🔎 Suchen
☎ Kontakt ✉ Newsletter

Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Die Indigenen sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin.

Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Die Indigenen sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin.

Über 30 Kunsthandwerkerinnen begingen den Abschluss einer vom Weltfriedensdienst geförderten Workshop-Reihe mit einer Ausstellung. Diese zog viele interessierte Besucher*innen an, darunter Privatpersonen und Unternehmer*innen.

Das Auditorium der Gemeindeverwaltung von Tartagal, einer Stadt im Norden Argentiniens nahe der bolivianischen Grenze, gehört heute etwa 30 indigenen Frauen aus den Ethnien der Chané, Wichi, Guaraní und Chorote. Meist müssen sie ihre Produkte am Straßenrand zu Dumpingpreisen verkaufen, damit die Familie am nächsten Tag zu essen hat. Heute fühlen sie sich als Künstlerinnen.

Auf Tischen und Holzbänken haben sie ihre farbenprächtigen Produkte liebevoll und dekorativ aufgebaut: die Weberinnen Taschen, Rucksäcke, Beutel, Strohtiere, Mobilés, Schmuck und Körbe und die Töpferinnen Tiere, Vasen, Becher, Kerzenständer aller Größen. Einige der Frauen erkennt man auf den überlebensgroßen Fotos, die den Produktionsprozess zeigen – das Formen des Tons, die Ernte der Lianenart Chaguar, die dann aufwändig zu einer stabilen Faser weiterverarbeitet wird, das Biegen von Weidengerten zu Körben.

Die Ministerin für indigene Angelegenheiten der Provinz Salta ist nicht die Einzige, die hier auch einkauft. Schnell füllt sie ihren neu erworbenen großen Einkaufskorb mit lokalen Produkten, die ihre Gäste künftig als repräsentatives Geschenk erhalten sollen. Und viele der Besucher*innen geben größere Bestellungen auf, was neu und aufregend für die Frauen ist. Bisher lebten sie von der Hand in den Mund.

Weltfriedensdienst unterstützt lokale Partner-NGO zum Angebot von Workshops mit Praxisbezug

Die Ausstellung ist der feierliche Abschluss einer Workshop-Reihe. Diese hatte PRO.SO.CO, die lokale Partner-NGO des Weltfriedensdienst, im Rahmen des gemeinsamen Projekts seit Mai 2019 realisiert. Ziel war es, das lokale Kunsthandwerk als Ausdruck der kulturellen Tradition der Gemeinden in Wert zu setzen. Dieses hochspezialisierte Handwerk soll künftig mehr als bisher zur sicheren Einnahmequelle für die Produzentinnen und ihre Familien werden.

Die Weberinnen haben in den Workshops gelernt, die Gestaltung noch besser dem Bedarf anzupassen und durch den Einsatz von recyceltem Plastik Arbeitszeit zu sparen. Bei der Ausstellung zeigen Frauen bereits Stücke, die z.T. aus Recycling-Material bestehen, ohne dabei an Attraktivität zu verlieren.

Bei den Keramik-Workshops konnten die Frauen ein traditionelles Handwerk wieder auffrischen, das viele schon aufgegeben hatten. Unter fachgerechter Anleitung bauten sie einen Ofen, der ihnen erlaubt, ihre Stücke bei höheren Temperaturen als bisher zu brennen. (Dass die Frauen die Neuerung schätzen, belegt, dass schon wenige Tage später eine Kursteilnehmerin den Ofen nachgebaut hatte.) Außerdem lernten sie neue Färbetechniken kennen. Sie können nun haltbarere Produkte in kräftigeren Farben produzieren.

Beide Gruppen einigten sich zudem jeweils auf eine Markenbezeichnung, um ihre Produkte künftig gemeinsam zertifizieren zu lassen und vermarkten zu können. Die Frauen haben vereinbart, auch in Zukunft ihre Erfahrungen auszutauschen.

