Wasserkonflikte
Vom Wettlauf zum Krieg um Ressourcen?

Der Kampf um die Ressourcen der Erde ist in vollem Gange. Auch vom Wettlauf um die Arktis ist immer häufiger die Rede. Dahinter steht die Angst oder kühle Berechnung: Es ist nicht genug für alle da! Zumindest wenn die Bevölkerung weiter so anwächst, wie angenommen. Die Prognose, dass die bestehenden Kämpfe um Wasser sich radikalisieren werden, wenn der Wassermangel weiter steigt, liegt demnach nahe. Dass sich der „Rohstoff-Wettlauf“ der Nationen bald zu „Rohstoff-Kriegen“ entwickeln werden, scheint fast absehbar. Doch die Wissenschaft kommt zu ganz anderen Ergebnissen: Studien der letzten 20 Jahre zum Thema Kriege um Wasser und Wasserkonflikte führten nämlich zu zwei grundlegenden Erkenntnissen:

(1) Kriege um Wasser zwischen Staaten sind momentan nicht sehr wahrscheinlich. Im Gegenteil, Wasserverteilungskonflikte führen weit öfter zu Kooperation als zu Konfrontation zwischen Staaten.

(2) Anders sieht dies allerdings bei innerstaatlichen Konflikten aus. Auseinandersetzungen um knappe Wasserressourcen zwischen zwei oder mehreren Personengruppen eines Landes werden vermehrt gewaltsam ausgetragen.

Nil als Beispiel aus der Forschung

Die meisten heiß ausgetragenen Wasserkonflikte werden auf nicht-staatlicher Ebene zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ausgefochten. Häufig kommt es zu Auseinandersetzungen um Wasserquellen und Land in Flussgebieten zwischen (halb)nomadischen Viehzüchtern und sesshaften Ackerbauern. Es kann nicht von einem Krieg um Wasser die Rede sein. Vielmehr handelt es sich um Wasserkonflikte, die durch verschiedene Interessenslagen befeuert werden.

Ein gutes Beispiel für innerstaatliche Wasserkonflikte sind die Auseinandersetzungen zwischen Hirten und Kleinbauern aus der Oromia und Somali Region in Äthiopien. Zwischen diesen, im Einzugsgebiet des Blauen Nil und seiner Zuflüsse lebenden Bevölkerungsgruppen, kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen um Weideland und knappe Wasserressourcen.

Allerdings spielen in diesen Konflikten auch andere Faktoren eine wichtige Rolle. So wurden nach einer verheerenden Hungerkatastrophe in den 1980er Jahren massiv sogenannte „Nahrungsmittelhilfen“ von der internationalen Gemeinschaft nach Äthiopien exportiert. Selbst als die Menschen längst wieder in der Lage waren, sich selbst zu ernähren, riss die internationale „Hilfe“ nicht ab. Anstatt die äthiopischen Kleinbauern dabei zu unterstützen, wieder selbst auf die Beine zu kommen, nutzten EU und USA in einer Zeit der landwirtschaftlichen Überproduktion und randvoller Getreidespeicher die Chance, ihre Überschüsse nach Äthiopien zu exportieren. So verloren unzählige äthiopische Kleinbauern im Wettbewerb mit kostenlos verteilten Nahrungsmitteln ihre Existenz. Solche scheinbar hoffnungslosen wirtschaftlichen Bedingungen schüren weitere Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen und führen bei einer knappen Ressourcenlage oftmals zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Agroindustrie verschärft Wasserkonflikte und zwischenstaatliche Spannungen

Hinzu kommt, dass Äthiopien heutzutage Land im großen Ausmaß an ausländische Investoren verpachtet. Was diese auf den Ländereien produzieren, wird oftmals intensiv bewässert und später exportiert. Ein äthiopischer Exportschlager sind zum Beispiel Schnittblumen, die – genau wie in Kenia – wasserintensiv bewirtschaftet werden und so lokale Wasserknappheit verschärfen. Die sehr wasserintensiven Kulturen verbrauchen zusätzlich Wasser und verschärfen die Knappheit künstlich. Allerdings trägt der Wasserdurst der internationalen Agrarkonzerne nicht nur zu den Wasserkonflikten zwischen lokalen Kleinbauern und Viehhirten bei, sondern gräbt am Oberlauf des Nils auch Wasser ab, das den Menschen in Anrainerstaaten wie zum Beispiel dem Südsudan oder Ägypten fehlt.

