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Die Angst vor einem Rückfall in die Zeit der Militärdiktatur ist in Myanmar größer als die Angst vor dem Militär © Jella Fink

 

Unsere Landeskoordinatorin Dr. Jella Fink war vor Ort, als das Militär die gewählten Abgeordneten festnahm, den Ausnahmezustand ausrief und zum Teil das Kriegsrecht verhängte. Der 1. Februar 2021 hat das Leben der Menschen in Myanmar schlagartig verändert. Landesweit wehrt sich das Volk mit Massendemonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam.

Bericht von Dr. Jella Fink

Ich bin überwältigt: Das gesamte Land befindet sich im Widerstand.” Er formiert sich generationenübergreifend in losen Netzwerken. Es gibt keine übergeordneten Leitungsstrukturen in der Widerstandsbewegung. Die Organisationen ethnischer Minderheiten und ihre Sicherheitskräfte haben der Protestbewegung ihre Unterstützung erklärt.

 

Ziviler Ungehorsam

Klar ist: Der Versuch der schnellen Machtübernahme des Militärs durch einen Staatsstreich ist gescheitert. Die Menschen wehren sich und viele riskieren Gefängnis, Folter, Jobverlust und das Überleben ihrer Familien. Die Bevölkerung entzieht sich der brutalen Gewalt des Militärs durch friedliche Mittel:

 

Streiks – Beschäftigte in Krankenhäusern, Schulen und Universitäten, Angestellte des öffentlichen Dienstes, des Banken- und Transportsektors, und Fabrikarbeiter*innen haben das Land komplett lahm gelegt.

Proteste – Obwohl sie ihr Leben gefährden, demonstrieren die Menschen mit Spontan-Protesten wie Flashmobs und anderen Aktionen, z.B. zu langsames Fahren, um den Verkehr stillzulegen.

Boykotte – Firmen der Streitkräfte werden boykottiert. In kürzester Zeit erfolgreich war der Boykott der populären Marke „Myanmar Beer“, einem Joint Venture mit einem japanischen Bierbrauer.

 

Diese Bewegung zivilen Ungehorsams (Civil Disobedience Movement) will das gesamte Land mit der Absicht stilllegen, es unregierbar zu machen. Und um den Streitkräften ihre finanzielle Grundlage zu entziehen.

Die Menschen in Myanmar bringen ihren politischen Willen für Wandel weiterhin sehr klar zum Ausdruck. Die Bürgerinnen und Bürger kämpfen für einen demokratischen, föderalen Staat, der die ethnischen Minderheiten einbezieht.

 

Brutale Gewalt gegen Zivilist*innen

Seit dem 1. Februar herrscht inmitten der Pandemie ein flächendeckender Ausnahmezustand. Das Militär setzt Kriegswaffen und Luftangriffe gegen Zivilist*innen ein. Mehr und mehr Menschen geraten in den Fokus des Militärs. Gegen hunderte Bürger*innen wurden Haftbefehle erlassen, darunter Parlamentarier*innen, Prominente, Influencer*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen. Tausende sind im Gefängnis, weil sie sich den Streitkräften widersetzt haben.

Das Militär foltert Zivilist*innen. Es richtet Protestierende mit gezielten Kopfschüssen hin und verschleppt die Leichname. Mehr als 800 Frauen, Männer und Kinder hat die Junta seit dem 1. Februar getötet, berichtet die örtliche Hilfsorganisation für politische Gefangene (AAPP). Menschrechtsaktivist*innen, Journalist*innen und Prominente müssen sich verstecken oder ausreisen. Trotzdem posten die Protestierenden Videos in den sozialen Medien, in denen sie die Gewalteskalation der Streitkräfte dokumentieren.

Wir beobachten weiterhin gezielte Attacken gegen medizinisches Personal und Krankenhäuser. Das sind klare Verstöße gegen internationales Völkerrecht.