Die Kommentare der Besucher*innen, die hohen Verkaufszahlen und die Vorbestellungen, zeigten: Die Aussichten der Kunsthandwerkerinnen haben sich spürbar erhöht, mit ihren Produkten Einkommen zu erzielen, die sie und ihre Familien ernähren. Genau das ist erklärtes Ziel des dreijährigen Projekts.

Lokale Meinungen zur Förderung der Indigenen Kultur

„Wir waren vergessen. PRO.SO.CO [die lokale Partner-NGO des Weltfriedensdienst] hat uns beigebracht, wie wir noch schönere Produkte herstellen können. Ihr habt uns zusammengebracht und uns gezeigt, was unsere Tradition wert ist.“
– Marcela Gomez, Weberin

„Mehr als der materielle Wert und mehr als die Arbeitszeit zählt die Tradition, die von unseren Großmüttern überlieferte Kultur, der ideelle Wert, der in den Produkten steckt.“
– Cazica Francisca Mendoza, Töpferin

„Bei den Workshops von PRO.SO.CO lernen die Frauen, den Preis ihrer Arbeit zu kalkulieren, die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und ihre Ware anzubieten. Diese Workshops sind der erste Schritt, damit sie mit hochwertigeren Produkten ihre materielle Situation und die ihrer Familien verbessern können.“
– Edith Azucena Cruz, Ministerin für indigene Angelegenheiten der Provinz Salta

Vision für die Zukunft: Mehr Sichtbarkeit für Indigene Kunsthandwerkerinnen

Der große Erfolg dieser Premiere beflügelt die Überlegungen bei PRO.SO.CO und dem eng mit der Organisation zusammenarbeitenden Sekretariat für Kultur und Tourismus von Tartagal, die Einrichtung einer ständigen Ausstellung in Angriff zu nehmen. Ein solches Vorhaben, für das noch eine Finanzierung gefunden werden muss, würde die Sichtbarkeit erhöhen, aber auch das Selbstwertgefühl der Kunsthandwerkerinnen deutlich stärken. Und es würde auch bei der Kundschaft – lokalen Unternehmern wie Hotelbesitzern und Touristen das Bewusstsein für den Wert des indigenen Kunsthandwerks und damit die Bereitschaft, dafür einen fairen Preis zu zahlen, steigern.

(mehr …)

03.11.2019

Gepostet in: Aktuelles, Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Die Indigenen sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin.

Unsere Fachkraft Alicia Rivero und Marcela Roldán von unserer Partnerorganisation „ProSoCo“ erklären im Jahresbericht 2017, wie sie indigene Gemeinschaften durch die Förderung von KleinunternehmerInnen in ihrem Überlebenskampf und dem Erhalt ihrer Kulturen unterstützen.

Während in Argentinien insgesamt nur ca. 2 % der Gesamtbevölkerung Indigene sind, lebt in unserer Projektregion, dem Department General San Martín der Provinz Salta im Norden Argentiniens, eine relativ große indigene Bevölkerungsgruppe, insbesondere der Völker Guaraní, Chané und Wichí. Der Mangel an Arbeitsplätzen, die sich ausbreitende Plantagenwirtschaft (insbesondere Sojaanbau) und die damit einhergehende Landvertreibung, die Abholzung der Wälder und die Effekte des Klimawandels haben zu schwindenden Lebensgrundlagen dieser indigenen Gemeinschaften geführt und verschlimmern ihre Marginalisierung. Beträgt die Armutsrate in Argentinien insgesamt nur 12,5 % liegt sie bei den indigenen Gemeinschaften in der Projektregion bei 60-70 %.

Auf Erdöl sitzend und trotzdem arm

Riesige Erdgasrohre führen durch Campo Durán, einer indigenen Gemeinschaft, 20 km von der bolivianischen Grenze entfernt. Hier ist der wichtigste Verteilerknoten für alle fossilen Brennstoffe, die im Norden Argentiniens gefördert werden. Doch die BewohnerInnen selbst haben keinen Zugang zum dort geförderten Gas. Bis zu ihrer Privatisierung in den 1990er Jahren waren die Ölraffinerien der Region immerhin ein bedeutender Arbeitgeber. Seitdem nahm die Arbeitslosigkeit enorm zu. 55 % der Jugendlichen des Departements sind arbeitslos. Landflucht in die großen Städte Argentiniens ist für die junge indigene Bevölkerung daher oft der einzige Ausweg. Ihre Gemeinschaften verlieren damit ihren produktiven Nachwuchs, die Sorge um die Alten und das Land. Und sie verlieren die Fortexistenz ihrer Kultur. Viele Familien sprechen nicht mehr in ihrer Muttersprache mit den Kindern, sondern in Spanisch, da sie vor Ort keine Perspektiven mehr für sie sehen.

