck hast du von der gegenwärtigen Situation in Simbabwe?

Durch simbabwische Medien wusste ich, dass es zu der Zeit als ich dort war, ein oder zwei Mal Überfälle auf Wahlkampfveranstaltungen gegeben hat. Selber bin ich nicht Zeuge von Gewalt geworden, und ich hatte auch nie das Gefühl, mich in einem sehr beklemmenden Umfeld zu bewegen. Auch politische Unruhen waren für mich persönlich nicht spürbar. Aber es hat mich schon mitgenommen, dass ich viele ältere Menschen gesehen habe, die sich um kleine Kinder kümmerten, weil die junge Generation in die Stadt oder ins Ausland weggezogen ist. Und zu wissen, dass die sehr hart arbeitenden Menschen, mit denen man sich unterhält, oft nicht mehr als eine Mahlzeit am Tag haben, ist schwer auszuhalten.

Hattest du Kontakt zu politischen Akteuren?

Es gab ein sehr interessantes Zusammentreffen im Chimanimani-Hotel mit Vertretern der Regierungsabteilungen, die sich um Förderung von Landwirtschaft bemühen, und der lokalen Verwaltung. Auch ein Vertreter aus dem President´s Office, dem Geheimdienst in Simbabwe, war anwesend. Konkret ging es darum, den Projektstart und die Ziele der Zusammenarbeit transparent zu machen.

Hast du etwas von dem Versuch politischer Einflussnahme spüren können?

Nein, gar nicht, das Treffen war sehr konstruktiv. Die Arbeit von TSURO wird sehr geschätzt. Die Organisation ist einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Akteure im Chimanimani-Distrikt und obendrein der größte. Sie legt sehr großen Wert darauf, sich unparteiisch zu verhalten. Das ist so weit anerkannt, auch wenn immer mal wieder versucht wird, Einfluss zu nehmen.

Es ist wahrscheinlich nicht immer ganz einfach unparteilich zu bleiben?

Es ist notwendig für das Überleben von TSURO. Von allen anerkannt zu werden und es allen zu ermöglichen, sich einzubringen, legitimiert TSURO für seine Interventionen. Der Distrikt ist in 23 Bezirke geteilt, in 13 regiert die  MDC (Movement for Democratic Change), in zehn Bezirken die seit dreißig Jahren regierende, frühere Befreiungsbewegung von Präsident Mugabe, ZANU-PF. Man kann also sagen, dass die Trennlinie quer durch den Distrikt geht. TSURO arbeitet in allen Bezirken und das wäre nicht möglich, wenn sie einer Partei zugehörig wären.

Was macht TSURO so besonders?

Besonders beispielhaft ist das Prinzip des „Farmer to Farmer“ – Trainings. Nicht ausschließlich TSURO-Angestellte sind als Beraterinnen tätig. Es gibt eine weit verbreitete Kultur von gegenseitigem Austausch, von Gruppen, von besonders innovativen Farmern, die selbst Feldforschung betreiben und verschiedene Maßnahmen ausprobieren. Die Farmer werden auch durch Wettbewerbe motiviert: Eine Jury schaut sich die einzelnen Farmen an und bewertet sie nach verschiedenen Kriterien. In einer Gemeinde z.B. hat der Chief Methoden der Permakultur übernommen und bei einem der Wettbewerbe den ersten Preis für die beste Ernährungssicherheit gewonnen. Die Menschen in seiner Gemeinde haben sich davon mitreißen und motivieren lassen. Zu gewinnen gibt es T-Shirts und Zertifikate, die Preisverleihung ist eine bunte und fröhliche Veranstaltung, zu der Menschen aller Altersklassen aus allen Bezirken kommen.

Wie sieht die Zukunft der Region durch TSURO und für TSURO selber aus?

Das hängt auch von der politischen Entwicklung in Simbabwe ab. Hinter allem stehen große Fragezeichen. Deswegen ist es umso wichtiger, demokratisch verfasste Organisationen zu unterstützen, die in der Mitte der Gesellschaft arbeiten und Themen bearbeiten, die unabhängig von politischen Interessen sind. Gewalt ist dafür keine Lösung. Auch wenn TSUROs Aufgaben zuerst Ernährungssicherung und Ressourcenschutz sind, durch ihre basisdemokratischen Strukturen trägt sie zu einer Demokratisierung der Bevölkerung im ganzen Distrikt bei. Die Hoffnung ist da, dass dies Früchte trägt und es bei den dieses oder nächstes Jahr angesetzten Wahlen keine Ausschreitungen und Tote geben wird, wie es 2008 der Fall war. Aber diese Verantwortung TSURO zu übergeben, das ist wirklich zu viel verlangt.

Das Interview führte Sabine Künzel, M.A., WFD-Öffentlichkeitsarbeit

Veröffentlicht in Querbrief 1/2012 – Frieden braucht Nahrung

24.05.2012

Gepostet in: Simbabwe: Gemeinschaftlicher Ressourcenschutz und Ernährungssouveränität

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