Jede und jeder lebt in einem ständigen mentalen Belastungszustand. Nachts terrorisieren Festnahmen und Schusswechsel die Nachbarschaften. Niemand schläft mehr gut. Auch mir ging es so, und das, obwohl ich selbst glücklicherweise recht sicher untergebracht war. Die meisten hingegen sind den unberechenbaren nächtlichen Attacken des Militärs schutzlos ausgeliefert. Und es gibt niemanden, den sie zu Hilfe rufen könnten. Niemand ist mehr sicher, nicht einmal Kinder im eigenen Heim.

Durch den Genozid an den Rohingya ist uns bereits illustriert worden, wozu das Militär fähig ist. Dass Ähnliches nun landesweit geschieht, bedeutet für viele ein schmerzhaftes Erwachen. Die ruhig abgelaufenen Wahlen im November 2020 und das erfolgreiche Pandemiemanagement der zivilen Regierung im letzten Jahr hatten ja für eine Rückkehr zur Normalität gesorgt. Nicht im Ansatz haben wir diese Gewalteskalation vorhergesehen.

Trotz dieser Formen physischer und psychologischer Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung ist der Wille der Menschen ungebrochen. Im Gegensatz zum Militär hat die Mitte April gegründete Nationale Einheitsregierung das volle Vertrauen der Bürger*innen.

Die Menschen protestieren weiter, in vielen Fällen unter Einsatz ihres Lebens. Ihre Solidarität untereinander und das, was sie selbst opfern, um das Land endgültig dem Militär zu entreißen, sollte uns Ansporn sein, sie darin zu unterstützen.

 

Die Zukunft ist ungewiss

Im Überblick zeigt sich somit das Bild einer starken, im Kampf vereinten, im Ziel jedoch uneinigen Widerstandsbewegung. Diese steht einem mächtigen, noch im Aufbau befindlichen Militärstaat gegenüber. Dieser hat seinen Willen zur Machterhaltung bereits mehrfach bewiesen. Demgegenüber gibt es kaum Gründe, auf eine internationale Lösung zu hoffen. So zeichnet sich ein Belagerungszustand ab: Ohne das Volk wird das Militärregime kaum regieren können. Gleichzeitig ist kaum zu erwarten, dass das Militär in absehbarer Zeit Zugeständnisse machen wird.

Wenn es der Widerstandsbewegung gelingt, die Junta über längere Zeit in ihrer Regierungsfähigkeit einzuschränken, werden wahrscheinlich andere Probleme in den Vordergrund rücken: da ist vor allem die COVID-19-Pandemie und die daraus entstehende Wirtschaftskrise, aber auch der ungebrochene Konflikt der Ethnien und Religionen. Letzteren versucht das Militär bereits durch eine Strategie des Teile-Und-Herrsche zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Es bemüht sich, ethnische bewaffnete Gruppen auf seine Seite zu ziehen – bislang mit begrenztem Erfolg.

Welche Folgen wird es haben, wenn ein kaum regierungsfähiges Regime ohne Rückhalt in der Bevölkerung über längere Zeit an diesen Problemen scheitert? Das kann nur die Zukunft zeigen. Die Energie der aktuellen Widerstandsbewegung lässt hoffen, dass es neue progressive Kräfte sind, die gerade frei werden. Myanmar wird sie brauchen.

Dr. Jella Fink, Mai 2021

 

Ihre Spende macht einen Unterschied

Beteiligen Sie sich mit einer Spende an der Finanzierung von zwei anonym angemieteten, sicheren Häusern für Menschen, die von Haft bedroht sind. Die Kosten belaufen sich monatlich pro Haus auf 280 Euro, eine Laufzeit von 6 Monaten ist angedacht.


P.S.: Wie unsere Kolleg*innen aus den Partnerorganisationen in Myanmar auf diese Krise reagieren, berichten wir Ihnen nicht. Zu groß ist die Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Familien.

 

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27.05.2021

Gepostet in: Aktuelles, Myanmar: Friedensprozesse auf Gemeindeebene fördern

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21.05.2021

Gepostet in: Aktuelles, Stellenangebote

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Beengte Wohnverhältnisse unter der Besatzung © Timon Studler on Unsplash

 

Das Recht auf Gesundheit als grundlegendes Menschenrecht stellt Regierungen weltweit seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie auf die Probe. Lockdowns und Impfungen sollen die Pandemie beenden. Das ist jedoch ein Privileg, an dem nicht alle Menschen teilhaben können. Besonders deutlich wird das im besetzten palästinensischen Gebiet. Unsere Partnerorganisationen beobachten, was Pandemie unter Besatzungsbedingungen bedeutet.

