Agrarwende in Afrika
Für mehr Ressourcengerechtigkeit weltweit

Die neue Bundesregierung hat ihren Koalitionsvertrag im November 2021 vorgestellt, die Ampel-Zeichen stehen auf Umschwung. Wir freuen uns, dass vor allem den großen Herausforderungen des Klimawandels mit neuen Ideen und Fortschritt begegnet werden soll.

Aber reichen die Vorhaben zur Agrarwende aus, um einen nachhaltigen Wandel anzustoßen?

Aufbauend auf unserer Expertise für die Entwicklungspolitik im Agrarbereich in Afrika, haben wir einen genaueren Blick in den Koalitionsvertrag geworfen und auch unsere Partnerorganisation Enda Pronat aus Senegal um eine Einschätzung gebeten. Enda Pronat arbeitet seit den 80er Jahren in Senegal zu landwirtschaftlicher Entwicklung und engagiert sich vor allem für Agrarökologie.

Agrarwende in Afrika: Koalitionsvertrag lässt viele Fragen offen

Kommentar des Weltfriedensdienstes und seines Partners Enda Pronat, Senegal

Wie stellt die neue Bundesregierung sicher, dass die Förderung agrarökologischer Ansätze nicht auf die Umsetzung einiger Anbaumethoden reduziert wird?

Es ist nicht ausreichend, lediglich eine Reihe von ökologischen Anbaumethoden umzusetzen.

Vielmehr muss der ganzheitliche und gesamtgesellschaftliche Aspekt der Agrarökologie das Ziel sein. Die Programme müssen auf einer effektiven Beteiligung der lokalen Gemeinschaften beruhen, um soziale Gerechtigkeit unter Berücksichtigung der Genderaspekte zu gewährleisten.

Agrarökologie basiert auf ökologischen Prinzipien: der Ernährungssouveränität und dem Recht auf Nahrung. Agrarökologie wird auf vielfältige Art und Weise umgesetzt und ist optimal in lokale Ökosysteme und soziale Beziehungen eingebettet. Statt auf intensive Technik setzt Agrarökologie auf traditionelles Wissen und auf das Kulturerbe der Gesellschaft. Agrarökologische Systeme schützen natürliche Ressourcen und haben so das Potenzial, die Folgen des Klimawandels wie extreme Dürre oder anhaltende Regenfälle abzufedern und landwirtschaftliche Betriebe widerstandsfähig zu machen.

In der senegalesischen Gemeinde Dodel droht mehr als 3.000 Familien der Verlust von Wasser, Weideflächen und Land: „Die Politik lässt zu, dass sich die Stärksten die Ressourcen der Schwächsten aneignen. Aber nur wenn mein Land, mein Wasser und mein Wald gesichert sind, kann ich als Bauer überleben.Mehr erfahren

Das bedeutet: Ein ausreichend breites und repräsentatives Spektrum an Akteuren muss in Beratungen für Programme einbezogen werden, insbesondere Frauen und Jugendliche, aber auch die Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen. Die staatliche Unterstützung kann so die Bedarfe der verschiedenen Akteure für den agrarökologischen und sozial-ökologischen Übergang widerspiegeln.

Politische und rechtliche Rahmenbedingungen zur Förderung der Agrarökologie müssen sektorübergreifend in den Bereichen Agrar-, Forst-, Fischerei-, Umwelt-, Wasser-, Energie-, Gesundheits- und Handelspolitik mit dem Ziel der agrarökologischen Transformation der Lebensmittelsysteme verknüpft werden.

Leitet die neue Bundesregierung einen Modellwechsel in der globalen Landwirtschaft ein, der sich klar entscheidet für die Förderung der an den Klimawandel angepassten kleinbäuerlichen Landwirtschaft?

Die neue Bundesregierung muss sich von der Förderung industrieller Landwirtschaft abwenden, die nur auf Produktionssteigerung setzt, ohne soziale und ökologische Folgen zu berücksichtigen.

Unsere Partnerorganisation Enda Pronat betont daher: „Der agrarökologische Ansatz zur Neugestaltung eines nachhaltigen Ernährungssystems ist ein langfristiger Prozess. Die finanzielle Begleitung eines solchen Modellwechsels muss deswegen auch langfristig gesichert werden. Darüber hinaus: Die öffentlichen und privaten Finanzmittel für Landwirtschaft und Ressourcenmanagement sollten auf die Unterstützung der Agrarökologie umgeschichtet werden. Diese wird nicht von großen Agroindustriebetrieben umgesetzt, sondern hauptsächlich von Familienbetrieben und kleinen bis mittleren Unternehmen in vor- und nachgelagerten Produktionsstufen.

