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Nachhaltigkeit und Veränderung in Chimanimani

von ULLI WESTERMANN (veröffentlicht im Querbrief 2/2007 – Nachhaltigkeit)

Nyuchi Dzakasimba – „Fleißige Bienen“ nannte sich die erste sechsköpfige Nachbarschaftsaktionsgruppe, die in Chikukwa, einer Gemeinde im Chimanimani-Distrikt arbeitete und sich für Ressourcenschutz und nachhaltige Landwirtschaft engagierte. Auf diesen Spuren wandelt nun auch TSURO, ein Verein, in dem sich 180 kleinbäuerliche Dorfgruppen zusammengeschlossen haben. Seinen Namen hat TSURO einem zimbabwischen Fabeltier entliehen, einem Hasen, der sich durch Weisheit, Beweglichkeit und Phantasie auszeichnet.

Der Ziegenkot wurde zuerst mit Wasser vermischt, bevor diese Jauche dem Komposthaufen beigemischt wurde. Diese Übung war Teil des ersten Permakultur-Kurses, der 1991 auf dem abschüssigen Grundstück der Piti-Familie im Chikukwa Communal Land stattfand. Zwar hatten die Bäuerinnen und Bauern schon immer Komposthaufen angelegt, aber die Idee mit der Jauche war durchaus neu.
Dennoch hat sich diese Innovation in Chikukwa nicht durchgesetzt. Auch nicht die nette Art, mit einem selbst gepflanzten Baum zu kommunizieren, um der jungen Pflanze mehr Aufmerksamkeit und Pflege angedeihen zu lassen: „Mangwanani muti!“ – Guten Morgen, Baum! Aber trotz solcher Vergänglichkeit ist die Erinnerung an diesen ersten Permakultur-Kurs auch heute noch sehr lebendig in Chikukwa.

Damals wurde ein Samen gepflanzt, der in Chikukwa auf guten Boden fiel, gehegt und gepflegt wurde und viele Früchte hervorbrachte, die heute auch über Chikukwas Grenzen hinweg geerntet werden. Dieser Samen bestand in dem Selbstvertrauen, als Gemeinde vereint aus eigener Kraft lernen zu können und eigenständig Veränderungsprozesse einleiten zu können. Chikukwa wurde eine Erfolgsstory in Sachen Nachhaltigkeit.
Der Weltfriedensdienst begann 1995, sich in Chikukwa zu engagieren. Bis 2003 wurden Programme in nachhaltiger Landwirtschaft und Ressourcenschutz gefördert. Mit gutem Erfolg. Diverse Studien bescheinigten, dass unter anderem die Verarmung der Böden durch Erosion eingedämmt wurde, sich die Ernährungssituation gerade der ärmeren Bevölkerungsschichten verbessert hatte, leichterer Zugang zu Feuerholz und Haushaltswasser bestand, die biologische Vielfalt erhalten und verbessert wurde und die Stellung von Frauen und Mädchen gestärkt worden war.
Das Chikukwa Permaculture Community Centre kann sich trotz der immensen ökonomischen Probleme in Zimbabwe selbst tragen. Eine Vielzahl von Gemeindemitgliedern hat sich zu guten Trainern entwickelt. Frauen und Männer aus der Gemeinde können Gruppen von bis zu siebzig Teilnehmern in den Gästeräumen unterbringen und mit guten Speisen nach traditionellen lokalen Rezepten bewirten. Dieses Managementkonzept verringert auf nachhaltige Weise die Fixkosten des Zentrums und ermöglicht kleinbäuerlichen Familien ein regelmäßiges Nebeneinkommen. Das Zentrum hat sich einen guten Ruf für gemeindebasiertes partizipatives Training erworben. Einnahmen aus Trainingskursen für Teilnehmergruppen aus Zimbabwe und angrenzenden Ländern des südlichen Afrikas ermöglichen es dem Zentrum, eine Belegschaft von drei Mitarbeitern zu beschäftigen. Nicht nur im Chimanimani-Distrikt gilt Chikukwa als Modell für nachhaltige Entwicklung.

