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Von Wolf-Ullrich Westermann (Veröffentlich im KOMPASS #6 Migration anders denken)

TSURO: Frauen in Simbabwe bewässern ein Kohlfeld mit Wassereimern

Kleinbäuerinnen in Simbabwe bei der Feldarbeit, Foto: Ulli Westermann

Auch das Land Simbabwe teilt eine Geschichte von Migration. Vor allem das im östlichen Hochland gelegene Gebiet des heuti­gen Chimanimani wurde in den letzten 200 Jahren von verschie­denen Wanderungsbewegungen geprägt. Darunter zählen die Nguni-Invasionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die koloni­alen Vertreibungen zwischen 1890 und 1900 und die rassistische rhodesische Siedlungspolitik im Zuge des Land Apportionment Acts von 1930. In den Jahren zwischen 1977–1992 flüchteten tausende von Menschen vor dem Bürgerkrieg in Mosambik und fanden in Chimanimani eine neue Heimat. Umgekehrt wander­ten aber auch viele junge Menschen in dieser Phase als Binnen­flüchtlinge aus dem ländlichen Chimanimani in die Stadt ab, um der Gewalt im Grenzgebiet zu Mosambik zu entfliehen.

Nach der Unabhängigkeit Simbabwes 1980 trugen Bevöl­kerungswachstum, Knappheit an Land und fruchtbarem Boden sowie der fehlende Zugang zu Bewässerung erheblich zu ländlicher Migration bei. Im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs Simbabwes seit Mitte der 1990er Jahre wurde es für die große Mehrheit der Bevölkerung immer schwerer, ihre Grundbedürfnisse an Trinkwasser, Nahrung, Wohnraum, aber auch Bildung, durch Erwerbseinkommen zu garantieren. Die Landflucht vor allem junger Menschen in den frühen 1990er Jahren wurde schnell durch die zunehmend enttäu­schende städtische Realität gedämpft. Auf spontane Landbe­setzungen durch „illegale SiedlerInnen” reagierte der Staat in den 1980/90er Jahren noch mit Vertreibungen. Schon ab 2000 gab eine Landreform manchen Gebieten wieder Hoffnung. Die Landnahme wurde von der Regierungspartei allerdings eher als politische Machterhaltungsstrategie eingesetzt, denn als ländliche Entwicklungsstrategie für die neuen Siedle­rInnen. Es gab weder eine angemessene Unterstützung der landwirtschaftlichen Produktion sowie Vermarktung noch eine Eigentumsabsicherung.

Karte und Infokasten SimbabweIm Zeitraum von 2007 bis 2009 haben der Zerfall der indust­riellen Produktion und die von Hyperinflation gekennzeichnete Finanzkrise Simbabwes ihren Höhepunkt gefunden. Die nationale Währung wurde durch den US-Dollar ersetzt, die Arbeitslosigkeit erreichte ganze 84 Prozent. Etwa 79 Prozent der Bevölkerung lebten mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag unter der absoluten Armutsgrenze. Wieder einige Jahre später, zwischen 2013 und 2016, traf eine dreijährige Dürre das Land hart und war für starke Engpässe in der Nahrungsmittelversorgung verantwortlich. Die trockenen westlichen Gebiete des Chimanimani-Distrikts waren besonders betroffen. Dort fiel die Ernte wiederholt fast vollstän­dig aus und in manchen Gebieten kam es zu verbreitetem Rin­dersterben. Das Wasservolumen in den größeren Flüssen nahm zwischen 1999 und 2015 um bis zu 90 Prozent ab, dabei wurde das Trinkwasser bedenklich knapp. Klimawandel und zerstörerische Landnutzung forderten ihren Tribut.