 

Selektive Impfungen

Die israelische Regierung hat die eigene Bevölkerung in Israel und in den illegalen Siedlungen im besetzen Westjordanland fast durchgeimpft. Doch die Palästinenser*innen im besetzten palästinensischen Gebiet erhalten nur sehr erschwerten Zugang zu Impfstoffen.

Unser Partner, die Menschenrechtsorganisation Al-Haq, weist auf die Verpflichtung Israels als Besatzungsmacht entsprechend Internationalem Rechtes hin: der Besatzer ist für die medizinische Versorgung der besetzten Bevölkerung während einer Pandemie verantwortlich. Doch sowohl die Bereitstellung von Impfstoff als auch eine geeignete medizinischen Infrastruktur bleiben der palästinensischen Bevölkerung im besetzten Gebiet verwehrt.

 

Psychosoziale Situation gravierend verschlechtert

Unterversorgt bleibt die Bevölkerung auch bei der psychosozialen Gesundheit. Die Versorgung im besetzten palästinensischen Gebiet ist fast zum Erliegen gekommen. Auch unser Partner, das Guidance and Trainings Center (GTC) für Kinder und deren Familien in Bethlehem, kann aufgrund der Pandemieregeln nur noch Notfälle versorgen.

Schon vor der Pandemie litten viele unter der pausenlosen Fremdbestimmung, die das psychische Grundbedürfnis von Kindern und Jugendlichen nach Kontrolle und Orientierung untergräbt. Unsere Kollegin Marie Kurth vom psychologischen Team warnt: „Die Situation unserer jungen Patient*innen hat sich gravierend verschlechtert. Sie können ihre Teilhabe am Alltag überhaupt nicht mehr vorhersehen: Darf ich heute zur Schule, darf ich draußen spielen, wann kann ich zu meiner Therapeutin? Werden die Grundbedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt, macht das krank und anfällig für Störungen.“

 

Kinder verbleiben in Haft

Auch die Kinderrechtsorganisation Defense for Children (DCI Palestine) beobachtet, dass das Recht auf Gesundheit nicht für alle Gültigkeit hat. DCI Palestine stellt lapidar fest, dass der „Besatzungsbetrieb wie immer läuft, trotz Pandemie“. Das gilt ganz besonders für palästinensische Kinder in israelischen Gefängnissen.

Die Palästinensische Autonomiebehörde ist dem Aufruf von DCI Palestine gefolgt, jugendliche Inhaftierte aufgrund der besonderen Ansteckungsgefahr von Covid-19 in Gefängnissen sofort zu entlassen. Doch kein Kind in israelischer Haft wurde freigelassen. Im Gegenteil, mit Corona infizierte Kinder in israelischer Haft werden stigmatisiert und verbreiten das Virus in den Gefängnissen.

 

Geflüchtete weitgehend auf sich selbst gestellt

Auch palästinensische Geflüchtete sind als eine der besonders gefährdeten Personengruppe Schlusslicht in der medizinischen Versorgung. Das eigens für palästinensische Geflüchtete gegründete Hilfswerk UNRWA der Vereinten Nationen ist unter anderem für die medizinische Versorgung der Geflüchteten verantwortlich.

Unser Partner, das Resource Center for Palestinian Residency & Refugee Rights BADIL, dazu: „Schon zu Beginn der Pandemie konnte kaum die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung im besetzten Gebiet medizinisch versorgt werden. Auch nach einem Jahr Pandemie organisieren sich die Familien in den Lagern weiterhin selbst und beschaffen z.B. Sauerstoffgeräte kurzerhand privat. Palästinensische Geflüchtete müssen als Menschen behandelt werden, die in diese Situation hinein gezwungen wurden und aufgrund dessen Rechte von der internationalen Staatengemeinschaft zugesprochen bekommen haben. Somit ist die Umsetzung dieser Rechte in der Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft.“

Das gilt ganz besonders für die Umsetzung des Rechtes auf Gesundheit.