Auch in Chikukwa war und ist der Wandel unaufhaltsam. Das System von menschlichen Beziehungen, ökologischen, ökonomischen Faktoren muss ständig neue Antworten auf die drastischen Herausforderungen finden, die sich in Zimbabwe in den letzten zehn Jahren in besonderer Weise herauskristallisiert haben. Selbst in der heutigen schwierigen Zeit mit einer Inflationsrate von über zweitausend Prozent ist die Überlebenskraft der Chikukwaner erstaunlich. Dazu hat auch das Permakultur Programm beigetragen, dessen konsequente Grundbedarfsstrategie einen hohen Grad an Nahrungsmittelsicherheit ermöglicht hat. In einer Atmosphäre politisch repressiver Polarisierung hat die Gemeinde interne Spaltungen überwinden können. Inmitten weit verbreiteter Depression im restlichen Zimbabwe herrscht in Chikukwa das Vertrauen auf die Zukunft vor. Das Erfolgsmodell hatte einen starken Mobilisierungseffekt auf andere Bezirke des Distrikts. 1999 war die Zeit reif dafür, die Erfahrungen Chikukwas auf einer breiteren Ebene zu verwerten. Die ‚Hasenbande‘ TSURO dzeChimanimani wurde geboren, ein Grassroots-Verein, in dessen Namen Towards Sustainable Use of Resources Organisation der Nachhaltigkeitsbegriff verankert ist. Zusätzlich zur geographischen Ausdehnung auf alle 21 Bezirke des Distrikts fand auch eine programmatische Verbreiterung statt. Auf einer Distriktkonferenz im Jahr 2001 argumentierten die Mitglieder, dass nachhaltige Entwicklung sich nicht nur auf natürliche Ressourcen beschränken dürfe. Vielmehr gehe es um nachhaltige Gemeindeentwicklung in einem ganzheitlichen Sinne. Natürliche Ressourcen können nicht von kranken und schwachen Menschen geschützt werden. Dementsprechend wurden drei Programmkomponenten entwickelt, die laut einer Bedarfserhebung die Eckpfeiler ländlicher Entwicklung darstellten:

• nachhaltige Landwirtschaft und Ressourcenschutz
• Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse
• Gemeindegesundheit mit Schwerpunkten auf HIV/AIDS, sanitären Bedingungen und Umwelthygiene

Gemeinsam mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst unterstützt der Weltfriedensdienst seit Mitte 2006 diesen breit angelegten Versuch, Ansätze nachhaltiger ländlicher Entwicklung auf eine Mainstreaming-Ebene zu befördern. Eine Vielzahl von Trainingsangeboten und praktischen Gemeindeprojekten sollen als Lernbeispiele dienen. Dazu gehört eine breite Palette an Maßnahmen wie Walderhaltung und Beweidungsmanagement, Wasserversorgung und Grundwassersicherung, Kleinviehförderungsprogramme, Agro-Forestry und andere Methoden der Bodenfruchtbarkeitsförderung, Frucht- und Honigproduktion, Latrinenbau, Stärkung von HIV-Gruppen und vieles mehr. Entwicklung im TSURO-Stil ist schon heute deutlich sichtbar auch in weit entlegenen Teilen des Chimanimani-Distrikts. Die ‚Hasenbande‘ hatte von dem ,Bienenschwarm‘ in Chikukwa gelernt, dass der Schlüssel zur Nachhaltigkeit in Elementen der Organisationsentwicklung liegt. TSURO hat eine sehr transparente und offene Organisationskultur entwickelt, die es dem Verein ermöglicht, auch in Zeiten politischen Kreuzfeuers effektiv zu operieren. Freie und faire vereinsinterne demokratische Wahlen gehören ebenso dazu wie kulturell angepasste Kommunikationsstrukturen, regelmäßige Reflektionsübungen und Moderationsmethoden, die kreatives Lernen innerhalb von Belegschaft, Vereinsvorstand und Gemeindebasis fördern. TSURO verwendet viel Zeit und Energie darauf, Beziehungen auf verschiedenen Ebenen zu fördern, die nachhaltiges Lernen ermöglichen – Beziehungen, die partnerschaftlich gestaltet und auf gemeinsamen Werten begründet sind. In der Vereinssatzung verankerte Werte wie Transparenz, Toleranz und Gerechtigkeit dienen ständig als Messlatte für die tägliche Arbeit. All dies sind Rahmenbedingungen, die zivilgesellschaftliches Engagement am Leben erhalten.

Im Mai 2007 nahm Julious Piti an der International Permaculture Conference in Brasilien teil. Dort konnte er sich mit nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbaumethoden im Amazonasgebiet auseinandersetzen und seine Erfahrungen als Kleinbauer in Chikukwa einbringen. Wer heute Pitis kleinbäuerliche Farm im knochentrockenen Bezirk Chakohwa besucht, tritt in eine grüne, produktive Oase ein. Vieles hat sich für die Pitis geändert seit 1991, als auf ihrem damaligen Grundstück in Chikukwa der Permakultur Einführungskurs durchgeführt worden war. Den Samen nachhaltigen Lernens haben sie auch in ihrem Bewußtsein keimen lassen. Man muss es ihm glauben, wenn er inmitten seiner Obstbäume feststellt: „Diese Erfahrungen bedeuten mehr Zukunft als alle Smaragde, die vielleicht auf diesem Grundstück verborgen sind.“

Ulli Westermann lebt mit seiner Familie seit über zwei Jahrzehnten in Zimbabwe. Seit 2006 ist er Kooperant des Weltfriedensdienstes.

07.09.2007

Gepostet in: Simbabwe: Gemeinschaftlicher Ressourcenschutz und Ernährungssouveränität, Simbabwe: Kampf gegen politisch motivierte Gewalt

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