von Dr. Alicia Rivero, Fachkraft des Weltfriedensdienstes für lokale Entwicklung bei ProSoCo, Argentinien

„Zusammenleben funktioniert nur, wenn man den anderen respektiert und sich gegenseitig hilft“, sagt Luis Ortega. Der aufgeweckte 20-Jährige besucht die Schule für die bäuerliche Familie (EFA). „Hier habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen”, fügt er an. „Wir betrachten uns als eine große Familie“. Das ist das Besondere an der Escuela de la Familia Agricola Nr. 8178, kurz EFA, der Schule für die bäuerliche Familie. Sie wurde 19XX von Padre Martearena gegründet und ist inzwischen staatlich anerkannt.

Blick auf die Schule für bäuerliche Familien in Argentinien

Schule für bäuerliche Familien in Argentinien

EFA ist ein Bildungsangebot für Kinder im ländlichen Raum. Dort leben die meisten Menschen von Landwirtschaft, die gerade genug für die eigenen Bedürfnisse abwirft. Sie gehören überwiegend den pueblos originarios an, den Ursprungsvölkern Argentiniens. Micaela und Luis sind zwei typische Jugendliche der Region, die das Glück hatten, die EFA besuchen zu können. Luis Ortega lebt eigentlich in Aguaray, einer ländlich geprägten Kleinstadt mit ca. 5.000 EinwohnerInnen. Micaela Ruiz wohnt in La Loma, ein paar Kilometer außerhalb von Aguaray, auf einer Anhöhe, auf der sich vor 20 Jahren eine Gemeinde der Wichi angesiedelt hat. Hier im Nordwesten Argentiniens leben die meisten Nachfahren der Ursprungsvölker des Landes.

„Früher saß ich zu Hause in meiner Kleinstadt und konnte nichts Vernünftiges tun“ sagt Luis, „Das ist heute ganz anders; ich kann daheim einbringen was ich in der Schule lerne. Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben“.

Auch für Micaela Ruiz sind das Zusammengehörigkeitsgefühl und der gegenseitige Respekt etwas, was die EFA von anderen Schulen in der Gegend unterscheidet. Zur Schule gehört eine eigene Landwirtschaft mit Kühen, Schafen und Geflügel. Was sie da in der Praxis lernt, trägt sie weiter in die indigene Gemeinde, in der sie lebt. Toll findet sie, dass die Lehrerinnen und Lehrer für alle Probleme der SchülerInnen ansprechbar sind. Und das nahezu rund um die Uhr. Denn zur Schule gehören Unterkünfte, in denen diejenigen wohnen, die sehr weit weg leben. Micaela hat ihr erstes Jahr in der Schulunterkunft verbracht. Dabei gefiel ihr besonders, dass die LehrerInnen denen bei den Hausaufgaben helfen, die unter der Woche in der Herberge der Schule leben und nur am Wochenende zu ihren Familien fahren.  Seit sie das Wohnheim verlassen musste, weil ihre Mutter zu Hause alleine war, vermisst sie das abendliche gemeinsame Brotbacken mit den anderen SchülerInnen.

Schüler leisten einen wirtschaftlichen Beitrag

Neben dem Schulbesuch tragen Micaela und Louis zum Einkommen der Familie bei. Micaela stellt zusammen mit drei weiteren Frauen aus der Gemeinde Kunsthandwerk her. Als Material verwendet sie eine Pflanzenfaser, die aber wegen fortschreitender Abholzung immer schwieriger zu finden ist. Luis verkauft zusammen mit einer Freundin gefüllte Teigtaschen, eine regionale Spezialität. Bei einem Ideenwettbewerb für MikrounternehmerInnen, der im Rahmen des Weltfriedensdienst-Projektes in der Schule veranstaltet wurde, gewann er mit der Vorstellung seines kleinen Unternehmens den ersten Preis. Sein Wunsch ist ein ökologischer Ofen zum Ausbacken der Teigtaschen. In der Schule haben sie einen Ofen, der durch seine besondere Konstruktion mit weniger Holz auskommt. Ein Vorteil für seinen Geldbeutel und die Umwelt. Auch kann er bislang nur eine geringe Menge der empanadas genannten Teigtaschen lagern und verkaufen, da er keinen Kühlschrank hat. Da ist das von einer Institution für Mikrokredite gestiftete Preisgeld sehr willkommen.