 

28.04.2021

Gepostet in: Aktuelles, Palästina: Law in the Service of Man

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Journalist*innen von Lokalradios interviewen den GTO-Koordinator Josè Carlos Lopes Correia (links) © Jasmina Barckhausen

 

Die zunehmende Gewalt gegen Journalist*innen bedroht auch die Arbeit des Friedensforums in Guinea-Bissau.

Landesweit trägt unsere Partnerorganisation zu Frieden und Gerechtigkeit in dem kleinen Land in Westafrika bei. Der Weltfriedensdienst fördert ein Netzwerk von elf Friedensgruppen in allen Landesteilen. Ausbildung in Konfliktanalyse, Vermittlung in Konflikten, Theaterworkshops zu deren Ursachen, Vorschläge für die Politik und Öffentlichkeitsarbeit über Radio und Social Media sind wichtiger Teil dieser Arbeit.

Als Lautsprecher für den Frieden spielen dabei freie und unabhängige Medien eine zentrale Rolle.
In Guinea-Bissau können 55,4 % der Menschen über 14 Jahre nicht lesen. Das Land liegt auf Platz 12 der Länder mit der niedrigsten Alphabetisierung.1Vgl. Welt in Zahlen (2018). Ländervergleich. Analphabeten. https://www.welt-in-zahlen.de/laendervergleich.phtml?indicator=49 (Quelle: The CIA World Factbook Daher ist die Tradition der mündlichen Weitergabe von Wissen, etwa über das Radio, so erfolgreich. Aus diesem Grund bildet GTO Radio-Journalist*innen aus, die über Lokal-Radios politische Bildung und medizinische Aufklärung in abgelegenen Gegenden verbreiten. Gerade erst hat eine Gruppe von Journalist*innen in einem Projektworkshop Sendungen für lokale Rundfunkstationen produziert. Das Thema: wie man Angst in Mut umwandeln kann.

Medienschaffende in Guinea-Bissau stehen immer mehr unter Druck. Erst kürzlich wurden zwei Journalisten entführt und brutal misshandelt. Systematische Entführungen, Drohungen, Einschüchterungen und Misshandlungen gefährden das Leben, die Sicherheit und die körperliche Unversehrtheit von Journalist*innen. Das macht auch die Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen deutlich, die Guinea-Bissau auf Platz 95 von 180 listet (2020: Platz 94). Die Regierung droht außerdem damit, private Radiosender zu schließen. Dies würde die Reichweite unserer Friedensarbeit einschränken und die Wirksamkeit schwächen.

 

Weltkarte der Pressefreiheit 2021 © Reporter ohne Grenzen

Ohne unabhängige Medien wird es in Guinea-Bissau keinen Frieden geben können. Die Pressefreiheit und das Recht der Journalist*innen auf freie Ausübung ihres Berufes sind in großer Gefahr. Eine massive Zunahme der Gewalt gegen Journalist*innen ist in Guinea-Bissau seit dem umstrittenen Amtsantritt des neuen Präsidenten zu beobachten. Einen Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie sieht unsere Kollegin vor Ort, Jasmina Barckhausen, insofern, „dass die Sicherheitskräfte generell brutal gegen die Bevölkerung vorgehen und Journalist*innen zur Zielscheibe werden, die das thematisieren. Die Fälle werden anscheinend nicht verfolgt.“

Der Medienrat unserer Partnerorganisation fordert in seiner Presseerklärung [PDF] die Einhaltung der Menschenrechte. Er fordert die Regierung von Guinea-Bissau auf, die Sicherheit von Journalist*innen und Bürger*innen im Allgemeinen zu garantieren, wie es die Verfassung der Republik Guinea-Bissau und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vorschreiben. Die Misshandlungen und Demütigungen müssen untersucht und angeklagt werden.

 

Was können Sie tun?

