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Zum Abschied von Helge Löw (1929–2026)

Bolivien
Frauen stärken
Menschenrechte verteidigen
23. Juli 2026

Immer unterwegs. Immer neugierig.

So beschrieb Helge Löw sich selbst einmal.

Wer sie kannte, würde vermutlich ergänzen: warmherzig, humorvoll, beharrlich und voller Interesse an anderen Menschen. Eine Frau, die zuhörte, Fragen stellte und Brücken baute. Eine Frau, die sich bis ins hohe Alter einmischte, wenn sie Ungerechtigkeit sah – und die den Weltfriedensdienst über Jahrzehnte geprägt hat. Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von unserer Ehrenvorsitzenden Helge Löw.

 

Geboren 1929, erlebte Helge Löw als Kind Nationalsozialismus und Krieg. Die Erfahrung, wie Propaganda Menschen gegeneinander aufbringen kann und welche Folgen Ausgrenzung und Gewalt haben, prägte sie tief. Sie sagte später, sie habe sich damals um ihre Jugend betrogen gefühlt. Vielleicht erklärt gerade das, warum sie ihr Leben der Verständigung, den Menschenrechten und dem Frieden widmete.

Von 1956 bis Ende 1970 lebte und arbeitete Helge Löw im Nahen Osten – unter anderem in Jordanien und im Libanon. Sie lernte Arabisch, arbeitete mit Frauen in Jordanien zusammen und erlebte Kriege und politische Umbrüche aus nächster Nähe. Während des Schwarzen September 1970 übersetzte sie für medizinische Teams und unterstützte die Versorgung der Zivilbevölkerung. Diese Jahre machten sie zu einer ebenso kenntnisreichen wie glaubwürdigen Brückenbauerin zwischen unterschiedlichen Lebenswelten.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete Helge zunächst als Lehrerin und setzte sich intensiv mit der befreienden Pädagogik Paulo Freires auseinander. Der dialogische Ansatz, Menschen ernst zu nehmen und Veränderungen gemeinsam mit ihnen zu gestalten, prägte ihr Denken weit über die Schule hinaus.

Sie brachte in diese Partnerschaft nicht nur ihre Sprachkenntnisse und ihre Erfahrung ein. Sie brachte vor allem großen Respekt für die Menschen vor Ort mit. Helge war überzeugt, dass nachhaltige Veränderungen nur gemeinsam mit den Menschen entstehen können – nicht über ihre Köpfe hinweg. Begegnung auf Augenhöhe war für sie keine Floskel, sondern gelebte Haltung.

Diese Partnerschaft besteht bis heute. Darüber freute sich Helge sehr. Solange es ihr möglich war, reiste sie regelmäßig nach Palästina, besuchte Freundinnen und Freunde im Westjordanland und begleitete auch Dienstreisen von Mitarbeitenden des Weltfriedensdienstes. Auch als Ehrenvorsitzende verfolgte sie die Arbeit des Weltfriedensdienstes aufmerksam und nahm – solange ihre Kräfte es zuließen – an Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen teil.

Die friedens- und menschenrechtspolitische Arbeit des Weltfriedensdienstes zu Palästina begleitete sie aufmerksam und kritisch und warb immer wieder für eine klare Solidarität mit den Menschen unter Besatzung. Die Frauenkooperative arbeitet bis heute weiter. Doch der Krieg, der längst auch das Westjordanland erreicht hat, sowie Abriegelungen, Checkpoints und weitreichende israelische Bewegungsbeschränkungen erschweren es den Frauen erheblich, ihre Stickereien zu vermarkten und damit Einkommen zu erzielen. Dass diese Verbindung zwischen den Frauen vor Ort und dem Weltfriedensdienst seit fast fünf Jahrzehnten trägt, war Helge ein Herzensanliegen. Sie hat diese Partnerschaft über viele Jahre mit großer Hingabe begleitet und geprägt.

Auch nach ihrem Berufsleben blieb sie unermüdlich aktiv – im Weltfriedensdienst, in der deutsch-palästinensischen Verständigungsarbeit, in ihrer Nachbarschaft in Berlin-Schöneberg und in der Bildungsarbeit mit Frauen mit Migrationsgeschichte. Wer ihr begegnete, erinnert sich an ihre Klarheit, ihre Zugewandtheit, ihren Humor und ihren ansteckenden Optimismus.

Noch in den letzten Wochen ihres Lebens empfing sie Freundinnen und Weggefährtinnen zu Hause. Obwohl ihre Kräfte spürbar nachließen, blieb sie geistig hellwach. Sie fragte nach dem Weltfriedensdienst, wollte wissen, wie es den Partnerorganisationen ging, sprach über Palästina und freute sich über den Duft der Nelken vor ihrem Fenster.

Im Dokumentarfilm über ihr Leben sagt Helge einen Satz, der ihr Denken vielleicht am besten zusammenfasst:

„Ich bin eigentlich immer zwischen den Seiten gestanden. Ich habe immer vermittelt.“

Und sie formuliert einen Wunsch, der bis heute aktuell ist:

„Ich wünsche mir, dass die Palästinenser endlich gleichwertig, auf Augenhöhe mit den Israelis reden – und die Israelis auf Augenhöhe mit den Palästinensern. Dass beide Völker gleichberechtigt in Frieden leben können.“

Mit Helge Löw verliert der Weltfriedensdienst eine Wegbereiterin, eine kluge Ratgeberin und eine treue Freundin. Ihr Leben erinnert uns daran, dass Frieden dort entsteht, wo Menschen einander mit Respekt begegnen, Beziehungen wachsen dürfen und Dialog wichtiger bleibt als Konfrontation.

Wir werden Helge Löw sehr vermissen.