03-Micaela Ruiz und Luis Ortega

Micaela Ruiz und Luis Ortega haben die Schule für bäuerliche Familien besucht – auch zum Nutzen ihrer Familien

Beide profitieren sehr von der Beratung durch die LehrerInnen. Finanziert vom Weltfriedensdienst konnten sie an Fortbildungen teilnehmen, die ihre Aufmerksamkeit auf wichtige Details richtete, die sie vorher nicht wahrgenommen hatten. Zum Beispiel was man schon alles bei der Planung bedenken muss oder wie sich ein Preis zusammensetzt. Micaela fällt es schwer, einen Preis für ihre Arbeit zu benennen, wenn sie Gemüse verkauft. Und so geht es auch Luis, wenn er Empanadas backt. Sie lernen, unternehmerisch zu denken, damit sie Perspektiven entwickeln können, die über die Selbstversorgung hinausgehen.

 

Das, was die LehrerInnen gelernt haben, haben sie inzwischen in einem ersten Kurszyklus an die SchülerInnen vermittelt. Inzwischen beginnt die Phase der Vertiefung. Um nicht die 20. Marmeladenproduktion zu beginnen oder das immer gleiche Kunsthandwerk anzubieten, wird gerade eine Marktstudie durchgeführt: Was hat Chancen, verkauft zu werden? Wo ist der beste Ort dafür? Aus den Ergebnissen wird dann ein Geschäftsplan entwickelt.

Vernetzung verschiedenster Institutionen und Personengruppen

Wichtig für den Erfolg des Ausbildungskonzepts ist die Vernetzung der Schule und ihres Anliegens mit NGOs der Indigenen, mit BürgermeisterInnen, Stadträten, Unternehmerverbänden sowie der Universität von Salta. Das geschieht über gemeinsame Treffen oder Radiointerviews mit SchülerInnen,

Die Interessen der indigenen Verbänden werden integriert, indem sie an der Wissensvermittlung teilnehmen können. So läuft derzeit mit der Unterstützung des Weltfriedensdienstes ein Kurs für KleinstunternehmerInnen in Ikira, einem Dorf der Ethnie Chane. PromotorenInnen unterrichten die Gemeinde in der indigenen Identität angepassten Formen des Emprendedurismo (Unternehmertum = Geschäftsplan, Organisation der Arbeit, Marketing). Das Projekt ist eines der Ergebnisse der Partnerschaft mit der Universität Salta. Sie unterstützt das Dorf bei der Entwicklung eines sanften Tourismus. Die DorfbewohnerInnen werden eine einfache Unterkunft, indigenes Essen und geführte Besichtigungstouren anbieten.

Ungewisse Zukunft

Viele Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden, gibt es nicht. Doch hier in der Gegend wollen Micaela und Luis auf alle Fälle bleiben, hier ist ihre Heimat, ihre Familie und die FreundInnen. Die Jugendlichen haben bereits erlebt, was es für eine Familie bedeutet, wenn der Anbau nicht genug Ernte bringt, um alle satt zu machen, oder wenn ein hoffnungsvoll gegründetes Kleinstunternehmen scheitert. Das prägt auch das Zukunftsgefühl von Micaela und Luis. In einem Jahr wird Luis die Schule mit dem Abitur beenden. Er ist noch unentschieden, was er dann machen wird. Bei Micaela ist es bereits Ende Dezember soweit. Für beide ist die Zukunft derzeit unsicher. Doch die LehrerInnen der EFA haben schon versprochen, auch nach dem Schulende AnsprechpartnerInnen für die SchülerInnen zu bleiben.

06.07.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

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Gepostet in: Argentinien: Indigene kämpfen um ihr Land

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