Pragmatisch. Zugewandt. Optimistisch.
So haben wir Reiner erlebt. Wer mit ihm zusammenarbeitete, begegnete einem herzensguten Menschen, der aufmerksam zuhörte, unterschiedliche Sichtweisen ernst nahm und auch in schwierigen Situationen zuversichtlich blieb. Reiner war ein erfahrener Friedensarbeiter – und zugleich jemand, der nie glaubte, schon alle Antworten zu kennen. Er stellte Fragen, schuf Raum für Reflexion und suchte gemeinsam mit anderen nach Wegen, die sich auch in der Praxis bewähren.
Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von unserer Friedensfachkraft und unserem Kollegen Reiner Ort.
Seit 2022 gehörte Reiner zum Bolivien-Programm des Weltfriedensdienstes. In Sucre arbeitete er eng mit unserer Partnerorganisation Fundación Acción Cultural Loyola (ACLO) zusammen und war zugleich mit weiteren Partnerorganisationen im Zivilen Friedensdienst verbunden. Für ihn begann wirksame Friedensarbeit mit der Nähe zu den Menschen und ihren Lebensrealitäten. Er arbeitete mit indigenen und bäuerlichen Gemeinden, mit lokalen Akteur*innen in den Naturschutzgebieten im Süden Boliviens, mit jungen Radioschaffenden und den Teilnehmenden der Friedensschulen von ACLO.
Besonders am Herzen lag ihm die Friedenstheatergruppe „Gestores de Paz“, die er mit aufbaute und begleitete. Mit den Mitteln des Theaters macht die Gruppe Konflikte und gesellschaftliche Spannungen sichtbar und bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Genau darin lag eine von Reiners großen Stärken: Räume für Austausch zu schaffen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsam nach Wegen zu suchen, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten.
Dabei ging es ihm nicht darum, fertige Antworten vorzugeben. Reiner war überzeugt, dass Veränderungen von den Beteiligten selbst getragen werden müssen. Seine Aufgabe sah er darin, Menschen und Perspektiven zusammenzubringen, gemeinsames Lernen zu ermöglichen und die Handlungsfähigkeit der Partnerorganisationen zu stärken.
Diese Haltung prägte Reiners Arbeit über mehr als drei Jahrzehnte hinweg. Einen großen Teil dieser Zeit verbrachte er in Lateinamerika. Seit 2000, fast von Beginn an, war er für verschiedene Trägerorganisationen im Zivilen Friedensdienst tätig.
In Peru arbeitete Reiner mit Menschen, die vom bewaffneten Konflikt betroffen waren. Er unterstützte die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission und begleitete Angehörige von Verschwundenen bei der Entstehung eines Erinnerungsmuseums zum peruanischen Bürgerkrieg in Ayacucho. In Kolumbien wirkte er an Friedensschulen mit, bildete Multiplikator*innen in Menschenrechts- und Friedensarbeit aus und begleitete Dialogprozesse zur Bearbeitung von Landkonflikten.
Später koordinierte er Programme des Zivilen Friedensdienstes in Kolumbien, Zentralamerika und Bolivien. Auch in diesen Funktionen war ihm die unmittelbare Beziehung zu den Menschen wichtig. Er vernetzte Partnerorganisationen und Fachkräfte, moderierte Gespräche in Konfliktsituationen und entwickelte Strategien gemeinsam mit den Beteiligten – nicht über ihre Köpfe hinweg.
Reiner war überzeugt, dass zivile Friedensförderung angesichts wachsender sozialer, politischer und ökologischer Spannungen notwendiger ist denn je. Frieden bedeutete für ihn mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Frieden entstand dort, wo Menschen einander zuhören, wo Konflikte offen und respektvoll ausgetragen werden können und wo unterschiedliche Erfahrungen und Interessen ihren Platz finden.
In seinem Motivationsschreiben formulierte Reiner selbst, was ihn auszeichnete:
„Ich sehe eine meiner Stärken darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen, Reflexionsräume zu schaffen und gemeinsame Lernprozesse zu begleiten.“
Darin erkennen wir Reiner wieder. Und darin liegt vieles von dem, wofür auch der Weltfriedensdienst steht: Respekt vor den Menschen vor Ort, partnerschaftliche Zusammenarbeit, gemeinsames Lernen und das Vertrauen darauf, dass tragfähige Veränderungen nur miteinander entstehen können.
Mit ihm verlieren wir einen warmherzigen Kollegen, einen klugen und erfahrenen Friedensarbeiter und einen Menschen, der andere ermutigte, miteinander im Gespräch zu bleiben. Sein Optimismus, seine Klarheit und seine Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen, werden uns fehlen.
Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freund*innen, bei den Kolleg*innen und Partnerorganisationen in Bolivien und bei all den Menschen, die Reiner auf seinem langen Weg begleitet hat.
Wir werden Reiner sehr vermissen.