Von einem reinen Wissens- und Techniktransfer kann keine Rede mehr sein. Stattdessen sollten Methoden und Ansätze gefördert werden, die langfristig die Aneignung und Anpassung von Wissen und Techniken innerhalb der lokalen Gemeinschaften ermöglichen. Methoden des schnellen Transfers für bestenfalls kurzlebige Ergebnisse, die keinen Paradigmenwechsel auf politischer Ebene und der Praktiken auf der Ebene der Gemeinschaften anregen können, müssen vermieden werden.“

In den Feldschulen von Enda Pronat wird traditionelles bäuerliches Wissen wiederbelebt. Das Team unterstützt die Bäuer*innen, Feldversuche durchzuführen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen und ihren Betrieb weiter zu entwickeln. Mehr erfahren

Für Enda Pronat ist daher klar: „Alle Anreize für eine nicht-nachhaltige und ungerechte Landwirtschaft und Ressourcennutzung müssen beseitigt werden: Die öffentliche Politik sowohl im Senegal wie auch in Deutschland / Europa muss die Anschaffung alternativer Produktionsmittel fördern, die wichtige Hebel für den agrarökologischen Übergang sind. Subventionen für Pestizide und chemische Düngemittel verzerren die Preise und bieten keine Anreize für den Übergang.“

Wie gestaltet die neue Bundesregierung eine kohärente Entwicklungs- und Außenpolitik, die kleinbäuerliche Landwirtschaft strukturell stärkt und nicht weiterhin eine industrialisierte Agrar- und Ernährungswirtschaft begünstigt (Stichwort Compact with Africa)?

Die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik muss ihre Ausrichtung auf Agro-Industrialisierung mit ausländischem Privatkapital überdenken.

„Trotz des großen Potenzials und der zahlreichen laufenden Initiativen hat die agrarökologische Alternative in Westafrika Schwierigkeiten, sich durchzusetzen“, lautet die Analyse unserer Partnerorganisation Enda Pronat. Dies sei vor allem auf strukturelle Hindernisse zurückzuführen, die die Industrialisierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft begünstigen. Unter dem Einfluss internationaler Politik ist die Politik vieler afrikanischer Länder nach wie vor stark auf die Agro-Industrialisierung mit ausländischem Privatkapital ausgerichtet. Das trägt dazu bei, das Phänomen der Landnahme zu verstärken und die Anfälligkeit der bäuerlichen Gesellschaften, die die Agrarökologie tragen, zu erhöhen.

Die Ankündigung der Fortführung des Compact with Africa (CwA) lässt weiterhin die Tür für Auslandsinvestitionen durch Großunternehmen offen – auch solche aus der Agrarindustrie. Dies sei vor allem auf strukturelle Hindernisse zurückzuführen, die die Industrialisierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft begünstigen. Da das Risiko der Aneignung von Schlüsselressourcen (Land, Wasser, Biodiversität) nicht beseitigt wird, könnte dies die agrarökologische Transformation auf Dauer verhindern.

Vor allem im Hinblick auf die Entwicklung von nachhaltigen Landwirtschaftssystemen ist das nicht der richtige Weg. Denn: großangelegte ausländische Investitionen im Agrarbereich bleiben oft hinter den sozio-ökonomischen Versprechen wie Armutsreduzierung und Arbeitsplätzen zurück.

Jede fünfte Familie in Senegal ist mangelernährt oder hungert. Die nationale Agrarpolitik hat darauf keine Antworten. Enda Pronat fördert die Agrarökologie: Sie bringt bäuerliches Wirtschaften mit der natürlichen Umwelt in Einklang. So können die Dorfgemeinschaften die Erträge ihrer Felder erhöhen und Hunger und Mangelernährung besiegen. Mehr erfahren

Investitionen im Agrarsektor müssen unter Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen und unter Prüfung aller politischen und wirtschaftlichen Ziele durchgeführt werden, um zu einer tatsächlichen Verbesserung der sozio-ökonomischen sowie ökologischen Lage beizutragen, statt rein profitorientierten Interessen zu folgen. Wie beim Klimawandel muss das Thema zukünftige globale Ernährungssysteme ein Querschnittsthema der Politikgestaltung werden und die Ausrichtung der Landwirtschaft auf agrarökologische Systeme fester Bestandteil davon sein.

Erforderlich ist, dass Bereiche wie Wirtschafts-, Handels-, Sicherheits- und Landwirtschaftspolitik nicht länger den Zielsetzungen der Entwicklungspolitik widersprechen – oder sie unterlaufen. Dies wäre ein Paradigmenwechsel, mit dem die Ampel-Koalition ein deutliches Zeichen setzen würde.

„Es ist nicht möglich, parallel Modelle zu unterstützen, die sich gegenseitig schaden, also eine Sache und gleichzeitig ihr Gegenteil unterstützen.“, El Hadji Faye, Enda Pronat.

Das Engagement des Weltfriedensdienst: Für die Agrarwende weltweit

Die Analyse des Koalitionsvertrages, die wir zusammen mit Enda Pronat vorgenommen haben, zeigt: Neben den positiven Signalen bleibt eine Reihe an Fragen erst einmal unbeantwortet. Die entscheidende Frage ist also, was die Ampel jetzt daraus macht.

Wir engagieren uns mit Enda Pronat und unseren anderen Partnerorganisationen weiterhin für eine echte Agrarwende in Afrika und weltweit.

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Gemeinsam mit lokalen Partnern unterstützen wir Menschen, ihre Lebensumstände aus eigener Kraft zu verbessern. Als gemeinnützige Organisation der Entwicklungszusammenarbeit sind wir in mehr als 20 Ländern rund um den Globus aktiv.