Ohne Job- und Ausbildungsmöglichkeiten ist für die jungen Leute hier, an der Drogenroute nach Bolivien, auch die Versuchung des schnellen Geldes durch Drogenschmuggel groß. Dazu trägt auch die gesellschaftliche Diskriminierung der indigenen Bevölkerung bei, die ihre soziale und berufliche Integration erschwert.

Vor diesem Hintergrund startete unser Projektpartner ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios) mit einem an die lokalen indigenen Kulturen angepassten Modul im Lehrplan der von ihr betriebenen Berufsfachschule „Escuela de la Familia Agrícola“ (EFA): Indigene Jugendliche lernen hier, wie sie mittels Kleinunternehmertum selbstbewusst und eigenständig Einkommen erwirtschaften können. Mittlerweile werden die Module auch an weiteren Schulen in der Projektregion unterrichtet.

Neben der Ausbildung der SchülerInnen und der Fortbildung der LehrerInnen baute ProSoCo auch ein BeraterInnenteam auf, das vom KleinunternehmerInnen-Zentrum an der EFA aus berät. Die BeraterInnen begleiten die jungen UnternehmerInnen bei der Entwicklung ihrer Unternehmensidee: Welche Kleinkreditprogramme und Möglichkeiten zur Vernetzung gibt es? Wie können Synergien untereinander bei Beschaffung, Produktion und Vermarktung genutzt werden, auch in Form kollektiver Unternehmen? Wie können wir unsere Produkte hochwertiger und auch jenseits unserer lokalen Märkte vermarkten? Neben den UnternehmerInnen-Kursen und Beratungen organisieren sie Ideenwettbewerbe, lokale Produktmessen, gemeinsame Besuche anderer Messen im Land und Treffen mit staatlichen Behörden oder Unternehmerverbänden für bereits aktive indigene UnternehmerInnen.

Stabileres Einkommen

In Campo Durán realisierte ProSoCo im Jahr 2015 ein erstes Entrepreneurship-Training. Bei dieser Fortbildung lernten die TeilnehmerInnen u.a. die Herstellungskosten einer rituellen Chané-Holzmaske abzuschätzen. Bis dahin hatten die Handwerker z.B. noch nie den Wert ihrer eigenen Arbeitskraft berücksichtigt. Auch andere Kosten der Herstellung lernten sie einzubeziehen. Am Ende konnten die HandwerkerInnen die Preise ihrer Produkte im Verhältnis zu den Herstellungskosten und Marktpreisen kalkulieren und sich in einem zweiten Schritt um eine entsprechende Vermarktung auch jenseits ihrer lokalen Märkte bemühen.

Um das indigene Unternehmertum in der Region nachhaltig zu stärken, hat das Projekt einen Runden Tisch etabliert. Dieser setzt sich zusammen aus den Gemeindeverwaltungen vor Ort, dem Ortsverband der KleinunternehmerInnen, dem Ministerium für Indigene Angelegenheiten der Provinz Salta und VertreterInnen der indigenen UnternehmerInnen. Er trifft sich mindestens vier Mal im Jahr. In diesem Rahmen werden gemeinsame Aktivitäten wie Produktmessen oder die Kooperation mit nicht indigenen UnternehmerInnen geplant und ein erweiterter Zugang zu staatlichen Dienstleistungen ermöglicht. Neben dieser verbesserten regionalen Zusammenarbeit werden die Interessen der indigenen UnternehmerInnen im Austausch mit verschiedenen Ministerien auch überregional eingebracht und vertreten.