  • Sprechen Sie mit Politiker*innen und Journalist*innen, die Sie kennen
  • Senden Sie zusammen mit Ihren Kolleg*innen, Vereinsmitgliedern oder Gemeindegliedern eine Solidaritätsadresse an die Betroffenen in Guinea-Bissau (via info@weltfriedensdienst.de)
  • Drücken Sie gegenüber den Repräsentanten der Regierung von Guinea-Bissau respektvoll, aber klar Ihre Besorgnis aus (via Botschaft in Brüssel).

 

Beitrag aktualisiert: 21.04.2021. Grund: Reporter ohne Grenzen rankt Guinea-Bissau jetzt auf Platz 95, davor lag es noch auf Platz 94.

 

11.04.2021

Gepostet in: Aktuelles, Guinea-Bissau: Zivil-Militärischer Dialog

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Schwangere Demonstrantin: Der Mut zum Widerstand ist größer als die Angst vor der Militärdiktatur, Yangon, Myanmar, 09.02.2021 © Jella Fink

 

Der Staatsstreich am 1. Februar 2021 in Myanmar hat das Arrangement zwischen der Regierungspartei NLD und dem Militär jäh beendet. Das Militär begründet sein Vorgehen mit der Rettung der Demokratie – doch im Volk formiert sich Widerstand. Während Proteste täglich zunehmen, säht die Junta Angst. Sie nutzt alte Strategien, die zurück zum Militärstaat führen sollen. Ohne viel Hoffnung auf internationale Hilfe steuert das Land auf einen internen Belagerungszustand zu – mit ungewissem Ausgang.

 

Der Putsch geschah in der Nacht vor der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments. Seither hält die Junta zahlreiche Parlamentarier*innen sowie die Führung der wiedergewählten National League for Democracy (NLD) unter Aung San Suu Kyi fest. An ihrer Stelle installierte die Junta das State Administration Council, angeführt vom Oberbefehlshaber des Militärs, Min Aung Hlaing.

 

Die Rechtfertigung des Militärs

Nach Darstellung des Militärs diente die Machtübernahme der Bewahrung der Demokratie. Von den Wähler*innen abgestraft erhob die militärnahe Union Solidarity and Development Party (USDP) gegenüber der NLD wiederholt den unbelegten Vorwurf des Wahlbetrugs. Die NLD wies den Vorwurf jedoch als haltlos zurück. Die eingeleitete rechtliche Prüfung war zum Zeitpunkt des Putsches noch nicht abgeschlossen.

Diese Situation nutzte das Militär, um seine Machtergreifung mit der vermeintlichen Bedrohung demokratischer Strukturen zu rechtfertigen. Es rief einen einjährigen nationalen Notstand aus, an dessen Ende Neuwahlen stehen sollen. Dabei stützt sich das Militär auf eine eigenwillige Interpretation seiner 2008 verabschiedeten Verfassung. Doch es ist offensichtlich, dass es diese Verfassung durch sein Vorgehen selbst gebrochen hat.

 

Mögliche Gründe für den Putsch

Die Verfassung ist Teil eines lang vom Militär geplanten Reformprojekts. Die Reformen ermöglichten eine quasi-demokratische teilzivile Regierungsbildung, sicherten dem Militär aber entscheidende Macht in Parlament und Ministerien. Wieso gefährdet es diese Reformen nun durch einen Putsch?

Die Zivilregierung nutzte wiederholt Schlupflöcher im von Militär geschaffenen politischen System aus und bot ihm die Stirn. Mutmaßlich hat diese Konfrontation das Militär zunehmend in Alarmstimmung versetzt.

Der abgeblitzte Vorwurf des Wahlbetrugs ist dabei nur das jüngste Beispiel. Wahrscheinlich sah Min Aung Hlaing dadurch kurz vor seinem Ruhestand sowohl seinen Einfluss auf die Wahl seiner Nachfolge als auch seinen möglicherweise geplanten Wechsel in den zivilen Teil der Regierung gefährdet.

