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Ressourcenknappheit
Interview mit Prof. Dr. Ulrich von Weizsäcker

Der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker war von 2012 bis 2018 Ko-Präsident des Club of Rome, Ehrenratsmitglied des World Future Council und gab unlängst das Ressourcen-Buch “Wir sind dran” heraus.

Wir sind dran, sagt Prof. Dr. Ulrich von Weizsäcker. Der langjährige Ko-Präsident des Club of Rome, einer weltweiten Vereinigung von WissenschaftlerInnen und ÖkonomInnen, fordert im Interview mit dem Weltfriedensdienst eine neue Balance zwischen Ressourcen und Märkten.

 

Weltfriedensdienst: Herr Prof. Dr. von Weizsäcker, massive Fluten, extreme Hitzewellen, Ressourcenknappheit und das Klima wandelt sich – im 21. Jahrhundert ist die Erde aus der Balance. Wie sind wir dorthin gekommen?

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Eine Studie über die auf dem Boden lebenden Wirbeltiere der Erde gibt darin einen Einblick. Die Wirbeltiere wurden in drei Kategorien eingeteilt: 1. der Mensch, 2. die Haustiere – vornehmlich Schlachttiere – und 3. die Wildtiere. Das erschreckende empirische Resultat ist, der Mensch macht 30 % des Lebendgewichts der Wirbeltiere aus, die Haustiere 67 %, weil wir so furchtbar viel Fleisch essen, und für Wildtiere bleiben gerade mal 3 %. Also ein absolut groteskes Ungleichgewicht. Das würde sich bei den heutigen Trends bis 2030 noch einmal dramatisch verschlimmern, aufbauend auf der von Entwicklungsökonomen oft wiederholten Aussage: In den letzten 15 Jahren hat eine Milliarde zusätzlicher Menschen den Sprung in die soziale Mittelschicht geschafft und will folglich sehr viel mehr Fleisch essen.

 

Zudem wächst die Menschheit ständig. Vor 50 Jahren lebten 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, heute sind es 7,5 Milliarden. Wie können wir mit all dem umgehen?

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Strategien, die eine heißt Effizienz und die andere heißt Suffizienz. Effizienz heißt, man soll aus einem Quadratmeter Boden oder einem Hektoliter Wasser doppelt, viermal, achtmal so viel Wohlstand herauszaubern, als das heute geschieht. Das ist insbesondere für die Energie von großer Bedeutung, weil die Energie sich nicht zyklieren lässt. Da sind dann technische Entwicklungen wichtig, wie zum Beispiel die LED, die etwa zehn Mal so viel Licht pro Kilowattstunde abgibt wie die alte Glühbirne. Analog dazu ist das Passiv- oder das Plus- Energie-Haus. Auch da ist ein Faktor 10 in der Effizienzsteigerung drin. In der Landwirtschaft bedeutet das eine Rückführung von der sehr energieintensiven Massenviehhaltung in Richtung Weidevieh, allerdings mit weitaus geringerer Fleischausbeute. Analog ist es beim Wasser; man kann durch Tröpfchen- Bewässerung modernster Art, wie sie in Australien entwickelt worden ist, auch einen Faktor 4 der Verminderung des Wasserbedarfs für ausreichende Pflanzenbefeuchtung erreichen. Die Landwirtschaft ist heute der mit Abstand größte Wasserfresser weltweit, und das Wasser wird größtenteils auch noch subventioniert, obwohl wir weltweit eine große Wasserknappheit haben. Das lässt sich zum Teil mit technischen Mitteln weitgehend überwinden. All das bedeutet eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität.

 

Zudem fordern Sie eine Suffizienz.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Man braucht ein Gefühl für Genügsamkeit. Also am Wochen ende mal schnell nach Teneriffa düsen ist eine Sorte von Konsum, die mit hoher Lebensqualität oder gar mit Überlebensnotwenigkeit absolut nichts zu tun hat. Das ist eine andere Form von Fresssucht.

 

Wie müssen wir uns verändern?

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Luxuskonsum darf man sehr wohl einschränken. Natürlich bedeutet es auch eine gewisse Einschränkung des Flugverkehrs, zum Beispiel die Kündigung des völlig atavistischen Abkommens von Chicago von 1944, welches die Besteuerung von internationalem Flugbenzin verbietet. Das ist absolut grotesk. Dieses Abkommen ist geschlossen worden zur  Zeit von Charles Lindbergh – als es gerade mal ein paar Pioniere gab. Es war sozusagen ein Abkommen zur Förderung eines gewünschten technischen Fortschritts. Ich beschimpfe nicht die Menschen von 1944, aber in der Zeit des Massentourismus mit dem Flugzeug ist das eine schlichte Verfälschung der ganz normalen Steuerlogik, der Konsumsteuerlogik – das muss man dringend kündigen! Dann würden Billigflieger nicht mehr preislich die Bahn schlagen – was ja heute groteskerweise der Fall ist. Das würde ich nicht als Einschränkung der Lebensqualität ansehen, sondern als ein Geraderücken der angemessenen Preise.