Dr. Alicia Rivero, Argentinien – Unsere Mitarbeiterin im Projekt Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben
Marcela Roldán, Argentinien – Mitarbeiterin unserer Partnerorganisation ProSoCo

28.09.2018

Gepostet in: Aktuelles, Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Die Indigenen sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin.

von Dr. Alicia Rivero, Fachkraft des Weltfriedensdienstes für lokale Entwicklung bei ProSoCo, Argentinien

Claudia-prosoco-argentinien-indigenaFrüher kannten wir die Unterernährung nicht“, seufzt Claudia Pascual. Die 56-jährige gehört der Ethnie der Wichí an. Immer wieder wird Argentinien durch den Tod von indigenen Kindern erschüttert. Die Mehrzahl der Todesfälle ereignet sich immer noch bei den Wichí in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens. „Heute sind unsere größten Probleme der Verlust unserer traditionellen Kultur, der Verlust unserer Sprache und der Verlust unseres Landes.“

Ihre traditionelle indigene Kultur und Sprache konnten die Wichí lange erhalten. Sie lebten von der Jagd und der Subsistenzwirtschaft. Ihr Land bestand aus fruchtbarem Grasland und Wald, und versorgte sie mit allem Überlebensnotwendigen. Die Transformation der Agrarproduktion in den letzten 40 Jahren aber machte auch vor solch abgelegenen Regionen nicht Halt: durch den ungebremsten Sojaanbau der Konzerne verloren die Wichí immer mehr Land und so die Grundlage ihres Überlebens. Die Wichí leben in  extremer Armut. Vor allem Wichí-Kinder sterben an Unterernährung. Vereinfachende Erklärungen und Vorurteile sind weit verbreitet, nicht nur in der argentinischen Mehrheitsgesellschaft, leider auch bei FunktionärInnen der Provinzregierung und bei Politikerinnen.

Heute jedoch kommt die größte Bedrohung für das Kulturerbe und das Überleben der Wichí von innen, erkennt Claudia: im Wandel ihres eigenen Lebensstils und in der Anpassung an die Moderne droht die Kultur der Wichí zu verschwinden. „In den 70er Jahren haben die Wichí-Kinder angefangen, die Erwachsenen nicht mehr durch ihre eigene Sprache zu sehen“, klagt Claudia. Sie haben Spanisch in der Schule gelernt, dabei aber allmählich ihre eigene Sprache verloren. „Heute wollen die Kinder Limonade Claudias Töchter Argentinien Indigeneund nicht mehr den Saft von wilden Früchten trinken.“  Claudia ist Sprecherin ihres Dorfes. Sie hat neun Kinder und über 20 Enkelkinder. Claudia und ihre Töchter sind starke Frauen. Zwei ihrer Töchter absolvierten eine Ausbildung bei COAJ, einer ebenfalls vom Weltfriedensdienst unterstützen Indigenen-Organisation in der Nachbarprovinz Jujuy.
 

Das ProSoCo-Projekt

Der Weltfriedensdienst unterstützt in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens die Nichtregierungsorganisation ProSoCo (Programas Sociales Comunitarios). ProSoCo kämpft für die Verbesserung der Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten der indigenen Bevölkerung. Junge Erwachsene werden im Rahmen des Projektes in der Gründung und Führung kleiner Betriebe ausgebildet und begleitet. Im November 2016 lud ProSoCo zu einer Tagung an der Universität von Salta ein. Indigene KleinstunternehmerInnen sollten sich über ihre Erfahrungen austauschen. Pflanzenfasern Kunsthandwerk Argentinien IndigeneViele KleinstunternehmerInnen, die z.B. als KunsthandwerkerInnen ihren kargen Lebensunterhalt verdienen, erfuhren von der Tagung durch Flugblätter, Plakatwerbung und Radiospots. Doch der Weg von den comunidades in die Provinzhauptstadt ist weit: Oft haben die Leute kein Geld für ein Busticket und die Straßen sind oft nicht asphaltiert, so dass bei Regen die Fahrzeuge im Schlamm stecken bleiben, bei Trockenheit im Sand. Umso überraschender war, dass selbst die Wichí-Frau Claudia mit vier Mitgliedern ihrer Familie zur Tagung kam. Am Ende der Tagung bestieg  sie spontan das Podium und hielt eine aufwühlende Rede über ihr Volk, ihre Kultur und den teilweisen Verlust ihrer Identität als Wichí. FunktionärInnen und TeilnehmerInnen hörten gebannt, aber auch sehr bewegt zu.