Das Militär entschied daraufhin wohl, diesmal endgültig seine Macht zu demonstrieren. Es entledigte sich Aung San Suu Kyis und der NLD unter dem Deckmantel eines vermeintlich verfassungsgemäßen Notstandes. Nun scheint es sein Reformprojekt in angepasster Form mit Min Aung Hlaing als Präsidenten neu aufzulegen.

Freiheit: Der Mut zum Widerstand ist größer als die Angst vor der Militärdiktatur, Yangon, Myanmar, 09.02.2021 © Jella Fink

Freiheit: Der Mut zum Widerstand ist größer als die Angst vor der Militärdiktatur, Yangon, Myanmar, 09.02.2021 © Jella Fink

 

Der Widerstand ist groß

Mit Blick auf die Reaktion der Menschen hat sich das Militär jedoch verkalkuliert: der überwältigende Teil der Bevölkerung leistet Widerstand. Nach zehn Jahren wachsender relativer Freiheiten formiert sich dieser generationsübergreifend in losen Netzwerken. Der Widerstand wird meist online organisiert. Es gibt keine übergeordneten Leitungsstrukturen. Im Wesentlichen tritt der Widerstand in drei Formen auf:

  1. Demonstrationen
    Menschen aus den verschiedensten Milieus und Regionen finden kreative Wege, um gewaltfrei zu protestieren. Es gibt Massenproteste oder Demonstrationen in kleineren Gruppen mit konkreter Zielsetzung: So sorgen sie z.B. vor Botschaften in Yangon für internationale Aufmerksamkeit. Oder sie halten Sicherheitskräfte davon ab, Streikende zur Arbeit zu zwingen.
  2. Ziviler Ungehorsam
    Das Civil Disobedience Movement (CDM) hat zum Ziel, den Staatsapparat durch flächendeckende Streiks arbeitsunfähig zu machen. Dies soll es der Junta unmöglich machen, ihren Anschein von Legitimität zu wahren – und sie letztlich an den Verhandlungstisch zwingen. Ein großer Teil der Angestellten des öffentlichen Dienstes aus dem Gesundheitswesen, dem Bildungssektor und einigen Ministerien steht mittlerweile hinter der Bewegung. Auch Angestellte in Banken und anderen hochqualifizierten, systemrelevanten Berufen verweigern der Junta ihre Arbeitskraft.
  3. Legitimes Parlament
    Die im November gewählten Parlamentarier*innen mussten sich verstecken, um der Verhaftung zu entgehen – und haben sich daher online getroffen und vereidigt. Um schnell handlungsfähig sein zu können, haben sie das Committee Representing Pyidaungsu Hluttaw gegründet. Tagungen müssen virtuell im Geheimen stattfinden. Trotz dieser ungewöhnlichen Umstände wird dieses Komitee als rechtmäßige Vertretung des Volkes weitreichend anerkannt.

Noch ist es zu früh, die Wirkung dieser Maßnahmen zu beurteilen. Eines ist jedoch klar: Die Menschen sind wild entschlossen, dem Militärregime ein Ende zu setzen. Weniger klar ist jedoch, was an die Stelle des Militärregimes treten soll. Für viele aus der Mehrheitsbevölkerung der buddhistischen Bamar scheint es die gewählte Regierung unter Aung San Suu Kyi zu sein. Für Myanmars viele ethnische Minderheiten geht es dagegen um eine Grundsatzfrage: Sie fordern die Abschaffung der vom Militär entworfenen Verfassung und den Aufbau eines föderalen Systems, in dem ihre Interessen adäquat vertreten werden.

IT Professionals: Der Widerstand ist größer als die Angst vor der Militärdiktatur, Yangon, Myanmar, 11.02.2021 © Jella Fink

IT Professionals: Der Widerstand ist größer als die Angst vor der Militärdiktatur, Yangon, Myanmar, 11.02.2021 © Jella Fink

Gefahr einer blutigen Niederschlagung

So hoffnungsvoll der Widerstand auch stimmen mag, so real ist die Gefahr einer blutigen Niederschlagung wie sie 1988 und 2007 geschah. Vier Wochen lang beschränkte sich das Militär auf die einschüchternde Wirkung gelegentlicher Gewaltanwendung. Seit wenigen Tagen schießen uniformierte Sicherheitskräfte bei Demonstrationen nun vermehrt  scharf und haben landesweit über 20 Protestierende getötet. Neuerdings üben in Yangon auch Mobs Gewalt aus. Sie versammeln sich zu Pro-Militär-Demonstrationen und werden vermutlich vom Militär bezahlt.

