Karte und Infokasten Senegal

Von Cathy Kopp (Veröffentlicht im KOMPASS #6 Migration anders denken)

Seit 2003 begleitet der Weltfriedensdienst e.V. die lokale senegalesische Organisation USOFORAL („Tun wir uns zusammen!“) als strategischer Partner in ihrem Programm „Förderung lokaler Friedenspotenziale“. Cathy Kopp berät die Organisation. Im KOMPASS gibt sie den Rückkehrerin­nen aus Gambia eine Stimme. Die Frauen möchten nicht namentlich genannt werden.

Die Region Casamance ist 28.350 km² groß und liegt im Süden Senegals zwischen Guinea Bissau und Gambia. Durch Gambia ist sie vom restlichen Senegal getrennt – eine Folge der Kolonial­mächte, die weder Bevölkerungsgruppen noch lokale geografi­sche Begebenheiten berücksichtigten, als sie willkürliche Gren­zen durch die Regionen Afrikas zogen und unter sich aufteilten. Der Konflikt zwischen der Unabhängigkeitsbewegung MFDC (Bewegung der demokratischen Kräfte der Casamance) und der senegalesischen Regierung um die Unabhängigkeit der Casa­mance schwelt seit 1982. Damit ist er inzwischen der älteste ungelöste Konflikt Afrikas, der viele Tote gefordert hat. Heute gibt es kaum noch bewaffnete Auseinandersetzungen. Viele Geflüchtete kehren zurück in ihre Heimat.

Im Jahr 2014 wurde die Zahl der Binnenflüchtlinge in der Casamance auf 52.800 und die Zahl der in die Nachbarländer Geflüchteten auf 20.000 geschätzt. Die Dunkelziffer der nicht registrierten Flüchtlinge liegt jedoch weit höher. Ein schwerwiegendes Folgeproblem des Konflikts ist die hohe Anzahl ungeborgener Landminen, von denen es heute noch Tausende in der Casamance gibt. 2014 waren dreihundert Dörfer als vermint registriert. Bereits 824 Menschen wurden Opfer von Landminen, 150 davon starben. Allerdings konnte die Regie­rung mit der MFDC zu keiner Einigung weiterer Entminungs­zonen kommen. Damit wurden die Minenräumungsarbeiten 2013 gestoppt. Es fehlt ein nationaler Aktionsplan, ohne den die Geldgeber der Minenräumungsarbeiten keine finanziellen Mittel zur Verfügung stellen.

Trotz dessen nehmen zahlreiche Geflüchtete das Risiko auf sich, in ihre Dörfer zurückzukehren und überqueren verminte Wege und Felder. Die RückkehrerIn­nen, die hier zu Wort kommen, stammen aus dem Gebiet Oulampane/Sindian. Als MigrantInnen lebten sie zwei Jahre lang in einem Flüchtlingscamp in Gambia. Auf­grund von bewaffneten Kämpfen zwischen der Armee und der MFDC mussten sie vor etwa vier Jahren ihre Dörfer verlassen. Für ihre Entscheidung zurückzukehren waren vor allem zwei Aspekte wichtig: zum einen die schwierigen Lebensumstände im Flüchtlingscamp, zum anderen die Ermu­tigung durch die Frauenorganisation USO­FORAL. Ehemalige Dorfbewohnerinnen, die von USOFORAL unterstützt wurden, kamen vor drei Jahren in das Camp und klärten die Rückkehrerinnen über die aktuelle Sicherheitslage in ihren Dörfern auf. Diese lägen inzwischen in einer kampffreien Zone, jedoch seien einige Verbindungswege noch nicht von Landminen befreit.

Knappe Ressourcen bedeuten Konflikte Trockene Landschaft in Sengeal

„USOFORAL hat uns nichts Konkretes versprochen. Nur, dass sie an unserer Seite sein und unsere Belange an entsprechende Stellen weiterleiten würden. Zudem ermöglichte uns USOFORAL nach unserer Rückkehr Schulungen in gewaltfreier Kommu­nikation und friedlicher Konfliktlösung zu besuchen. In jedem Dorf haben wir eine Friedensgruppe gegründet, die sowohl prä­ventiv als auch konkret zur Konfliktbewältigung arbeitet.