„Wir sind doch Künstler, wir haben unsere Lieder, Mythen und unsere Legenden. Mein Traum ist, dass es einen Raum für die Integration der Wichis in die Gesellschaft gäbe, damit wir ein würdevolles Einkommen haben und unsere Kinder nicht vor Hunger sterben.“Logo Prosoco Argentinien

Besuchen Sie hier die Webseite von ProSoCo: http://www.prosoco.org.ar/   

 

 

 

 

 

 

 

31.05.2017

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Die Indigenen sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin.

Indigene Schüler der landwirtschaftlichen Sekundarschule Escuela de la Familia Agrícola in Argentinien.

Schüler der landwirtschaftlichen Sekundarschule Escuela de la Familia Agrícola (EFA), Programas Sociales Comunitarios (ProSoCo) in Argentinien

Indigene sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Als Amerigo Vespucci 1502 als erster Europäer den Norden des heutigen Argentinien bereiste, fand er eine von den Inkas inspirierte, ausdifferenzierte Kultur vor. Es folgte eine Geschichte beispielloser Aneignung und Ausbeutung von Land und Ressourcen. Die Interessen und legitimen Ansprüche der lokalen Bevölkerung wurden vollkommen ignoriert. Und diese Geschichte setzt sich bis heute fort.

Indigene am Rande der Gesellschaft

Die weiße Mehrheitsgesellschaft des aufstrebenden Landes Argentinien hat die überlebenden Nachfahren der ursprünglichen Bevölkerung aus ihrem kollektiven Bewusstsein verbannt. So stehen heute die etwa zwei Millionen Menschen am Rande einer Gesellschaft, deren Gesetze nicht für sie gemacht wurden. In etwa einem Drittel der indigenen Haushalte können wichtige Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Die Kinder- und die Müttersterblichkeit ist extrem hoch, die Lebenssituation ist durch niedrige Einkommen, prekäre Wohnverhältnisse, unzureichende Wasserversorgung, Unter- und Fehlernährung gekennzeichnet.

Die Ergebnisse ungebremster wirtschaftsliberaler Politik

Kaum regulierte Privatinvestitionen sind Ergebnis ungebremster wirtschaftsliberaler Politik. Sie führt dazu, dass vermehrt Konflikte um Boden und Wasser entstehen. Dies und die Folgen des Klimawandels zerstören die Lebensgrundlagen der indigenen Gemeinden. Durch die Verdrängung der indigenen Landwirtschaft und des Handwerks verlieren die Gemeinden die Möglichkeit zur Selbsthilfe. Zwar gibt es sowohl auf Bundes- als auch auf Provinzebene zahlreiche Gesetze zum Schutz der indigenen Kultur, diese werden aber nicht oder nur mangelhaft und schleppend umgesetzt.

Entwicklung mit Identität

Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin. An der EFA, der Escuela de la Familia Agrícola, werden indigene Jugendliche bei der Entwicklung und Umsetzung von Kleinunternehmen unterstützt, die sich mit der indigenen Weltanschauung der Jugendlichen vereinbaren lässt.

