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von Magdalena Rodekirchen und Bela Allenberg

400 km liegen zwischen dem abgelegenen Department General San Martín und der Hauptstadt Salta der gleichnamigen Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens nahe der bolivianischen Grenze. Eine lange, beschwerliche Fahrt. Sie führt über Schotterpisten und Asphaltstraßen, die von der Hitze aufgeweicht und durch das hohe Verkehrsaufkommen mit Schlaglöchern durchzogen sind. Ein schwer beladener Pick-Up unserer Partnerorganisation ProSoCo bringt traditionelles Kunsthandwerk und Agrarprodukte zu den Märkten in Salta. Dort werden sie vermarktet und so neue Einkommensmöglichkeiten geschaffen.

Der Landkreis General San Martín ist wirtschaftlich schwach entwickelt. Rund 60% der Jugendlichen leben unterhalb der Armutsgrenze, über die Hälfte ist arbeitslos und viele verfügen nur über eine Grundschulbildung. Besonders prekär ist die Situation der indigenen Bevölkerung, den hier ansässigen Volksgruppen der Guaraní, Wichí und Chané. Sie sind überproportional stark von prekären Lebensbedingungen, Arbeit im informellen Sektor, mangelndem Zugang zu Trinkwasser, Strom und sanitären Anlagen betroffen. Viele indigene Jugendliche verlassen daher ihre Heimat und suchen ihr Glück andernorts. Die Region wird dadurch nur noch mehr geschwächt. Vertreter der lokalen Bevölkerung befürchten sowohl den Verlust der jungen, leistungsstarken Mitglieder ihrer Gesellschaft, als auch den Verlust ihrer Kultur und ihres Zusammenlebens als Gemeinschaft.

Förderung der lokalen Wirtschaft

Der Weltfriedensdienst unterstützt daher die argentinische Nichtregierungsorganisation ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios) bei der Verbesserung der Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten der indigenen Bevölkerung. Die gezielte Förderung des lokalen Unternehmertums spielt dabei die zentrale Rolle. Junge Erwachsene im Alter von 17 -25 Jahherrsren werden im Rahmen des Projektes in der Gründung und Führung kleiner Betriebe ausgebildet und begleitet. Hierfür wird an der lokal verankerten Schule für den ländlichen Raum EFA (Escuela de la Familia Agrícola) in Aguaray ein praxisorientierter Ausbildungskurs für Unternehmertum entwickelt.

Sowohl das Curriculum als auch die jeweiligen Lehrmaterialien werden eigens für die Zielgruppe entwickelt. Die Trainings umfassen vor allem unternehmerische Kompetenzen. Auch Themen der kulturellen Identität sowie der lokalen Entwicklung und Inklusion von kulturellen und ethnischen Minderheiten werden behandelt. Die Weitergabe von Wissen über traditionelle Handwerksfertigkeiten und deren Integration in eine industrialisierte Welt sind ein zentraler Bestandteil des Programms. Als Anreiz für die Entwicklung neuer Produkt- und Unternehmensideen werden Ideenwettbewerbe durchgeführt. Die Gewinner erhalten einen Preis, der sie bei der Umsetzung ihrer Idee unterstützen soll. Eine Marktstudie soll dabei flankierend sinnvolle Bereiche für Unternehmensgründungen identifizieren. Dadurch soll marktbedingt aussichtslosen Unternehmensgründungen vorgebeugt werden.

Die beiden Jugendlichen zeigen stolz Urkunde für ihr Unternehmerprojekt

Luis Ortege (links) gehört zu den Gewinnern eines mit 5.000 Pesos (500€) dotierten Ideenwettbewerbs

Vernetzung verschiedenster lokaler Akteure

Wenn die Jung-UnternehmerInnen eine Unternehmensidee entwickelt haben und an ihre Unternehmensgründung gehen, werden sie im Rahmen des Projektes auch bei der Vernetzung mit weiteren hilfreichen Akteuren unterstützt. Dazu gehören lokale Banken, staatliche Förderinstitutionen und Unternehmerverbände. Außerdem wird ihnen bei der Vermarktung ihrer Produkte zum Beispiel durch Produktmessen oder einer Ausstellung ihrer Produkte in der Hauptstadt Salta, geholfen. Diese Zugänge können sie selbst zu Beginn nur schwer herstellen.