Das ist für uns von sehr großer Bedeutung, da alle Ressourcen sehr knapp sind, was oft zu Konflikten führt. Durch die Minen oder der Nähe zu MFDC-Camps gibt es zu wenig Land. Auch Wasser ist knapp. So muss ein Brunnen für circa 300 bis 350 Menschen reichen. Zudem versiegen die Brunnen täglich um 14 Uhr. Erst am Abend gibt es wieder Wasser. Land- und Wasserkonflikte sind hier Alltag. Dank der USOFORAL-Schulungen haben wir gelernt, friedlich, partizipativ und solidarisch Lösungsvor­schläge zu erarbeiten. Jede/r von uns ist sich nun bewusst, dass er/sie einen Anteil zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen hat. Aber auch, dass jede/r einen Platz in der Gemeinschaft hat. Immer noch fehlt uns vieles, wir leben unter schwierigsten Umständen. Unsere Häuser haben wir zerstört vorgefunden – notdürftig mussten wir sie mit einfachen Materialen wie Lehm und Palmblättern wieder herrichten.

Die Schulen, die wir wiederaufgebaut haben, sind nur pro­visorische Strohhütten, doch ohne diese hätte der Staat keine LehrerInnen bereitgestellt. Für unsere Kinder, die zwei Jahre nicht zur Schule gehen konnten, ist dies von großer Bedeutung. Wir haben jedoch Mühe, die erforderlichen Mittel aufzubringen. Schulmaterialien sind oft zu teuer. Die Klassen sind fast immer überfüllt. Wir fühlen uns vom Staat völlig allein gelassen. Außer den LehrerInnen und den Aufklärungskampagnen zu Landmi­nen, die vom Centre National d‘Action Antimines au Sénégal (CNAMS) durchgeführt wurden, haben wir seit unserer Rück­kehr keinerlei Unterstützung von staatlicher Seite erhalten. Durch die Minen und die Nähe zu bewaffneten MFDC-Camps können viele Straßen nicht mit Autos befahren werden. Uns fehlt es an Einkaufsläden, da diese nicht beliefert werden können. Wir müssen unsere Einkäufe im benachbarten Gambia tätigen, das wir zu Fuß erreichen können. Vor allem Bildung und Infrastuktur leiden unter der Ressourcenknappheit. Das beeinflusst unser tägliches Leben stark.”

Angst vor Gewalt und Landminen

„Um Geld zu verdienen, müssen wir auf den Feldern des gambischen Staatsprä­sidenten als Hilfskräfte arbeiten. Die Arbeitsbedin­gungen dort sind sehr hart. Wir fühlen uns als Senegale­sen, die von ihrem eigenen Staat nicht als solche anerkennt werden. Die Regierung lässt uns im Stich, sie tut nichts für uns. Senegal hat uns vergessen. Die mangelnde Kommu­nikation beunruhigt uns. Wir können nicht mal mit dem restlichen Senegal kommunizieren, weil wir, wie viele Grenz­dörfer, nur an das gambische Telefonnetz angeschlossen sind. Wir wissen auch nicht, wann entmint wird, und es gibt weiterhin Minenunfälle. Im August 2014 gerieten zehn Jugendliche und Kinder aus unseren Dörfern, die auf einer Kuhkarre von einer Hochzeit nach Hause fuhren, auf eine Landmine. Sieben von ihnen verloren ihr Leben, drei wurden schwer verletzt. Es gibt auch keine Kranken- oder Geburtsstation. Dafür müssen wir mindestens 28 Kilometer mit dem Motorrad-Taxi zurücklegen. Selbst unsere Toten müssen wir zwischen uns auf dem Motorrad-Taxi transportieren.

NGOs und Vereine wie USOFORAL sind wichtig für uns, weil sie unseren Belangen und Nöten Gehör schenken. Sie tragen unsere Stimmen an die obersten Stellen heran: an den Präsi­denten, zu den verschiedenen MFDC-Gruppierungen und an die senegalesische Bevölkerung. Wir setzen unsere ganzen Hoff­nungen in Organisationen wie USOFORAL oder das Rote Kreuz, die immer an unserer Seite sind und uns nie aufgegeben haben. Sie haben uns den Mut gegeben, überhaupt zurückzukehren und uns am Aufbau eines friedlichen Senegal zu beteiligen.“

 

 

Mit der diesjährigen Ausgabe unseres Themenmagazins KOMPASS „Migration anders denken“ begegnen wir mit „Perspektiven aus dem Globalen Süden“ den unterschiedlichen Facetten von Migration.

Laut der „Internationalen Organisation für Migration“ macht die Süd-Süd-Migration mit mittlerweile mehr als 92 Millionen MigrantInnen den größten Teil der weltweiten Migration aus. Im KOMPASS #6 werfen 12 Beiträge, die unsere SüdpartnerInnen in Afrika, Südamerika und Asien gesammelt und aufgeschrieben haben, ein neues Licht auf die Thematik.

 

 

15.05.2018

Gepostet in: Der KOMPASS - Das Fachmagazin des Weltfriedensdienst, Senegal: Frauen engagieren sich für Frieden in der Casamance

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