Der wasserintensive und großangelegte Anbau von Agrarprodukten begünstigt somit nicht nur Wasserkonflikte auf innerstaatlicher Ebene, sondern auch Spannungen auf bilateraler und internationaler Ebene. Zwar ist bisher kein Krieg um Wasser geführt worden; allerdings bleibt abzuwarten, wie sich Wasserkonflikte auf substaatlicher Ebene entwickeln und inwieweit diese Akteure auf zwischenstaatlicher Ebene beeinflussen. Ob die zwischenstaatliche Kooperation anhält und inwieweit Konflikte auf innerstaatlicher Ebene friedlich und konstruktiv gelöst werden, hängt natürlich von den einzelnen Akteuren ab. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Potenzial für einen Krieg um Wasser eher gering und es bleibt zu hoffen, dass Wasserkonflikte weiterhin so konstruktiv und positiv gelöst werden.

Zwischenstaatliche Wasserkooperation am Beispiel Nil

Der längste Fluss der Welt fließt durch zehn Länder. In seinem Einzugsgebiet leben 140 Millionen Menschen, die weitgehend von seinem Wasser abhängig sind. Jedoch nicht nur die Menschen selbst sind von seinem Wasser abhängig, sondern auch die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Länder. Besonders Ägypten am Unterlauf des Flusses ist vollständig abhängig von der Wasserpolitik der Nilanrainer am Oberlauf. Ägypten deckt 90 Prozent seines Wasserbedarfs aus dem Nil. In der Vergangenheit hat Ägypten aufgrund seiner Sorge um die Verteilung des Nilwassers mehrfach mit Krieg gedroht, bspw. angesichts des äthiopischen Vorhabens, große Staudämme am Oberlauf des Nils zu bauen. Schließlich entstammen 86 Prozent des Nilwassers der Äthiopischen Hochebene. So sagte der damalige ägyptische Präsident Anwar Sadat 1979: “Der einzige Grund für Ägypten, wieder in den Krieg zu ziehen, ist Wasser.”

Der spätere UN-Generalsekretär Boutros Boutrous-Ghali befürchtete 1988: “Im nächsten Krieg in unserer Region wird es nicht um Politik gehen, sondern um das Wasser des Nils.” In der Realität erwiesen sich Aussagen wie diese zum Glück als verbales Säbelrasseln. Die von Streitigkeiten um Wasser real ausgehende Kriegsgefahr ist gering. Im Gegenteil, Wasserkonflikte bieten die Chance auf langlebige Kooperation zwischen Anrainerstaaten, selbst dort, wo man es am wenigsten erwartet. Die International Water Treaties-Datenbank der Universität von Oregon listet zum Beispiel mehr als 400 historische und aktuelle Wasserabkommen auf. So hat es zwischen 1891 und 1994 alleine auf das Wassereinzugsgebiet des Nil bezogen, 19 internationale Abkommen gegeben. Ein weiteres Indiz für eine verstärkte Kooperation ist die enge Zusammenarbeit der Anrainerstaaten. So treffen sich die Vertreter der Nil-Länder einmal jährlich auf höchster Ebene im “Nile Council of Ministers” (Nile COM), um Konflikte im Zusammenhang mit Wasser friedlich und konstruktiv zu lösen.

Gemeinsam mit lokalen Partnern unterstützen wir Menschen, ihre Lebensumstände aus eigener Kraft zu verbessern. Als gemeinnützige Organisation der Entwicklungszusammenarbeit sind wir in mehr als 20 Ländern rund um den Globus aktiv.