Zur Vernetzung, Verbesserung der Rahmenbedingungen und zur Verbreitung des Ansatzes werden außerdem Runde Tische zur lokalen Wirtschaftsentwicklung mit lokalen Akteuren von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft veranstaltet. Dadurch wird ein gutes Umfeld für die Mikrounternehmen geschaffen. In der Nachbarprovinz Jujuy hat der Weltfriedendienst einen weiteren Partner: Der Rat der Indigenen Organisationen von Jujuy. Gemeinsam mit diesem gibt es einen Austausch zu Good Pratices und Lessons Learnt. Dieser ist beiden Seiten zuträglich und schafft neue Möglichkeiten der Vernetzung.

Erst der Anfang

Das Projekt betritt mit seinem Ansatz in der Projektregion und mit der Zielgruppe Neuland. Nach der Aufbauphase ist für das kommende Jahr eine Evaluation geplant. Bei dieser wird der erreichte Stand, die Vorgehensweise und eine mögliche Anschlussphase reflektiert. Momentan müssen die ersten Produkte noch mit dem Projektauto die z.T. langen Wege zu Märkten und Messen unternehmen. Auch müssen erste Kontakte durch das Projektteam mit aufgebaut werden. Wenn nun Schritt für Schritt eigenständige Kontakte und Vermarktungswege entstehen, kommen wir dem Ziel näher, Einkommen und eine unabhängige, langfristige Tätigkeit zu schaffen. Damit ermöglichen wir gemeinsam mit der jungen indigenen Bevölkerung und ihren Familien neue Perspektiven jenseits von prekären Arbeitsverhältnissen, Armut und Migration.

Das Projekt ProSoCo

Projekttyp: Förderung nachhaltiger Mikrounternehmen durch Ausbildung, Begleitung und Vernetzung; Erhöhung selbstbestimmt generierter Haushaltseinkommen und Verringerung der Landflucht.

Projektbegünstigte: Direkt werden ca. 100 indigene JungunternehmerInnen des Departaments General José de San Martín gefördert, indirekt werden dadurch ca. 500 Personen in den familiären Haushalten der JungunternehmerInnen erreicht. Außerdem entstehen langfristig positive Beschäftigungs- und Einkommenseffekte bei Anstellung von MitarbeiterInnen sowie durch erhöhte Nachfrage auf den lokalen Märkten durch die neu gegründeten Unternehmen.

Lokaler Partner: Die NRO ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios) in Salta und deren lokale Partnerinstitution, die Schule für den ländlichen Raum EFA (Escuela de la Familia Agrícola) in Aguaray.

Zeitraum: 2013 – 2017

WFD-Kooperantin: Alicia Rivero

Finanzierung: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) + WFD-Spenden + Eigenbeitrag von ProSoCo.

06.07.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

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Von Christina Schug

Mehr als 100 Jugendliche aus vier Armenvierteln Recifes (Santa Luzia im Viertel Torre, Ilha Santa Terezinha in Santo Amaro, Roda de Fogo in Torrões und Caranguejo Tabaiares in Afogados), trafen sich im historischen Olinda, um mehr über Netze sozialer Beziehungen in ihren Gemeinden zu lernen und sie zu identifizieren.

Die Methode des „Tratamento Comunitário“ (Gemeindebehandlung) ist ein „Bündel von Aktionen, Instrumenten und Praktiken, die einen Prozess organisieren, mit dem Ziel, die Lebensbedingungen im Einsatzgebiet zu verbessern”, wie es der Forscher und Entwickler der Methode Efrem Milanese (1999) formulierte. Die Interventionen in den Armenvierteln basieren auf einer komplexen Erforschung der lokalen Realität und bieten dem sozialen System Unterstützung.

Die Fortbildung über Netzwerke, war auch ein Prozess der Wissensmultiplikation über das „Tratamento Comunitário“, denn sie wurde von den Jugendgruppenleiter_innen und Erzieher_innen der Institution selbst konstruiert und durchgeführt. Zuvor hatte das gesamte Team an einer intensiven fortlaufenden Weiterbildung über diese Methode teilgenommen und schon praktische Erfahrung in sechs Interventionsschulen in vier Favelas der Stadt Recife gesammelt.

Mit interaktiven und dynamischen Methoden lernten die Jugendlichen das Konzept von Netzwerken. Laut dem „Tratamento Comunitário“ gibt es folgende Typen von Netzen: das individuelle Netzwerk, das operative Netzwerk, das Ressourcennetz und das Netz der Líderes de Opinião (Führungspersonen), die in der lokalen Realität jeweils bestimmte Bedeutungen für deren Veränderung haben. Unterteilt pro Gemeinde und mit den Konzepten im Kopf, war es möglich, die lokalen Netze zu identifizieren, was später die Interventionen der Schüler unterstützen wird.