Die Mittel des Militärs sind Gewalt, die Verbreitung von Angst und die Kriminalisierung des Widerstands. Immer wieder schaltet das Militär zeitweise das Internet ab, seit dem 15. Februar regelmäßig von 1 Uhr nachts bis 9 Uhr morgens. Jede Nacht werden Menschen in ihren Häusern willkürlich verhaftet. So versucht die Junta Personen aus dem Verkehr zu ziehen, die es für zentrale Figuren in der Widerstandsbewegung hält. Durch Gesetzesänderungen legalisiert sie ihr Vorgehen und hat viele Grundrechte abgeschafft.

Vieles deutet darauf hin, dass das Militär erneut einen Überwachungsstaat errichtet: Behörden der lokalen Verwaltungsebene werden mit militärgetreuem Personal besetzt. Medienhäusern wird verboten, Begriffe wie „Putsch“ und „Junta“ zu verwenden. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis auch zivilgesellschaftliche Organisationen zur Zielscheibe werden.

 

Das Fehlen einer international abgestimmten Strategie

Die Protestierenden sind sich dieser Aussichten bewusst. Nicht zuletzt deshalb versammeln sie sich vor den Botschaften der USA und anderer liberaler Demokratien in Yangon und richten Hilferufe an die Vereinten Nationen. Einige fordern auch gezielte militärische Interventionen.

Dabei bleibt abzuwarten, welchen Einfluss internationaler Druck auf das Militärregime haben wird. Denn ausreichender Druck wird sich nur aufbauen lassen, wenn westliche Länder und die Länder der Region zusammenarbeiten.

Momentan zerfällt die internationale Gemeinschaft jedoch in zwei Lager:

  • klare Statements und erste gezielte Sanktionen aufseiten der westlichen Demokratien
  • Zurückhaltung in Asien seitens der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) und anderer entscheidender Länder, allen voran China.

Lässt sich diese Kluft nicht überwinden, werden die bislang vom Westen erlassenen Sanktionen wohl kaum mehr als eine symbolische Wirkung haben.

 

Die Zukunft ist ungewiss

Im Überblick zeigt sich somit das Bild einer starken, im Kampf vereinten, im Ziel jedoch uneinigen Widerstandsbewegung. Diese steht einem mächtigen, noch im Aufbau befindlichen Militärstaat gegenüber. Dieser hat seinen Willen zur Machterhaltung bereits mehrfach bewiesen. Demgegenüber gibt es kaum Gründe, auf eine internationale Lösung zu hoffen. So zeichnet sich ein Belagerungszustand ab: Ohne das Volk wird das Militärregime kaum regieren können. Gleichzeitig ist kaum zu erwarten, dass das Militär in absehbarer Zeit Zugeständnisse machen wird.

Wenn es der Widerstandsbewegung gelingt, die Junta über längere Zeit in ihrer Regierungsfähigkeit einzuschränken, werden wahrscheinlich andere Probleme in den Vordergrund rücken: da ist vor allem die COVID-19-Pandemie und die daraus entstehende Wirtschaftskrise, aber auch der ungebrochene Konflikt der Ethnien und Religionen. Letzteren versucht das Militär bereits durch eine Strategie des Teile-Und-Herrsche zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Es bemüht sich, ethnische bewaffnete Gruppen auf seine Seite zu ziehen – bislang mit begrenztem Erfolg.

Welche Folgen wird es haben, wenn ein kaum regierungsfähiges Regime ohne Rückhalt in der Bevölkerung über längere Zeit an diesen Problemen scheitert? Das kann nur die Zukunft zeigen. Die Energie der aktuellen Widerstandsbewegung lässt hoffen, dass es neue progressive Kräfte sind, die gerade frei werden. Myanmar wird sie brauchen.

Stand: 1.3.2021

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