Diese für die ländlichen Gemeinden riesigen Herausfor­derungen von Armut und Hunger wurden durch staatliche Infrastruktur (z. B. Flüchtlingslager) und zivilgesellschaftliche Hilfsmaßnahmen (z. B. Nahrungsmittelnothilfe) nur unzurei­chend aufgefangen. Viele Menschen versuchten daher, ihrem Schicksal zu entfliehen. Sie sahen ihre einzige Zukunftsper­spektive in der Binnenmigration. Dabei leiden verletzbarere Bevölkerungsschichten, wie Frauen, Kinder und Jugendliche, stärker unter den Folgen von Vertreibung und Flucht. Über 40 Prozent der Haushalte in Chimanimani werden beispielsweise von alleinstehenden Frauen geführt. Vor allem Klein­kinder zeigen in manchen Gebieten deutliche Anzeichen von Fehlernährung auf. Um dem entgegen zu wirken müssen unter anderem Ernährungssicherung und eine nachhaltige ländli­che Entwicklung Alltag werden. Dazu muss der Teufelskreis aus fehlender sozialer Sicherheit, politischer Repression und allgegenwärtiger Alternativlosigkeit durchbrochen werden. Erst wenn Demokratie auf allen Ebenen durchgesetzt und umge­setzt wird, gemeinde-basierte stabile Strukturen gesichert sind, Korruption eingedämmt wird und Ressourcen nachhaltiger und gerechter genutzt werden, können die Menschen in Chimani­mani sich den großen Herausforderungen der Zukunft stellen.

TSURO – Ein Beitrag zur Bekämpfung von Migrationsursachen

Am 11. August 2017 wurde in Chimanimani die erste simbab­wische District Policy im Bereich Klimawandel und Manage­ment von Wassereinzugsgebieten verabschiedet. Damit hat das Chimanimani Rural District Council als erstes von 56 Councils verbindliche Richtlinien festgelegt, die die Landnutzung in Wassereinzugsgebieten regeln und angemessene Antworten auf Klimawandel und Ressourcenraubbau geben sollen. Die District Policy schließt sich an eine nationale Strategie zur Prävention des Klimawandels an. Der vom Weltfriedensdienst e.V. geför­derte TSURO-Trust war als zivilgesellschaftliche Organisation maßgeblich daran beteiligt, einen Konsens von staatlichen Stellen, privater Forstwirtschaft, traditionellen Clanführern und ländlichen Gemeinden zu finden. Bei erfolgreicher Umsetzung dürfte die Strategie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Ursachen von Not und Migration in Chimanimani zu verringern.

In eine ähnliche Richtung gehen auch andere vom Weltfrie­densdienst e.V. geförderte TSURO-Programme. Dazu gehören die Förderung nachhaltiger Viehhaltung und von Weidemanage­ment, die Schaffung angepasster gemeinde-basierter Saatgut­systeme sowie von Nahrungsmittelsicherheit. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung Simbabwes lebt auf dem Land – eine nachhal­tige ländliche Entwicklung trägt dazu bei, diesen Menschen eine Lebenssituation zu bieten, der sie nicht entfliehen müssen.

Ulli Westermann lebt seit 1982 in ländlichen Gebieten in Simbabwe. Seit 2006 berät er – mit Unterbrechungen – für den Weltfriedensdienst die Organisation TSURO in Chima­nimani. Als Entwicklungsökonom liegt seine Haupttätigkeit in den Bereichen Ressourcenschutz, nachhaltige Landwirt­schaft und Klimawandel. Für den KOMPASS beleuchtet er die Ursachen ländlicher Migration.

Mit der diesjährigen Ausgabe unseres Themenmagazins KOMPASS „Migration anders denken“ begegnen wir mit „Perspektiven aus dem Globalen Süden“ den unterschiedlichen Facetten von Migration.

Laut der „Internationalen Organisation für Migration“ macht die Süd-Süd-Migration mit mittlerweile mehr als 92 Millionen MigrantInnen den größten Teil der weltweiten Migration aus. Im KOMPASS #6 werfen 12 Beiträge, die unsere SüdpartnerInnen in Afrika, Südamerika und Asien gesammelt und aufgeschrieben haben, ein neues Licht auf die Thematik.

 

 

15.05.2018

Gepostet in: Der KOMPASS - Das Themenheft des Weltfriedensdienst, Simbabwe: Gemeinschaftlicher Ressourcenschutz und Ernährungssouveränität

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