Bei diesem Treffen ging es vor allem darum, das Wissen über die Methode zu vertiefen. Ziel dabei ist die Nachhaltigkeit des Programms: in der letzten Phase sollen die Jugendlichen selbst Aktionen entwickeln, die das soziale Leiden bekämpfen, denn sie sind auch Bewohner_innen der Gemeinden. Mit Hilfe der Netzwerke werden sie unabhängig von Grupo AdoleScER, jugendliche Protagonisten in der Lösung von sozialen Konflikten sein.

 

22.07.2015

Gepostet in: Brasilien: Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education

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Wer wählt wen und warum? Eine Aktion von AdoleScER für ein bewußtes Wahlverhalten an einer Schule in einer Favela in Recife 

von Christina Schug

Vorbereitung der Wahlkampagne: Liderancas des WFD-Projekts PazAMIN Foto: C. Schug

Vorbereitung der Wahlkampagne: Liderancas des WFD-Projekts PazAMIN Foto: C. Schug

In Brasilien stehen in ein paar Tagen die Wahlen an: Das größte lateinamerikanische Land sieht sich vor der Herausforderung, zu entscheiden, wer die Führung übernehmen soll. Denn nicht nur die Präsidentschaft soll neu besetzt werden, auch die Posten vieler Politiker auf Staats- und Landesebene stehen zur Wahl. Im Vergleich zu Deutschland können die Bürger in Brasilien sich nicht entscheiden – sie müssen an die Wahlurne treten. Aber ob das ein Vor- oder Nachteil ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. Auch AdoleScER blickt mit gerunzelter Stirn auf die bevorstehenden Entscheidungen, die alle Bürger_innen zu treffen haben: „Das brasilianische Wahlsystem ist so komplex und die ganze Wahlwerbung so von Korruption, Geld und Meinungsbildung via nicht-unabhängiger Medien bestimmt, dass es für alle Brasilianer_innen, speziell aber für die arme Bevölkerung in den Favelas, in denen wir arbeiten, sehr schwer ist, zu entscheiden, für wen sie ihre Stimme abgeben“, erklärt ein Vertreter der Organisation. Demokratie und die Macht, die man besitzt, wenn man vielfältig informiert wählen darf, ist an vielen Orten wenig bekannt. Gerade die Schulen der Armenviertel schweigen das Thema tot. (mehr …)

02.10.2014

Gepostet in: Brasilien: Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education

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Eine Aktion der Gruppe AdoleScER im WFD-Projekt zur Gewaltreduzierung in Schulen und Gemeinden

Von Vanessa Silva und Christina Schug

„Não aponte o dedo“ (auf Portugiesisch) oder “Zeig nicht mit dem Finger auf jemanden“ war das Thema einer Schulaktion im WFD-Projekt zur Gewaltreduktion in Favelas von Recife.

Ein Mädchen in der Schule José Maria na Comunidade de Santo Amaro lässt sich ihren Zeigefinger rot lakieren. Foto: Grupo AdoleScER

Während der ersten Augustwoche haben die jugendlichen Multiplikator_innen von Grupo AdoleScER der vier Favelas (Armenviertel) Santa Lucia, Roda de Fogo, Caranguejo/ Tabaiares und Santo Amaro an ihren Schulen diese Aktion durchgeführt: Jede Schülerin, jeder Schüler, Lehrer, Lehrerin, Sicherheitskraft und sogar ein Polizist wurden aufgefordert, mitzumachen und sich als Zeichen ihren Zeigefinger rot lackieren zu lassen. Die Idee dahinter: „Ich verurteile oder diskriminiere niemanden, nur weil diese Person Kontakt zu Drogen, eine andere sexuelle Orientierung hat, arm ist oder sonst irgendwie anders ist, als wir es gewohnt sind und ich trage die Botschaft weiter. Der rote Fingernagel soll mich daran erinnern oder andere Menschen dazu bringen, nachzufragen“. Dabei sprachen die AdoleScER-Multiplikator_innen darüber, was es bedeutet, jemanden zu verurteilen, vor allem, wenn es sich um Konsument_innen von Drogen handelt. Wer sich bereit erklärte die Botschaft weiterzutragen, bemalte sich symbolisch den Zeigefinger rot. „Besonders erstaunlich war, dass auch jede Menge Jungs und sogar das Sicherheitspersonal mitgemacht haben“, findet Valquiria, eine weitere AdoleScER Friedensmultiplikatorin. (mehr …)

03.09.2014

Gepostet in: Brasilien: Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education

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