 

Diese preisliche Schieflage besteht ja auch bei vielen anderen Ressourcen.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ich fange auch da wieder beim Politischen an. Insgesamt ist in den vergangenen 200 Jahren Energie – Primärrohstoffe und Trinkwasser – tendenziell billiger geworden und nicht etwa teurer, wie alle annehmen, trotz eines rasanten Verbrauchs der geologischen Vorräte. Einfach, weil das Verschiffen, das Raffinieren und das Marketing einem gigantischen technischen Fortschritt unterworfen waren. Das heißt also auch hier wieder: Wenn wir rationale Preisrelationen wollen, dann müssen wir aktiv – weil die Märkte das nicht hinkriegen – Energie und Wasser teurer machen. Ich habe im sogenannten China Council der chinesischen Regierung als Leiter einer entsprechenden Arbeitsgruppe den Vorschlag gemacht, in China Energie, Rohstoff e und Wasser um so viel Prozent zu besteuern, wie im abgelaufenen Jahr die Effizienz zugenommen hat, so dass man für Energiedienstleistungen im Folgejahr im Durchschnitt nicht mehr ausgibt als vorher. Das wäre also eine sozialverträgliche und wirtschaftsverträgliche Formel, die aber natürlich einen ungeheuren Einfluss auf das Verhalten der Investoren hat – die würden sagen: Oh Gott, das wird jetzt jedes Jahr teurer, dann müssen wir dringend endlich in die schlafende Energieeffizienz investieren.

 

Momentan wird eher in Massenproduktion investiert…

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: … mit der Folge einer Wegwerfgesellschaft . Diese würde dann langsam einfach schlicht verschwinden, weil es rational wäre, zum Beispiel Rohstoffe nach Gebrauch des betreffenden Gutes wieder in den Kreislauf zurückzuführen. Das ist heute absolut nicht der Fall.

 

Kürzlich wurde bekannt, dass die Deutschen den höchsten Plastikverbrauch haben, weil wir glauben, wir hätten ein weltweit einmaliges Recyclingsystem.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Wir sind in gewissem Sinne Recycling-Weltmeister und mit die allergrößten Naturverbraucher, weil erstens dieses Recycling von Plastik ziemlich schäbig ist. Da kommt längst nicht die alte Qualität heraus: nur 15 % des genutzten Plastiks wird wieder als Rohstoff genutzt. Der Rest wird schlicht verbrannt, wenn er nicht einfach in Form von Billigprodukten nach Afrika und Asien gebracht wird und endet dann in den Weltmeeren. Es ist schlicht unglaublich billig aus Öl Plastik zu produzieren, es wird immer mehr Öl in Plastik verwandelt und zwar in Billigstplastik. Wenn das Öl aber langsam teurer wird, dann wird sich die Industrie darum kümmern, dass die Werthaltigkeit des Plastiks von Jahr zu Jahr steigt. Dann hat Recycling auf einmal wirklich Sinn, im Gegensatz zu heute.

 

In der Friedensarbeit ist Ressourcengerechtigkeit ein wichtiges Thema. Wie können wir Gerechtigkeit herstellen?