03.02.2017

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Die Indigenen sind heute in Argentinien eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie haben mit besonders drastischen sozialen Problemen zu kämpfen. Um der indigenen Bevölkerung ein Leben in Würde zu ermöglichen braucht es „desarollo con identidad“ – „Entwicklung mit Identität“. Dabei geht es darum, die eigene Kultur zu bewahren, ohne sich dem Fortschritt zu verschließen. Unser Partner ProSoCo in der argentinischen Region Salta arbeitet auf dieses Ziel hin.

von Dr. Alicia Rivero, Fachkraft des Weltfriedensdienstes für lokale Entwicklung bei ProSoCo, Argentinien

„Zusammenleben funktioniert nur, wenn man den anderen respektiert und sich gegenseitig hilft“, sagt Luis Ortega. Der aufgeweckte 20-Jährige besucht die Schule für die bäuerliche Familie (EFA). „Hier habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen”, fügt er an. „Wir betrachten uns als eine große Familie“. Das ist das Besondere an der Escuela de la Familia Agricola Nr. 8178, kurz EFA, der Schule für die bäuerliche Familie. Sie wurde 19XX von Padre Martearena gegründet und ist inzwischen staatlich anerkannt.

Blick auf die Schule für bäuerliche Familien in Argentinien

Schule für bäuerliche Familien in Argentinien

EFA ist ein Bildungsangebot für Kinder im ländlichen Raum. Dort leben die meisten Menschen von Landwirtschaft, die gerade genug für die eigenen Bedürfnisse abwirft. Sie gehören überwiegend den pueblos originarios an, den Ursprungsvölkern Argentiniens. Micaela und Luis sind zwei typische Jugendliche der Region, die das Glück hatten, die EFA besuchen zu können. Luis Ortega lebt eigentlich in Aguaray, einer ländlich geprägten Kleinstadt mit ca. 5.000 EinwohnerInnen. Micaela Ruiz wohnt in La Loma, ein paar Kilometer außerhalb von Aguaray, auf einer Anhöhe, auf der sich vor 20 Jahren eine Gemeinde der Wichi angesiedelt hat. Hier im Nordwesten Argentiniens leben die meisten Nachfahren der Ursprungsvölker des Landes.

„Früher saß ich zu Hause in meiner Kleinstadt und konnte nichts Vernünftiges tun“ sagt Luis, „Das ist heute ganz anders; ich kann daheim einbringen was ich in der Schule lerne. Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben“.

Auch für Micaela Ruiz sind das Zusammengehörigkeitsgefühl und der gegenseitige Respekt etwas, was die EFA von anderen Schulen in der Gegend unterscheidet. Zur Schule gehört eine eigene Landwirtschaft mit Kühen, Schafen und Geflügel. Was sie da in der Praxis lernt, trägt sie weiter in die indigene Gemeinde, in der sie lebt. Toll findet sie, dass die Lehrerinnen und Lehrer für alle Probleme der SchülerInnen ansprechbar sind. Und das nahezu rund um die Uhr. Denn zur Schule gehören Unterkünfte, in denen diejenigen wohnen, die sehr weit weg leben. Micaela hat ihr erstes Jahr in der Schulunterkunft verbracht. Dabei gefiel ihr besonders, dass die LehrerInnen denen bei den Hausaufgaben helfen, die unter der Woche in der Herberge der Schule leben und nur am Wochenende zu ihren Familien fahren.  Seit sie das Wohnheim verlassen musste, weil ihre Mutter zu Hause alleine war, vermisst sie das abendliche gemeinsame Brotbacken mit den anderen SchülerInnen.

Schüler leisten einen wirtschaftlichen Beitrag

Neben dem Schulbesuch tragen Micaela und Louis zum Einkommen der Familie bei. Micaela stellt zusammen mit drei weiteren Frauen aus der Gemeinde Kunsthandwerk her. Als Material verwendet sie eine Pflanzenfaser, die aber wegen fortschreitender Abholzung immer schwieriger zu finden ist. Luis verkauft zusammen mit einer Freundin gefüllte Teigtaschen, eine regionale Spezialität. Bei einem Ideenwettbewerb für MikrounternehmerInnen, der im Rahmen des Weltfriedensdienst-Projektes in der Schule veranstaltet wurde, gewann er mit der Vorstellung seines kleinen Unternehmens den ersten Preis. Sein Wunsch ist ein ökologischer Ofen zum Ausbacken der Teigtaschen. In der Schule haben sie einen Ofen, der durch seine besondere Konstruktion mit weniger Holz auskommt. Ein Vorteil für seinen Geldbeutel und die Umwelt. Auch kann er bislang nur eine geringe Menge der empanadas genannten Teigtaschen lagern und verkaufen, da er keinen Kühlschrank hat. Da ist das von einer Institution für Mikrokredite gestiftete Preisgeld sehr willkommen.

