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Karte und Infokasten Simbabwe

Von Eli Westermann (Veröffentlicht im KOMPASS #6 Migration anders denken)

Eli Westermann, Kooperantin des Weltfriedensdienst e.V. berichtet von den Konfliktpotenzialen zwischen neuen und alteingesessene EinwohnerInnen in Chitsaa.

Der Chikukwa-Clan, der heute im Chimanimani-Distrikt im Osten Simbabwes ansässig ist, blickt auf eine 400-jährige Geschichte zurück. In der Kolonialzeit war ihm alles Land genommen worden. Als in den 1950er Jahren dann eine Forst­wirtschaft im Chimanimani-Distrikt aufgebaut wurde, dienten die Mitglieder des Chikukwa-Clans als Arbeitskräfte. Dabei wurden ihnen Wohngebiete zugewiesen, die jedoch regelmäßig wechselten. In den 1970er Jahren wurden die Chikukwaner in die von der rhodesischen Regierung gegründeten Tribal Trust Lands abgedrängt. Die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung wurde zwangsumgesiedelt, ähnlich wie in den Homelands unter der südafrikanischen Apartheidpolitik.

Chitsaa liegt südlich des Chikukwa-Gemeindelandes, gehört jedoch zum traditionellen Einflussbereich des Stammesober­hauptes von Chikukwa. Vor der simbabwischen Unabhängigkeit im Jahr 1980 war hier die Hauptgemeinde des Chikuwa-Clans ansässig. Es gab eine Grundschule und einen Dip Tank [Anm. d. Red.: eine Veterinäranlage – ein Tauchbecken mit Chemikalien gegen Zecken und andere Viehparasiten]. Ab den 1960er Jahren expandierte auch hier die Forstwirtschaft, und die halbstaat­liche Forstkommission pflanzte Pinien. Heute heißt sie Allied Timbers und bildet zusammen mit anderen privaten Liegen­schaften eine einflussreiche Forstindustrie, die etwa ein Viertel des Chimanimani-Distrikts okkupiert.

Seit zehn Jahren streiten sich der Chikukwa-Clan und Allied Timbers um das Chitsaa-Gebiet. Um die Landknappheit zu überwinden, siedelten sich kleinbäuerliche Familien aus Chikukwa und anderen Gebieten in Chitsaa an. Die Zuwan­derung wurde von den Clanführern geduldet, aber auch im politischen Wechselspiel der letzten Jahre von verschiede­nen Akteuren unterstützt. Seit der landesweiten politischen Destabilisierung 2008 suchten immer mehr Menschen in Chitsaa ihr Glück und profitierten von guten Ernten. Heute gehören etwa 45 der 300 Haushalte (15 Prozent) nicht zum Clan der Chikukwa. Ihre Eigentumslage bleibt ungeklärt – die „illegalen” SiedlerInnen verfügen weder über rechtliche Absicherung nocherhalten sie staatliche Unterstützung. Nichtdestotrotz beteiligen sich die BinnenmigrantInnen aktiv in ihrer neuen Heimat und weisen großes Verantwortungs­gefühl vor. Sie fühlen sich überwiegend gut in der Gemeinde aufgenommen und finden sich sozial wie wirtschaftlich in einer besseren Position als zuvor.
Aus der Perspektive der Alteingesessenen bringen die „Neuen” allerdings auch soziale Probleme mit sich. Dazu gehören häusliche Gewalt und geringer Respekt gegenüber den traditionellen Regeln, Bräuchen und Normen. Die „Alten” teilen die Sorge, dass Chitsaa nur als Kurzzeitressource für ein paar Ernten während der Regenzeit oder für unkontrollierte Bewei­dung genutzt wird. Die gegensätzlichen Perspektiven und damit verbundenen Interessen zwischen „neu“ und „alt“ führen zu latenten Konflikten im Chimanimani-Distrikt.

geminschaftliche friedliche Konfliktlösung in Chitsaa/Simbabwe

Fotograf: Julious Piti

In Konfliktsituationen vermitteln

Heute, etwa zehn Jahre nachdem der Chikuwa-Clan Chitsaa durch erste Landnahmen zurückgewann, haben sich im Dorf traditionelle Strukturen konsolidiert. Ein Dorfoberhaupt wurde eingesetzt, das einmal im Monat regelmäßige Versammlungen abhält sowie Regeln und Bräuche vermittelt. Die Stammes­führung will darauf hinwirken, dass sich in Chitsaa weitere Menschen ansiedeln und das Dorf positiv und nachhaltig ent­wickeln. Allerdings wird den EinwohnerInnen von Chitsaa, das heißt hauptsächlich die neu hinzugekommenen MigrantInnen, nicht erlaubt an Dorfversammlungen teilzunehmen, die auch die Entwicklung des Gebietes betreffen. Den Binnenmigran­tInnen in Chitsaa fehlt eine substanzielle Plattform, auf der sie ihre Belange einbringen können.