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Das wurde vom wissenschaftlichen Beirat „Globale Umweltveränderungen“ vor zehn Jahren schon formuliert. Wir brauchen den sogenannten Budgetansatz für fossile Brennstoffe zum Klimaschutz, und der lautet so: Jedes Land hat über die Geschichte hinweg ein gleich großes Recht auf Nutzung der Atmosphäre. Die alten Industrieländer, die das seit 150 Jahren gemacht haben, haben ihr Budget der Atmosphärennutzung schon weitgehend aufgebraucht. Müssten wir nun in den Entwicklungsländern shoppen gehen, um Lizenzen zum Beispiel für diesen idiotischen Baumwollanbau zu kaufen, dann würde RWE sofort aufhören damit, weil es nicht mehr rentabel wäre. Dann würden die erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz auf einmal wichtig und richtig boomen. Dann würden sich die Investoren entsprechend umstellen. Und gleichzeitig, das ist das Schicke daran, würde es plötzlich über Nacht in den Entwicklungsländern den Umschwung geben. Von der heutigen Situation, wo ein neues Kohlekraftwerk eine Lizenz zum Gelddrucken ist, hin zu einer Situation, in der es lukrativer, ist ein geplantes Kohlekraftwerk nicht zu bauen, sondern den Übergang zu erneuerbaren Energien zu gestalten. Diese sind ja für Entwicklungsländer besonders interessant, um Energieeffizienz zu beschleunigen und die zugeteilten Lizenzen an die dummen Europäer und Amerikaner zu verkaufen. Heute sind 90 von 100 im Bau befindlichen Kohlekraftwerke in den Entwicklungsländern, das heißt also, wir Europäer haben null Chance auf eine Klimastabilisierung, wenn wir lediglich den Norden dazu kriegen – wir müssen die Entwicklungsländer ins Boot holen. Nur ist die Klimaverschmutzung heute eine Gelddruckmaschine und deswegen kann man keinem Entwicklungsland zumuten es zu unterlassen. Man muss also dafür sorgen, dass es dort lukrativ wird, das Richtige zu machen statt das Falsche.

 

Wie wäre das politisch umsetzbar?

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Das ginge über eine politische Kontingentierung. Frau Dr. Merkel hat bei der Klimakonferenz in Kopenhagen, ein Jahr nach Vorlage dieses Ansatzes, diese Idee mit dem Budgetansatz in die Klimaverhandlungen eingebracht. Allerdings haben die Amerikaner sozusagen automatisch gesagt: Nein, nicht mit uns, „it is not in the American interest and it concurs with the American way of life“.

 

Im neuen Bericht für den Club of Rome mit dem Titel „Wir sind dran“, den Sie mitverfasst haben, fordern Sie eine neue Aufklärung. Wie soll sie aussehen?

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Wir sind da relativ umstürzlerisch. Eine neue Aufklärung hat zunächst mal die Aufgabe, die Fehlentwicklungen der alten Aufklärung wahrzunehmen. Denn die aufgeklärten Europäer nahmen sich damit das Recht heraus, die Menschen in Afrika zu beherrschen.

 

Zudem fordern Sie eine neue Balance im Umgang mit Ressourcen auf allen Ebenen.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Genau, zum Beispiel zwischen Markt und Staat. Im angelsächsischen Raum haben wir eine massive Staatsverachtung und den fast religiösen Glauben, der Markt ist per definitionem, naturgesetzlich, besser als der Staat. Heute ist aber das Recht national und der Markt global – und dadurch ruchlos und gesetzlos. Das bewusst zu machen gehört auch zur neuen Aufklärung. Genauso wie eine vernünftige Balance zwischen Staat und Religion. Niemand will einen islamischen Staat oder einen christlichen Staat vor Luther. Aber ein Staat, der die Religion verachtet oder verbietet oder knechtet, ist auch idiotisch. Wir brauchen eine Balance. Auch zwischen Gerechtigkeit und Leistungsanreiz. Das ist der Dauerstreit zwischen links und rechts in der Politik: Die Linke will Gerechtigkeit, die Rechte will Leistungsanreiz. Aber beide haben Recht. Es geht darum eine vernünftige Balance herzustellen. Solche Elemente würden eine neue Aufklärung konstituieren. Das kann aber als Prozess, wie in den Jahrzehnten nach Immanuel Kant, dreißig Jahre dauern. Wir sagen überhaupt nicht, dass wir die richtigen Antworten haben. Wir haben erstmal die richtigen Fragen.

 

Was können wir dafür auf der Community-Ebene tun? Viele NGOs arbeiten bereits zum Thema Frieden und Ressourcen.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ich weiß aus Gesprächen mit Entwicklungsländern aus der NGO-Szene, dass die staatliche Entwicklungshilfe immer gekoppelt ist an die Zustimmung des Partnerstaates. Und der Partnerstaat ist häufig korrupt und egoistisch, ohne viel Rücksicht auf das Wohl der Bevölkerung. Darin liegt eine echte Grenze der deutschen, europäischen und weltweiten Entwicklungshilfe. Man ist da immer an die Staaten gebunden. Die NGOs aus Deutschland können mit den NGOs aus den Entwicklungsländern oder den Kommunen in diesen Ländern sehr viel lockerer umgehen und sie fragen: Was braucht ihr eigentlich? Dabei kommen unter Umständen ganz andere Antworten heraus als von der Zentralregierung.

 

Dieses Interview wurde geführt von Joachim Chr. Wehnelt und ist unter dem Titel “Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Was braucht ihr eigentlich?” im KOMPASS-Magazin (Nr. 7) des Weltfriedensdienst erschienen.