03-Micaela Ruiz und Luis Ortega

Micaela Ruiz und Luis Ortega haben die Schule für bäuerliche Familien besucht – auch zum Nutzen ihrer Familien

Beide profitieren sehr von der Beratung durch die LehrerInnen. Finanziert vom Weltfriedensdienst konnten sie an Fortbildungen teilnehmen, die ihre Aufmerksamkeit auf wichtige Details richtete, die sie vorher nicht wahrgenommen hatten. Zum Beispiel was man schon alles bei der Planung bedenken muss oder wie sich ein Preis zusammensetzt. Micaela fällt es schwer, einen Preis für ihre Arbeit zu benennen, wenn sie Gemüse verkauft. Und so geht es auch Luis, wenn er Empanadas backt. Sie lernen, unternehmerisch zu denken, damit sie Perspektiven entwickeln können, die über die Selbstversorgung hinausgehen.

 

Das, was die LehrerInnen gelernt haben, haben sie inzwischen in einem ersten Kurszyklus an die SchülerInnen vermittelt. Inzwischen beginnt die Phase der Vertiefung. Um nicht die 20. Marmeladenproduktion zu beginnen oder das immer gleiche Kunsthandwerk anzubieten, wird gerade eine Marktstudie durchgeführt: Was hat Chancen, verkauft zu werden? Wo ist der beste Ort dafür? Aus den Ergebnissen wird dann ein Geschäftsplan entwickelt.

Vernetzung verschiedenster Institutionen und Personengruppen

Wichtig für den Erfolg des Ausbildungskonzepts ist die Vernetzung der Schule und ihres Anliegens mit NGOs der Indigenen, mit BürgermeisterInnen, Stadträten, Unternehmerverbänden sowie der Universität von Salta. Das geschieht über gemeinsame Treffen oder Radiointerviews mit SchülerInnen,

Die Interessen der indigenen Verbänden werden integriert, indem sie an der Wissensvermittlung teilnehmen können. So läuft derzeit mit der Unterstützung des Weltfriedensdienstes ein Kurs für KleinstunternehmerInnen in Ikira, einem Dorf der Ethnie Chane. PromotorenInnen unterrichten die Gemeinde in der indigenen Identität angepassten Formen des Emprendedurismo (Unternehmertum = Geschäftsplan, Organisation der Arbeit, Marketing). Das Projekt ist eines der Ergebnisse der Partnerschaft mit der Universität Salta. Sie unterstützt das Dorf bei der Entwicklung eines sanften Tourismus. Die DorfbewohnerInnen werden eine einfache Unterkunft, indigenes Essen und geführte Besichtigungstouren anbieten.

Ungewisse Zukunft

Viele Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden, gibt es nicht. Doch hier in der Gegend wollen Micaela und Luis auf alle Fälle bleiben, hier ist ihre Heimat, ihre Familie und die FreundInnen. Die Jugendlichen haben bereits erlebt, was es für eine Familie bedeutet, wenn der Anbau nicht genug Ernte bringt, um alle satt zu machen, oder wenn ein hoffnungsvoll gegründetes Kleinstunternehmen scheitert. Das prägt auch das Zukunftsgefühl von Micaela und Luis. In einem Jahr wird Luis die Schule mit dem Abitur beenden. Er ist noch unentschieden, was er dann machen wird. Bei Micaela ist es bereits Ende Dezember soweit. Für beide ist die Zukunft derzeit unsicher. Doch die LehrerInnen der EFA haben schon versprochen, auch nach dem Schulende AnsprechpartnerInnen für die SchülerInnen zu bleiben.

06.07.2016

Gepostet in: Argentinien: Indigene auf dem Weg in ein besseres Leben

Schlagwörter: , , , , , , , ,