Zur Befriedung solcher Konfliktpotenziale beizutragen, ist das Ziel des vom Weltfriedensdienst e.V. geförderten Dis­trict-Peace-Programms, das vom Chikukwa Ecological Land Use Community Trust (CELUCT) im Chimanimani-Distrikt durch­geführt wird. Chikukwa ist dabei eines der Zielgebiete. Das District-Peace-Programm zielt darauf ab, zur Eindämmung von Gewalt beizutragen. Konfliktursachen wie unfaire Ressourcen­verteilung (Land, Wasser, Zugang zur Schulgeldunterstützung und Nothilfe) stehen im Vordergrund.

In Chitsaa am Ziel

Die Interviews wurden von Zeddy Chikukwa, Charles Murata und Julious Piti (CELUCT) im Juni 2017 geführt.

Ragariro Ndongwe* (37), zwei Frauen: Loveness (32) und Noku­tenda (23), sieben Kinder. Er emigrierte 2008 von Marange nach Chitsaa/Chikukwa.

„Ich kam im Jahr 2008 nach Chikukwa, auf der Suche nach Gelegenheitsarbeit. In meiner früheren Heimat Marange war es sehr heiß und trocken. Es regnete nicht genug, um dort Landwirtschaft zu betreiben; die Böden waren sehr sandig und unfruchtbar. Es ist nicht schön, abends mitzuerleben, dass deine Kinder an diesem Tag nicht genug zu essen haben. Das wollte ich ändern. Ich hatte in Chikukwa Verwandte, die mich zuerst aufnahmen. Ich arbeitete hart für die Familie. Nach zwei Jahren, 2010, fand ich ein Stück Land in Chitsaa. Es wurde mir vom Dorfoberhaupt zugeteilt. Im Gegenzug schenkte ich ihm eine Henne, wie es die Tradition erfordert. Bald danach holte ich meine Frau und vier Kinder nach. In Marange hatten wir das Geld für die Schulgebühren nicht aufbringen können. In Chikukwa habe ich noch eine zweite Frau gefunden. Insgesamt habe ich jetzt sieben Kinder. Manchmal gibt es Konflikte in der Familie, weil wir nur als ein Haushalt behandelt werden und dementsprechend nur Saatgutzuteilungen für eine Familie bekommen. Dann gibt es Streit zwischen meinen beiden Frauen und da bin ich oft hilflos. Aber weil wir hier genug ernten, können wir gut überleben. Die Kinder gehen zur Schule und wir haben am Ende des Tages alle genug zu essen.

Karte Simbabwe/ChitsaaWir sind mittlerweile gut in Chitsaa integriert. Ich bin sehr am Naturschutz interessiert und helfe dem Dorfoberhaupt dabei, ein Auge auf Umweltprobleme zu werfen. Die meisten Familien wohnen nicht permanent in Chitsaa. Sie haben hier nur übergangsweise ihre Felder und eine kleine Hütte während der Regenzeit, weil das Land in Chikukwa zu knapp ist. Weniger als ein Viertel der Haushalte hier sind wie wir von außerhalb Chikukwas, aus dem trockenen Westen. Leute von der anderen Seite des Musapa-Flusses sagen: „Ihr braucht euer Land gar nicht erst richtig zu bewirtschaften. Das müsst ihr sowieso bald wieder abgeben und weiterziehen, weil die Eigentums­frage hier noch ungeklärt ist.“ Das macht uns Angst, aber wir sind entschlossen, für unsere neue Heimat zu kämpfen. Lieber sterben wir hier! Wo sollen wir denn auch sonst hin? Die Mehr­heit der Siedler hier macht keine Anstrengungen, das Land, den Boden, die Bäche zu erhalten. Sie treiben auch ihre Rinder nach Chitsaa, weil sie glauben, dass die strengen Regeln des Chiefs hier nicht so strikt angewandt werden. Drüben müssen sie Strafe zahlen, wenn ihre Rinder unbehütet umherstreunen, aber hier bei uns müssen wir ständig aufpassen, dass die Tiere unsere Felder nicht zerstören. Tag und Nacht.”

* Name von der Redaktion geändert

 

Mit der diesjährigen Ausgabe unseres Themenmagazins KOMPASS „Migration anders denken“ begegnen wir mit „Perspektiven aus dem Globalen Süden“ den unterschiedlichen Facetten von Migration.

Laut der „Internationalen Organisation für Migration“ macht die Süd-Süd-Migration mit mittlerweile mehr als 92 Millionen MigrantInnen den größten Teil der weltweiten Migration aus. Im KOMPASS #6 werfen 12 Beiträge, die unsere SüdpartnerInnen in Afrika, Südamerika und Asien gesammelt und aufgeschrieben haben, ein neues Licht auf die Thematik.

 

 

 

15.05.2018

Gepostet in: Der KOMPASS - Das Themenheft des Weltfriedensdienst, Simbabwe: Kampf gegen politisch motivierte Gewalt